Kitzingen

Ist das Epilepsie oder Demenz?

Wenn ältere Menschen „Aussetzer“ haben, muss man ganz genau hinschauen - es könnte Epilepsie sein. Am 25. Juli gibt es in Kitzingen einen Vortrag zu diesem Thema, samt Tipps, wie Betroffene und Passanten mit der neurologischen Krankheit richtig umgehen.
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Haben wir nicht alle unsere Anfälle? Dieses Bild eines Theaterstücks über Epilepsie thematisiert auf humorvolle Weise die Störungen im Gehirn. Foto: Archiv-Foto: Mariann-Menke
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Wenn jemand plötzlich einen Krampfanfall bekommt, wirkt das erst einmal befremdlich oder gar angsteinflößend. Doch Epilepsie ist weder ansteckend noch zum Fürchten. Diplom-Sozialpädagogin Simone Fuchs von der Epilepsieberatung Unterfranken hat wertvolle Tipps parat, wie Betroffene und Passanten mit der neurologischen Krankheit richtig umgehen.

Noch immer heißt es mancherorts, Epilepsie sei eine Geisteskrankheit.

Simone Fuchs: Das ist vollkommen falsch. Epilepsie ist eine neurologische, organische Erkrankung. Sie kann entstehen, wenn das Gehirn geschädigt ist, entweder durch Blutungen oder Durchblutungsstörungen, durch Gewalteinwirkung, genetische Veranlagung oder auch Demenz. Und Epilepsie ist auch gar nicht selten! Weltweit ist knapp ein Prozent der Bevölkerung betroffen, das heißt, die Krankheit ist ähnlich verbreitet wie die Volksleiden Gelenkrheuma und Diabetes. Aber leider nicht so bekannt.

Es kann jederzeit passieren, dass man – entweder als Patient oder Beobachter – mit einem epileptischen Anfall konfrontiert wird. Für Laien: Wie sieht ein solcher aus?

Den einen, typischen Anfall gibt es nicht. Die Symptome sind sehr vielfältig. Die bekannteste Art eines epileptischen Anfalls ist sicher der richtig große Anfall, bei dem sich der Patient versteift, manchmal sogar umfällt, mit zuckendem Körper. Der Betroffene beißt sich zum Beispiel auch auf die Zunge, produziert mehr Speichel als normal oder nässt sogar ein. Aber das ist nicht die häufigste Anfallsform. Weitaus öfter erleiden Menschen einfache Anfälle, bei denen sie nur kurzzeitige Bewusstseins- und Motorik-Störungen haben, zum Beispiel einen Krampf in Arm oder Bein. Und dann gibt es noch die komplex-fokalen Anfälle: Die Patienten sind nicht bewusstlos, aber in einer Art Dämmerzustand, in dem sie sinnlos anmutende Bewegungen vollführen, etwa an der Kleidung herumnesteln.

Wann erkranken die meisten Menschen?

Die einen, die erblich Belasteten, erkranken schon in der Jugend. Viele andere erst im Alter von 60 bis 80 Jahren. Das kommt daher, dass es im Alter ohnehin Änderungsprozesse im Gehirn gibt. An all diesen Änderungen können sich epileptische Anfälle entzünden; sie können also zum Beispiel auch die Folge eines Schlaganfalls sein.

Ist Epilepsie im Alter schlimmer als in der Jugend?

Grundsätzlich gilt: Im Alter – vor allem, wenn degenerative Erkrankungen schon eine Rolle spielen – ist es schwieriger, die richtige Diagnose zu stellen als in der Jugend. Je schwerer der Anfall, desto eher wird er von Bewusstseinsstörungen begleitet. Vor allem kleinere Anfälle sind aber nicht so leicht als solche zu erkennen: War das jetzt Epilepsie oder Demenz? Da muss die Devise lauten: Ganz genau beobachten! Gerade für Angehörige und Pflegekräfte.

Lässt sich Epilepsie gut behandeln?

Ja, grundsätzlich sind Epilepsien sehr gut behandelbar. Bis zu zwei Drittel aller Erkrankten können mit Medikamenten anfallsfrei werden.

Kann man sich vor der Krankheit schützen?

Nein. Epileptische Anfälle kommen – oder sie kommen nicht. Man kann die Krankheit nur feststellen oder ausschließen, und zwar per EEG oder MRT. Steht die Diagnose, kommt es auf die Gesamtsituation an, wie behandelt wird. Jüngeren Menschen hilft manchmal eine Operation des betroffenen Hirnareals, weil man da die Ursache noch beheben kann. Bei älteren Patienten funktioniert das nur selten. Immer steht natürlich die Frage an erster Stelle, in welcher Hirnregion die Anfälle ihren Lauf nehmen; ob man da überhaupt das Messer ansetzen kann oder ob das zu gefährlich ist.

Welche Nebenwirkungen haben die Behandlungen? Wie beeinträchtigt die Krankheit den Alltag?

