Kitzingen
Suchtberatung

Immer mehr Frauen sind spielsüchtig

Die Caritas-Suchtberatungsstelle in Kitzingen zieht Bilanz: Die Psychologen hatten 2012 so viele Klienten wie noch nie, darunter immer mehr Frauen. Besonders das Glücksspiel zieht immer mehr Frauen in seinen Bann. Und: Die Betroffenen werden immer jünger.
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Immer mehr Frauen zieht es zu den Spielautomaten in Spielhallen. Viele können nicht mehr davon lassen, wie die Mitarbeiter der Caritas-Suchtberatungsstelle in Kitzingen feststellen müssen. Foto: imago/Steffen Schellhorn
Immer mehr Frauen zieht es zu den Spielautomaten in Spielhallen. Viele können nicht mehr davon lassen, wie die Mitarbeiter der Caritas-Suchtberatungsstelle in Kitzingen feststellen müssen. Foto: imago/Steffen Schellhorn
"Immer häufiger sehen wir nun auch Frauen mit einer Glücksspielsucht in unserer Beratungsstelle. Das problematische Spielen an Geldspielautomaten in Spielhallen weitet sich auch auf Frauen aus", so lautet das Fazit der Caritas-Suchtberater in Kitzingen. In ihrer Jahresbilanz 2012 stellen sie außerdem fest, dass die spielsüchtigen Klienten immer jünger werden.

Bei den Spielhallen hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan, um junge Leute und Frauen anzulocken. Zum einen sind viele Spielhallen und Casinos in Gewerbegebieten auf der grünen Wiese errichtet worden, deren Atmophäre und Ambiente überhaupt nichts mehr mit den dunklen Spelunken von früher zu tun haben.
"Durch einen Imagewandel stellen sich diese Spielhallen als Freizeiteinrichtungen zum Wohlfühlen dar und dadurch sinkt bei den Menschen die Hemmschwelle, auch dorthin zu gehen", vermutet Ewald Burkard von der Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme des Caritasverbands. Oft würden die Frauen zum ersten Besuch eingeladen oder von jemandem mitgenommen.

Außerdem hätten sich die Betreiber Lockangebote ausgedacht, zum Beispiel Gutscheine oder zehn Euro frei für Getränke oder eine besondere kostenfreie Gewinnchance. "Gerade für Frauen sind das Verlockungen, die dazu animieren sollen, wieder zu kommen und zu bleiben", sagt der Diplom-Sozialpädagoge. Schließlich werden Frauen durch freundschaftliche Kontakte geködert. Ein persönlicher Draht veranlasst dazu, wieder dorthin zu gehen, wo man sich verstanden fühlt.

Mehr Computersüchtige

Bei der Caritas-Beratungsstelle nehmen auch die Beratungsanfragen wegen problematischer PC-Nutzung/Mediensuchtverhalten weiter zu. Dies geht aus der jüngsten Pressemitteilung hervor. Meist sind es Eltern, die sich auf Grund des exzessiven "Gamings" ihres Sohnes an die Caritas-Beratungsstelle wenden und nach Einflussmöglichkeiten suchen.

"Alkohol ist allerdings weiter das Suchtproblem Nummer eins", sagt Ewald Burkard. So hatten gut 80 Prozent der Klienten Alkoholprobleme, bei 17 Prozent lagen Drogenprobleme vor und 13 Prozent konsumierten Cannabis. Eher eine untergeordnete Rolle spielten Medikamentenabhängigkeit sowie Essstörungen. 36 Prozent der Sucht-Klienten waren zudem nikotinabhängig.

Höchststand der betreuten Fälle

Mit 461 Fällen, davon 303 längerfristig, hatte das Beraterteam mit Mechthild Finnemann, Ewald Burkard und Matthias Schlereth im vergangenen Jahr so viele Klienten zu betreuen wie noch nie. Die drei Diplom-Sozialpädagogen teilen sich zwei Fachkraftstellen, die vom Bezirk Unterfranken gefördert werden. Da dieser Stellenumfang seit 1988 unverändert ist, können diese Fallzahlen immer schwerer bewältigt werden.

