KITZINGEN/WÜRZBURG

Hörenswertes Engagement

Dank ehrenamtlicher Reporter können sehbehinderte Menschen Fußballspiele der Würzburger Kickers vor Ort verfolgen.
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Immer konzentriert, das Geschehen fest im Blick: Michael Kober und Marcus Meier (von rechts) sind zwei von sechs ehrenamtlichen Sehbehindertenreportern bei den Würzburger Kickers. Yasser Alhussain profitiert von dem Service. Und Stefan Scheller sponsort ab sofort zwei Karten pro Heimspiel für einen Sehbehinderten mit Betreuer. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Die Kickers haben verloren an diesem Abend. Einen Gewinner hat es trotzdem gegeben auf der Haupttribüne im Stadion am Dallenberg: Den stark sehbehinderten Yasser Alhussain. Dank der ehrenamtlichen Arbeit von Menschen wie Michael Kober und Marcus Meier kann er Fußballspiele live verfolgen. Aufgrund der Initiative von Stefan Scheller sogar kostenlos.

Seit drei Jahren gibt es die Sehbehinderten-Reporter bei den Würzburger Kickers. Michael Kober ist von Anfang an dabei. Seine Schwester hat den Sozialpädagogik-Studenten einst auf die Idee gebracht. Im Würzburger Blindeninstitut hatte sie eine Anzeige gesehen, dass Sehbehinderten-Reporter gesucht werden. Michael Kober war sofort Feuer und Flamme. Mittlerweile besteht das Reporter-Team aus fünf ehrenamtlichen Helfern und mit Catherina Fechner einer begeisterten Frau. Regelmäßig lassen sie sich schulen. „Wir wollen auf dem neuesten Stand sein“, sagt Marcus Meier, der seit zweieinhalb Jahren dabei ist und an diesem Abend zusammen mit Michael Kober reportiert.

Über Headset sind die Reporter mit ihren „Kunden“ verbunden, gehen fünf Minuten vor Anpfiff auf Sendung und beschreiben ununterbrochen, was sich auf dem Spielfeld, auf den Trainerbänken und auf den Rängen tut. „Am wichtigsten ist es, den Ball zu verorten“, erklärt Michael Kober in der Halbzeitpause – den einzigen Minuten, an denen auch die Sehbehinderten-Reporter kurz durchschnaufen können. Klar: Die „Kunden“ sind auf möglichst detailgenaue Beschreibungen der Sehbehinderten-Reporter angewiesen. Und so beschreiben „Michi“ und Marcus nicht nur, wo sich der Ball gerade befindet, sondern auch, wie sich die Trainer gebärden, welche Farbe das Trikot des Schiedsrichters hat und welche Fahnen auf den Tribünen geschwenkt werden.

„Das ist ein echtes Erlebnis hier“, meint Yasser Alhussain, der vor drei Jahren aus Syrien nach Deutschland kam. Seit sieben Jahren ist er sehbehindert, hat nur noch einen Sehrest von drei Prozent. „Umrisse kann ich gerade noch erkennen“, erklärt er. „Aber nur aus der Nähe.“ Yasser war Mittelstürmer in seiner Heimat, hat im Verein und auf den Straßen gespielt. „Immer barfuß“, erklärt und muss über die ungläubige Nachfrage des Reportes lachen. „Kein Problem“, versichert er. Jetzt spielt er weiter barfuß und mit großem Eifer jeden Mittwochabend beim Freizeitfußball in der Sporthalle des Berufsförderungswerks (BFW) in Veitshöchheim mit. Eine gemischte Mannschaft aus sehbehinderten und sehenden Menschen trifft sich dort regelmäßig. Stefan Scheller hat Yasser, der dort Deutsch lernt, im BFW kennengelernt. Marcus Meier und Michael Kober ebenfalls. Von deren Engagement war er gleich begeistert. Ihre Idee hat er gerne aufgegriffen.

Vor zwei Jahren hat Stefan Scheller zusammen mit einem Freund die „Ultima Power GmbH“ gegründet, ein Dienstleistungsunternehmen für Netzschutztechnik mit Sitz im ConneKT in Kitzingen. Die Firma zählt mittlerweile 14 Mitarbeiter. Stefan Scheller wollte etwas zurückgeben. Die Anfrage der Sehbehinderten-Reporter kam genau richtig. Zwei Tickets sponsert er für den Rest dieser Saison und für die kommende. Jeweils eine sehbehinderte Person und ihre Begleitung haben damit in den kommenden 24 Heimspielen freien Eintritt. „Die gesamte Belegschaft war dafür“, berichtet er. „Die wird in unsere Entscheidungen immer eingebunden.“

Yasser Alhussain freut's. „Ich komme auf jeden Fall wieder“, kündigt er nach Schlusspfiff an. Das 0:1 gegen Unterhaching kann ihn nicht wirklich schrecken. Dank der Sehbehindertenreporter hat er trotzdem einen spannenden Fußballabend erlebt.

Und so geht es: Wer das Sponsoring-Paket der Ultima Power GmbH nutzen will, wendet sich an die Fan- und Behindertenbeauftragte der Würzburger Kickers, Tanja Bartsch: tanja.bartsch@wuerzburger-kickers.de. 14 Tage vor dem Wunschtermin eine Mail schreiben. Eine sehbehinderte Person und ein Begleiter haben dann freien Eintritt.

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