Erst ist die Diagnose natürlich oft ein Schock. Das Vertrauen in den Körper geht verloren, zudem existieren in vielen Köpfen noch Vorurteile. Das Unberechenbare – „Wann kommt der nächste Anfall?“ – ist für Betroffene und Angehörige oft erst einmal schwierig zu ertragen. Mit der Zeit wird man gelassener, das Vertrauen in den Körper kehrt zurück. Manche Betroffene haben nur ganz selten Anfälle oder merken kurz zuvor sogar, wenn ein Anfall kommt – man sagt, sie haben eine Aura. Das kann ein seltsamer Geschmack auf der Zunge sein oder kribbelige Hände. Diese Vorboten eines Anfalls tragen dazu bei, dass Patienten und Angehörige sich auf das Kommende vorbereiten können und sich nicht mehr so ausgeliefert fühlen.

Was sollte man tunlichst nicht tun, wenn man an Epilepsie erkrankt ist?

Man sollte generell möglichst nicht stürzen; das heißt im Umkehrschluss: gut auf sich aufpassen! Stürze schränken die Lebensqualität zusätzlich ein und tragen dazu bei, dass Anfälle entstehen können. Man sollte nicht alleine schwimmen und baden gehen. Und erst einmal nicht Auto fahren – das ist für viele überhaupt die größte Einschränkung. Bei aktiver Epilepsie gilt ein einjähriges Fahrverbot. Das ist eine einschneidende Sache. Aber auch dafür findet sich eine Lösung.

Was raten Sie Verwandten und Bekannten: Wie sollen sie mit Epilepsie-Kranken umgehen?

Bei einem großem Anfall: Ruhe bewahren, den Kopf des Patienten weich lagern, damit er sich nicht verletzt, und den Epilepsie-Kranken in die stabile Seitenlage bringen. Meist sind die Anfälle nach drei bis fünf Minuten vorbei; diese Zeit kann man einfach abwarten und zur Sicherheit bei den Patienten bleiben. Wenn die Epilepsie bekannt ist, braucht keiner einen Krankenwagen zu rufen. Bei anderen Anfällen ist es oft so, dass man sie erst mal als solche erkennen muss; das ist gar nicht so leicht. Wenn man merkt, jemand reagiert auf nichts oder ist längere Zeit nicht ansprechbar, sollte man die Möglichkeit der Epilepsie in Betracht ziehen und das Ganze mit dem Arzt abklären.

Was erwartet die Besucher Ihres Vortrages am Dienstag in Kitzingen?

Es wird um Ursachen, Diagnostik und Therapie der Epilepsie gehen. Außerdem sprechen wir darüber, wie man die Diagnose verarbeiten und wie man danach den Alltag gestalten kann. Ich stelle auch konkrete Hilfen vor und gebe Tipps. Und es wird ein kurzer Film gezeigt werden, in dem ein Betroffener seine Situation schildert.

Epilepsie im Alter: Vortrag und Beratung

Einladung: Diplom-Sozialpädagogin Simone Fuchs von der Epilepsieberatung Unterfranken (Träger ist die Stiftung Juliusspital) kommt am Dienstag, 25. Juli, nach Kitzingen und hält auf Einladung der Fachstelle für Pflegende Angehörige Kitzingen einen Vortrag über Epilepsie und Alter. Beginn ist um 19 Uhr in den neuen Räumen der Fachstelle, die vor kurzem zusammen mit der Sozialstation St. Hedwig in die Paul-Eber-Straße 16-18 gezogen ist. Der Eintritt ist frei.

Fachstelle: Die Fachstelle ist eine Beratungsstelle für pflegende Angehörige. Träger ist der Caritasverband Kitzingen in Kooperation mit der Diakonie. Leiterin Petra Dlugosch (Gerontologin M.SC. und Sozialpädagogin) und ihr Team informieren über Hilfs- und Entlastungsmöglichkeiten und beraten zu Problemstellungen und Fragen hinsichtlich Alter, Pflege und dem Krankheitsbild Demenz.

„Die neuen Räume in der Paul-Eber-Straße bieten mehr Möglichkeiten für Vorträge, regelmäßige Kurse und Treffen rund um das Thema 'Alter und Pflege'“, freut sich Petra Dlugosch. Informationen über Angebote gibt es online: www.demenz-kitzingen.de, per Telefon 09321/ 22030 oder Mail: petra.dlugosch@caritas-kitzingen.de

Epilepsieberatung Unterfranken: Kinder, Jugendliche und Erwachsene finden in der Juliuspromenade 19 in Würzburg Rat und Hilfe in Sachen Epilepsie. Außerdem sind die Mitarbeiter regelmäßig bei Außensprechtagen anzutreffen, damit Patienten keine langen Wege haben.

Nächster Sprechtag: Der nächste Sprechtag in Kitzingen findet am Freitag, 22. September, von 10 bis 15 Uhr in der Klinik Kitzinger Land statt. Die telefonische oder persönliche Beratung kann jeder ohne Überweisung vom Arzt in Anspruch nehmen; allerdings ist es ratsam, vorher anzurufen und einen Termin zu vereinbaren: Tel. 0931/ 393-1580. Infos gibt es auch online: www.epilepsieberatung.de

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