DETTELBACH/UNSLEBEN

In Unterfranken: Angst um Land-Apotheken

Apotheker aus Unterfranken sind über das Urteil aus Luxemburg entsetzt. Sie fürchten vor allem um Land-Apotheken, die keinen großen finanziellen Spielraum haben.
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Arzneimittel
Rezeptpflichtige Medikamente kosten in Deutschland überall gleich viel – egal, ob man sie in einer ausländischen Versandapotheke oder beim Apotheker vor Ort kauft. Jetzt hat der Europäische Gerichtshof die Preisbindung gekippt. Foto: Foto: Daniel Reinhardt, dpa

Unterfrankens Apotheker sind „geschockt“. „Dieses Urteil hat doch keiner erwartet“, sagt Bernward Unger aus Dettelbach (Kreis Kitzingen), der Vorsitzende des unterfränkischen Apothekerverbands.

In der Branche habe man damit gerechnet, dass die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente bleibe. Wenn sie in Zukunft wegfalle, gefährde das mittel- bis langfristig die Versorgung der Bevölkerung und sicherlich auch die Existenz der niedergelassenen Apotheker, sagt Unger. Besonders bedroht seien kleinere Apotheken auf dem Land.

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Um nachvollziehen zu können, warum ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg mittelfristig dazu führen kann, dass in der Rhön, im Spessart oder im Steigerwald der ein oder andere Apothekersohn möglicherweise bald die alteingesessene Familienapotheke nicht mehr weiterführen will und die ein oder andere Jung-Pharmazeutin sich eine Neueröffnung nicht mehr zutraut, muss man die Wirtschaftlichkeit der Apotheken anschauen. „Gerade auf dem Land“, sagt Unger, „haben wir viele kleinere Apotheken, die wirtschaftlich gesehen zwar vernünftig dastehen, aber nicht viel Spielraum nach unten haben.“

Laufkundschaft in der Innenstadt
Innenstadt-Apotheken hätten es da leichter: Nach Darstellung etlicher Apotheker aus der Region profitierten sie von Laufkundschaft. Die Laufkunden nehmen neben dem rezeptpflichtigen Medikament auch mal den Sonnenschutz mit, kaufen die Hautcreme, den Vitamindrink, die Pflaster, das Nasenspray – oder auch gerne homöopathische Globuli und Cremes. Bei all diesen Produkten handelt es sich um rezeptfreie Artikel, die auch bislang schon in der Preisgestaltung variabel sind – und mit denen sich also eine Apotheke, deren Umsatz an rezeptpflichtigen Medikamenten zurückgeht, finanziell über die Runden bringen kann. Außerdem verkraftet laut Unger „eine Innenstadt-Apotheke mit viel Umsatz eine Schmälerung der Marge leichter.“ Ganz anders in kleinen Ortschaften auf dem Land. „Da sind die rezeptpflichtigen Medikamente unser Kerngeschäft“, sagt Christian Machon, der zwei Apotheken in Unsleben und Mellrichstadt (Kreis Rhön-Grabfeld) sein eigen nennt und im Vorstand der bayerischen Landesapothekerkammer sitzt.

Unger zufolge ist der finanzielle Spielraum gerade mancher Land-Apotheken in Unterfranken so überschaubar, dass es für etliche aus der Branche ein Desaster wäre, wenn nur fünf Prozent der Kunden mit ihren rezeptpflichtigen Medikamenten an ausländische Versandapotheken mitsamt ihren Rabatten abwandern würden. „Da steht man als Apotheker dann schnell in den roten Zahlen“, so Unger. Was er voraussieht, sind kleinere Orte, in denen nach dem Allgemeinarzt auch der Apotheker aufgibt. „Und dann hätten die Leute in kleinen Gemeinden bei medizinischen Problemen gar keinen Ansprechpartner vor Ort mehr.“

Günstige ausländische Versandapotheken
Klar, auch Verbraucher müssen auf ihr Geld schauen; klar, dass Patienten nichts geschenkt wird. „Als Verbraucher würde mich das auch nicht kalt lassen, wenn eine ausländische Versandapotheke mit Boni zwischen 10 und 30 Euro winkt“, sagt Unger. Gerade chronisch kranke Patienten, die berechenbar immer wieder das gleiche Medikament brauchten, fänden dann wohl den Weg zu den günstigeren ausländischen Versandapotheken. Zum Verständnis: Inländische Versand-Apotheken gibt es natürlich auch; diese dürfen nach derzeitiger Rechtslage ihren Kunden bei rezeptpflichtigen Medikamenten aber keine Boni anbieten.

Auch Apotheker Christian Machon kann nachvollziehen, dass die Verbraucher sich von den günstigeren Preisen ausländischer Versandapotheken angezogen fühlen – unfair findet er das Urteil aus Luxemburg aber schon. Warum? Weil er und die vielen anderen Kollegen in den 339 unterfränkischen Apotheken eine Beratungs- und BetreuungsInfrastruktur rund um die Uhr böten, die ja auch nicht umsonst sein könne. In den niedergelassenen Apotheken sei eben immer eine Apothekerin oder ein Apotheker ansprechbar, die die Wirkungsweise eines Blutdruckmittels erklärten, wegen möglicher Allergien nachfragten oder einfach dem Patienten auch mal zuhörten.

Er mache jede Woche einmal Nachtdienst in der Apotheke, sagt Machon. Kollegen aus Bad Königshofen seinen alle vier Tage mit dem Nachtdienst dran. Zwar gebe es seit einigen Jahren eine Nachtdienst-Pauschale; diese reiche aber nicht aus, wenn man als Inhaber einem angestellten Apotheker den Dienst bezahlen müsse. Machon drückt sein Unverständnis darüber aus, dass der Europäische Gerichtshof die Bereitstellung einer Apotheken-Infrastruktur nicht würdige.

Individuellen Rezepturen
Ins gleiche Horn stößt Thomas Metz, der Sprecher des bayerischen Apothekerverbands. „Die Gemeinwohl-Dienste der niedergelassenen Apotheker werden nicht gesehen“, kritisiert er. Metz führt da zusätzlich zu den Nachtdiensten und der Beratung die Herstellung von individuellen Rezepturen für Allergiker, Schwangere oder Kinder an. „Oder nehmen wir die Abgabe von Betäubungsmitteln wie Methadon“, sagt er. „Wenn ich rechne, was ich da für einen Aufwand habe mit den ganzen Formularen, dann verdiene ich daran nichts.“

Metz hält das Urteil aus Luxemburg für „verheerend“. Und auch er rechnet deswegen mit einem Apothekenschwund. Dabei habe es deutschlandweit, bayernweit und auch unterfrankenweit in den vergangenen Jahren schon eine deutliche Abnahme der Zahl der Apotheken gegeben. In Unterfranken etwa existierten 2009 noch 360 selbstständige Apotheken; mittlerweile sind es nur noch 339. Einen weiteren Schwund kann der Sprecher des bayerischen Apothekerverbands nicht ausschließen, wenn das Luxemburger Urteil umgesetzt wird.

Die Apotheker aus der Region hoffen angesichts des für sie beunruhigenden Zukunftsszenarios nun darauf, dass der deutsche Gesetzgeber auf das Urteil aus Luxemburg „angemessen“ reagiert. Der Gesetzgeber könne das EU-Urteil zwar nicht ignorieren, aber könne für Deutschland den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten verbieten, heißt es.

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