Köhler
Naturgewalt

In Köhler geht niemand unter

50 Einwohner, eine Straße, direkt am Main. Tritt der über die Ufer, sind die Menschen schnell von der Überschwemmung betroffen. Ins Schwimmen gerät trotzdem keiner.
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Köhler bei Hochwasser: Wo sonst die Hauptstraße verläuft, sind nur braune Fluten auszumachen. Foto: privat
Köhler bei Hochwasser: Wo sonst die Hauptstraße verläuft, sind nur braune Fluten auszumachen. Foto: privat
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Michael Sauer steht vor seiner Haustüre und lauscht. Er hört das monotone, friedliche Plätschern des Mains, der auf der anderen Straßenseite vorbeifließt. "Jetzt ist der Main ruhig." Die Geräusche beruhigen den Winzer und er kann sich entspannen. "Es ist wunderschön im Sommer abends draußen auf einer Bank zu sitzen", meint er. Dann herrscht in Köhler die reinste Idylle: gelegen am Fuße der steil aufragenden Weinberge und umrahmt von der Volkacher Mainschleife. "Wir haben hier alles, was wir brauchen", sagt Sauer.

Der Main kann aber auch anders: Wenn Tauwetter einsetzt und der Schnee schmilzt, drücken sich braune Fluten über die Ufer, kriechen die schmale Wiese entlang, bis sie an den einzigen Straßenzug im Ort schlucken. Auf normalen Weg geht dann nichts mehr. "Wenn er so nah ist, rauscht der Main so laut wie eine Meeresbrandung", sagt Sauer.

Meistens, so wie zuletzt an Weihnachten, ist der Wasserpegel trotzdem zu niedrig, dann bleiben die Garagen der 50 Einwohner trocken. Manchmal aber wird es eng, so wie 1970 oder 2011. "Das vor zwei Jahren war das größte Hochwasser, das ich miterlebt habe", berichtet der Ortssprecher. Er zeigt seinen Söhnen die an den Fassaden im Ort angebrachten Hochwassermarken. Sauer selbst reicht die zweithöchste Markierung über den Bauchnabel, Johannes und Andreas wären fast komplett verschwunden. Die Jungs freuen sich: "Yeah, unser Hochwasser war das höchste!" Sie haben gesehen wie das Wasser quasi an die Haustüre klopfte und scheinen fasziniert von ihrer Erinnerung an das Schauspiel. Von Angst oder Schrecken ist nichts zu spüren.

Laut Sauer gehen auch die restlichen Köhler locker mit den Überschwemmungen um. "Das ist bei uns kein Horrorszenario." Wer in Köhler wohnt, weiß worauf er sich einlässt. "Und es ist jetzt nicht so, dass das Wasser jedes Jahr auf der Straße steht", betont er. Und in den Wohnungen schon gleich gar nicht. Als Anwohner ist man auf alles vorbereitet: Gewölbekeller laufen nicht voll, weil es bis auf ein paar Ausnahmen keine gibt. Häuser und Garagen beginnen meist ebenerdig und sind nach hinten in den Berg gebaut. "In den Gebäuden gibt es eigentlich keine Wasserschäden", sagt Sauer.

Trockene Füße beim Fernsehen

Er ist zugleich der zuständige Feuerwehrkommandant und weiß, wann Beunruhigung angesagt ist: Ab einem Wasserstand von sechs Metern wird es kritisch. Die Garagentore werden dann mit Bretterverschlägen und Silikon abgedichtet. Das geht noch ohne größeren Aufwand. Das Wasser, das dennoch einen Weg durch Fundament und Gemäuer findet, wird abgepumpt. "Dafür muss man aber Tag und Nacht da sein", schränkt er ein. Ganz so problemlos bewältigt man auch in Köhler keine Überschwemmung.

Dass er einmal beim abendlichen Fernsehen nasse Füße bekommt, hat Sauer noch nicht erlebt. So extrem war die Lage nie. "Als 2011 die ersten Vorhersagen kamen, dachte ich, dass es in die Wohnungen reinläuft." Jedoch hatte man Glück: Zwei Nächte lang hat es heftig gefroren, so dass ein Teil der Scheitelwelle flussaufwärts auf Äckern und Wiesen aufgehalten wurde. Die Flut erreichte die kleine Siedlung nicht in voller Höhe.

"Das Hochwasser ist heute schneller da", findet der Ortssprecher. Schuld daran sind nicht mehr nur Begradigungen von Fluss- und Bachbetten - vielerorts wurde der Main naturiert -, sondern der Hochwasserschutz, der flussaufwärts errichtet wurde. Es fehlen Ausweichmöglichkeiten. Zudem ist das Ufer oft naturbelassen und mit Buschwerk oder Weiden bewachsen. "Bei Hochwasser verfängt sich dort Treibgut, das den Fluss immer weiter zurückstaut", erläutert der Feuerwehrmann. In Köhler wirkt sich außerdem eine ehemalige Kiesgrube auf der gegenüberliegenden Uferseite aus. Früher, so erklärt Sauer, wurde diese Fläche geflutet - heute steht sie bereits unter Wasser. Der Main sucht sich dann seinen Weg in Richtung der anderen, bewohnten Seite.

Wenn das Wasser steigt ist nicht nur bei den Anwohnern, sondern auch auf kommunaler Seite gute Vorbereitung gefragt. Sobald der Fluss anschwillt, behält etwa der Kreisbauhof in Hoheim die Pegelstände im Auge. Trunstadt dient dabei als Orientierung. "24 Stunden später ist die Scheitelwelle dann hier", erläutert der stellvertretende Leiter Ralf Volkamer. Dadurch hat er genug Zeit, um entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. "Ab 3,90 Meter werden wir hellhörig, bei vier Metern reagieren wir", erteilt er Auskunft. Anhand von Sperrplänen werden gefährdete Kreisstraßen abgeriegelt und Umleitungen ausgeschildert.

Zuletzt war die Köhler Ortsdurchfahrt KT 31 betroffen. Glücklicherweise erwies sich die Absperrung als unbegründete Vorsichtsmaßnahme. "Das war gerade so an der Grenze", berichtet Volkamer. Der Main stand in Trunstadt bei 4,41 Meter, jedoch verlief sich der Scheitelpunkt und ebbte leicht ab.

Und was unternehmen die Anwohner wenn die KT 31 zur Wasserstraße wird? Immerhin ist ist der gesamte Ort auf sie ausgerichtet. Boote werden jedenfalls nicht benötigt. Michael Sauer zuckt mit den Schultern. Man könne sich ja auf alles vorbereiten "Dann geht alles über einen Weinbergweg. Da stellen wir schon vorher die Autos hoch", meint er. Erreichbar ist der Weg für jedermann über die Gärten hinter den Häusern. Das ist zwar etwas umständlich aber eben kein Dauerzustand: "Drei bis vier Tage, dann ist das meistens vorbei."



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