Knapp 1800 Beratungsgespräche und Kontakte mit Betroffenen, Angehörigen, Ärzten und Therapeuten wurden geführt, Angelegenheiten mit Behörden geregelt und Arbeitgeber einbezogen. Bei 68 Prozent der Klienten fand die Beratung einen weitgehend planmäßigen Abschluss. Von diesen waren dann nahezu drei Viertel vollständig "symptomfrei oder deutlich gebessert".

Um diese - für Suchtprobleme - gute Erfolgsquote zu erreichen, bearbeiten die Berater mit ihren Klienten die Schwierigkeiten, die hinter dem Suchtverhalten stehen: Selbstwertprobleme, ausweichendes Verhalten, Konflikte in Partnerschaft und Familie, aber auch schwerwiegende Belastungen am Arbeitsplatz und depressive Störungen. Suchtverhalten ist häufig die Folge von hohem inneren Druck und dient der Entlastung. Die Übergänge vom gelegentlichen Missbrauch zur Sucht und Abhängigkeit sind oft unmerklich und fließend.

Mehr Alleinstehende

Auffällig für die Suchtberater ist, dass der Anteil alleinstehender Personen ohne Partnerbeziehung erheblich zugenommen hat. Gestiegen ist auch der Anteil derer, die alleine wohnen. Und mehr Klienten denn je haben große Probleme, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten.

Die Beratung von Angehörigen hat seit jeher einen wichtigen Stellenwert in der Arbeit der Berater. Gerade die nahen Bezugspersonen leiden meist erheblich unter dem Suchtverhalten des betroffenen Familienmitglieds und kommen an ihre Grenzen.

Es hat sich einiges verändert

Waren es früher meistens Frauen, die sich als Angehörige beraten ließen, so fiel im vergangenen Jahr der zunehmende Anteil der Männer auf, die als Partner, Vater oder Bruder kommen, weil sie sich Sorgen machen und helfen möchten. Neben der Einzelberatung wird auch die angeleitete Gruppe für Angehörige von Suchtkranken gut angenommen.

Um Suchtentwicklungen vorzubeugen, setzt die Beratungsstelle zwei Honorarmitarbeiter mit dem Projekt "Ich bin so frei" in Schulklassen ein, wodurch im letzten Jahr gut 270 Schüler zwischen 13 und 16 Jahren erreicht wurden. Dabei geht es nicht um Abschreckung oder Drogenkunde, sondern um eine offene und persönliche Auseinandersetzung mit den Schülern. Im Zentrum stehen dabei die jugendtypischen Motive und Zugangsweisen für Suchtmittelkonsum, wie Neugier, Gruppendruck und Risikosuche. Interessierte Schulen können dieses zusätzliche Angebot der Beratungsstelle nachfragen.

Kooperation mit Schulen

Mit einigen Schulen im Landkreis besteht bereits seit vielen Jahren eine enge Kooperation. Die Veranstaltungen werden durch Spenden, Bußgelder und eigene Mittel des Caritasverbandes ermöglicht. Leider werden die finanziellen Mittel jedoch weniger, gezielte Spenden für die Suchtvorbeugung sind daher sehr willkommen.

Im Kontext einer Suchtproblematik stehen häufig Beziehungskonflikte, Kontaktschwierigkeiten, Loyalitätsfragen zur Herkunftsfamilie, Abgrenzungsprobleme sowie Kommunikationsstörungen in der Partnerschaft. Häufig sind die Gefühle zu sich selbst und zu anderen diffus, Bedürfnisse werden übergangen, Konflikte entweder stark vermieden oder in destruktiver Weise ausgetragen, Rückzug und Frustration bestimmen das Bild. Die Arbeit im Bereich "Soziale Beziehungen" ist daher in vielen Fällen ein wichtiger Auftrag, der neben der unmittelbaren Veränderung des Suchtverhaltens ansteht. Bei 6,3 Prozent erfolgte extern eine ambulante psychotherapeutische Behandlung, bei 11,3 Prozent erfolgte eine psychiatrische Behandlung (stationär oder ambulant fachärztlich).
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