Ein tiefer Atemzug. Feiner Salznebel wirbelt und verschwindet in den Atemwegen. Ein Gefühl wie an der Nordsee. Wieder frei atmen können... Wer hier inhaliert, ist kein Mensch, sondern ein 700 Kilo schwerer Oldenburger Wallach. Louis ist der Allergiker im Kitzinger Richthofen Circle. Heustaub ruft seine Immunabwehr auf den Plan. Und die fährt schwerste Geschütze auf: Schleimstraßen wandern seine Lungenäste hinab, machen das Atmen zum Kraftakt. Unbehandelt könnte er daran ersticken. "Auch Pferde können Pollenallergiker sein", erklärt Tierarzt Dr. Philipp Schürmann. "Heustaub oder die aktuell fliegenden Rapspollen können dann lebensgefährlich werden." Immer wieder wird er zu Notfällen gerufen, bei denen nur noch schnell wirkende Medikamente helfen, um der Lunge wieder Luft zu geben.
Ganz so dramatisch ist es bei Andreas Bach nicht, aber angenehm ist das Leben für den 50-Jährigen zurzeit nicht. "Die Nase juckt, die Augen tränen, ständig muss ich niesen", erklärt er. Seit 15 Jahren ist er Allergiker. "Ich reagiere auf 14 verschiedene Pollen", erzählt er, der als Hausmeister unweigerlich auch im Freien arbeiten muss. Birkenpollen und etliche Gräser reizen ihn ganz besonders. Seine Strategien gegen die Pollen sind unterschiedlich: "Nachts schlafe ich nur noch bei geschlossenem Fenster. Für die Nase hab ich ein Spray, für die Haut eine Salbe und vor dem Schlafengehen immunisiere ich von innen mit Honig im Tee."

Solche symptombezogene Medikamente sind laut der Kitzinger Allergologin Dr. Susanne Grunewald die am weitesten verbreitete Therapie.

"Gegen eine Pollenallergie kann man aber auch sehr gut mit einer Immuntherapie angehen, die bereits bei den Ursachen ansetzt." Dazu wird der Allergiker über einen längeren Zeitraum hinweg mit dem Allergen geimpft, also mit dem Stoff, der die Symptome bei ihm auslöst. "So wird das Immunsystem langsam desensibilisiert, dem Allergen gegenüber also unempfindlich gemacht."
Das funktioniert deshalb so gut, weil die frühere Sensibilisierung des Körpers einfach umgekehrt wird. "Es gibt drei Faktoren für die Entwicklung einer Allergie: die genetische Veranlagung, die Sensibilisierung, also der häufige Kontakt mit dem Allergen, und der Wegfall schützender Faktoren." Zu letzterem gehört der Kontakt zu Bakterien, Viren oder Keimen, mit denen sich das Immunsystem auseinander setzen muss und dadurch gar nicht die "Zeit" hat, den Allergieweg zu gehen. "Darum ist unsere heutige Gesellschaft mit ihrer am besten keimfreien Hygiene, Ein-Kind-Familien, Rundum-Impfungen und wenig Kontakt zur Natur anfälliger für Allergien - nicht nur gegen Pollen."
Die meisten Allergien entwickeln sich in der Kindheit, mit zunehmendem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit dafür ab. Allerdings gibt es klassische "Allergikerkarrieren", da sich die Symptome im Laufe der Zeit ändern können. "Kinder haben oft Neurodermitis, welche sich später zu einem Heuschnupfen weiterentwickeln und schließlich in die schlimmste Form, das allergische Asthma, münden kann", erklärt Grunewald. Wer davon betroffen ist, wird von Luftnot bis hin zur Erstickungsgefahr geplagt. Außerdem ist die Gefahr von Kreuzallergien verhältnismäßig hoch. "Wer auf Haselnuss-Pollen reagiert, kann auch mit Müsli oder Kuchen mit Haselnüssen allergische Reaktionen auslösen." Was in den Atemwegen bekämpft wird, kann so als Nahrung direkt in den Körper gelangen.
Das hat Andreas Bach zum Glück noch nicht an sich beobachtet und mit der Mischung aus Verhaltensänderung und individuell angepassten Medikamenten folgt er weitestgehend dem Rat der Experten. Die Apotheken bieten hier eine reiche Auswahl. "Anti-Allergika gibt es als Tabletten, Tropfen oder für Kinder auch als Saft", berichtet Carolin Grevensleben, Inhaberin der Löwen-Apotheke in Kitzingen. Das aus ihrer Sicht beste Mittel ähnelt der Inhalation beim Pferd: "Die Nasendusche mit Nasenspülsalz ist das optimale Mittel, um die Schleimhäute pollenfrei zu bekommen."

Bei wem Allergie-Symptome allerdings erstmals auftreten, dem rät Susanne Grunewald, einen Beschwerdekalender zu führen und sich bei einem Arztgespräch beraten zu lassen.

"Liegt ein Risiko in der Familie, kann eine frühzeitige Immuntherapie sinnvoll sein. Sie eignet sich aber nicht immer, da Allergien individuell unterschiedlich sind." Wichtig sei zudem, sich testen zu lassen, damit man weiß, auf welche Allergene man reagiert. "Denn auch wenn man ihm nicht ganz entkommen kann, so lebt doch besser, wer seinen Feind kennt." Mit der richtigen Abwehrstrategie macht der Frühling dann wieder Spaß - auch Wallach Louis und seinen menschlichen und tierischen Leidensgenossen.