KITZINGEN

Heimweh in der Heimat

Sie ist eine Mond-Rose. Zumindest nennt ihr Vater sie so: Ayegül, Mond-Rose. Sie blüht mitten in Deutschland, nicht in der Türkei. Der 45-Jährigen gefällt es hier, aber trotzdem ist sie manchmal ein bisschen traurig. Ihr Herz zieht es in die Heimat ihrer Eltern und Großeltern.
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Urlaub in der Heimat der Vorfahren: Yüksel und Aye Sari sitzen gern in Kitzingen auf ihrer Couch und blättern im Fotoalbum. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Sie ist eine Mond-Rose. Zumindest nennt ihr Vater sie so: Ayegül, Mond-Rose. Sie blüht mitten in Deutschland, nicht in der Türkei. Der 45-Jährigen gefällt es hier, aber trotzdem ist sie manchmal ein bisschen traurig. Ihr Herz zieht es in die Heimat ihrer Eltern und Großeltern.

Aye ist Yüksel Saris Frau, die beiden leben seit Jahrzehnten in Kitzingen. Yüksel Sari ist der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde und ein offener, freundlicher Mann. Auch seine Aye macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie freut sich auf die Ausstellung „Zuhause sein – Evde olmak“, die seit heute im historischen Rathaussaal zu sehen ist. Aye findet nämlich, dass die Lebenswege türkischer und deutscher Kitzinger sich noch viel zu wenig berühren. Man lebe oft nebeneinander her und wisse auch nach vielen Jahren noch nicht allzu viel voneinander. Und manches Vorurteil stehe auch noch im Raum.

Der Traum vom Wohlstand

Als Kleinkind kam Aye mit ihren Eltern nach Goslar. Ihre Mutter war damals 23 Jahre alt. Für sie sei die Umstellung gravierend gewesen: „In der Türkei findet das Leben auf der Straße statt. Hier in Deutschland ist es gerade abends dagegen ganz ruhig. Die Menschen leben eher für sich.“ Das sei für viele Türken schwer zu verstehen gewesen. Aber sie waren ja auch nicht wegen der Mentalität nach Deutschland gekommen, sondern „um Geld zu verdienen und zu sparen“. Für viele sei Wohlstand „der Traum schlechthin“ gewesen.

Auch Yüksels Eltern waren deshalb 1977 mit ihrem Sohn nach Kitzingen gezogen. Der Bub war damals elf Jahre alt war. „Wir konnten kein Wort Deutsch“, erinnert sich Yüksel, „Aber wir haben es schnell gelernt. Nach einem Jahr hatten wir uns super eingelebt.“

Als Aye 17 und Yüksel 19 Jahre alt waren, verbrachte der junge Mann eine Weihnachtsferien-Woche in Goslar, bei Ayes Familie. „Unsere Väter waren beide Schneider, sie kannten sich aus der Türkei“, erzählt Aye. „Sie haben uns einander vorgestellt. Aber das war nur eine Option, ein Vorschlag. Hätten wir uns nicht verstanden oder hätte dieses Elektrisierende gefehlt, dann wäre es kein Problem gewesen zu sagen: Das wird nichts.“

So aber versprachen die beiden einander, in Kontakt zu bleiben. „Und nach sechs Monaten haben wir uns verlobt“, erzählt Yüksel und grinst seine Frau an.

„Die Jugend heute ist ganz anders. Die jungen Leute lassen sich viel mehr Zeit mit der Partnerwahl und genießen erst mal ihr Leben. Sowohl Mädchen als auch junge Männer verdienen Geld, sie sind unabhängig, probieren vieles aus“, findet Aye. Sie muss es wissen: Ihr großer Sohn ist 27, ihre Tochter 25 und der jüngere Sohn 14 Jahre alt. Der Rat oder Vorschlag der Eltern sei ihnen, der 3. türkischen Generation in Deutschland, nicht mehr so wichtig. Auch nicht bei der Partnersuche.

„Den perfekten Partner

gibt es nicht.“

Aye Sari

Das findet Aye schon ein bisschen schade, denn: „Internet, Handy oder Facebook wecken übersteigerte Ansprüche, die es so in der Realität vielleicht gar nicht gibt. Den perfekten Partner gibt es nicht.“ Jeder habe seine Macken und es sei eben die Kunst, sich auch mit einem nicht ganz perfekten Partner etwas zu erarbeiten und glücklich zu sein.

In ähnlicher Form gilt das wohl auch für den Wohnsitz. Trotzdem findet Aye es schade, dass deutsche Nachbarn oft eine gewisse Distanz wahren. Die dreifache Mutter hat die Erfahrung gemacht: „Deutsche sind nicht neugierig; sie haben kein Verlangen, den anderen kennen zu lernen.“ Selbst beim Kennenlern-Frühstück im Kindergarten seien die deutschen Frauen immer unter sich geblieben.

„Wir verbringen unsere Abende nicht nur jetzt im Fastenmonat Ramadan sehr gern in Gemeinschaft, etwa mit Freunden oder der ganzen Familie“, erklärt Aye. Diese Mentalität sei vielen Deutschen fremd geblieben. Warum? Aye zuckt die Achseln. „Ich weiß es nicht.“

Richtig enttäuscht war die dreifache Mutter kürzlich, als eine türkische Gruppe in der Nähe der Moschee zusammen Picknick machte und – weil zu viel Kuchen da war – den deutschen Nachbarn ein paar süße Stücke anbot. „Keiner hat den Kuchen angenommen.“

Ayes Mann Yüksel will diese Erfahrung nicht überbewerten. „Es gibt überall komische Menschen, da und dort. Es hat sich in den letzten zehn Jahren vieles zum Guten verändert, die Integration kommt voran. Aber natürlich muss sie immer beidseitig sein, sonst klappt es nicht.“

Seit er in der Moschee Führungen und Veranstaltungen anbietet, habe er gemerkt: „Das Interesse ist da und es steigt.“ Fast 50 Gruppen hätten allein heuer schon die Moschee besucht. „Darunter sind auch viele Schulklassen. Das finde ich sehr schön. Denn wenn die jungen Leute Bescheid wissen, dann haben Vorurteile keine Chance mehr.“

Letztere gebe es durchaus noch, „vor allem, wenn es um den Islam oder das Kopftuch geht“, stellt Aye fest. Sie verrichtet gemeinsam mit einer anderen Türkin, die kein Kopftuch trägt, Reinigungsarbeiten. Aye erzählt: „Wenn ein Deutscher eine Frage hat, wendet er sich immer an die Kollegin ohne Kopftuch, nie an mich.“ Das ärgert die dreifache Mutter: „Offensichtlich hält man Kopftuchträgerinnen für weniger intelligent.“ Dabei nutzt sie das Kopftuch völlig freiwillig, „weil ich es einfach gut und richtig finde“. Der Islam sei keine Religion der Unterdrückung. Im Gegenteil: Es gebe viele Verbindungen zum Christentum.

Liebe zum Land der Vorfahren

Wo fühlen sich die Saris nun eigentlich wirklich zuhause? „Ich bin hier zuhause, mag meine Arbeit an der Schaumanlage bei Fehrer in Großlangheim und ich mag auch die Stadt Kitzingen“, stellt Yüksel fest. Seine Frau sagt: „Ich mag Kitzingen auch, die soziale Sicherheit, die Bildung, die Karriere-Chancen, die Gründlichkeit. Aber ich spüre eine große Liebe zum Land meiner Vorfahren.“ Wie eine Mond-Rose, die am falschen Platz blüht? „Ein bisschen schon, ja“, gibt Aye zu.

Sie habe ja gar keine Chance gehabt, dort zu leben, sondern musste als Dreijährige mit den Eltern gehen. „Ich könnte schon heute hier wegziehen und dort neu anfangen“, gibt sie zu. Wenn ihr 14-jähriger Sohn alt genug ist, um auf eigenen Beinen zu stehen, will Aye sich in der Türkei einen Wohnsitz suchen.

Bis dahin freut sie sich unbändig auf die Kulturreisen, die sie und ihre Mann unternehmen. „In der Türkei ist immer Leben. Es ist immer jemand auf der Straße! Ich mag das sehr. Wenn man sich zurückziehen will, ist es auch kein Problem, dann geht man einfach ins Haus.“

Kinder sind hier zuhause

Anders als ihre Mutter haben Ayes Kinder kein Verlangen, in der Türkei zu leben. Alle drei fühlen sich in Kitzingen zuhause. „Die Kinder der dritten Generation sind mit Leib und Seele in Deutschland“, stellt Aye fest. Bei der ersten und zweiten Generation von Türken hier im Land seien die Gefühle ganz unterschiedlich. „Während meine Eltern mittlerweile fast ständig in der Türkei leben, möchte Yüksels Mutter nicht aus Kitzingen fort.“ Sie hat alle ihre Kinder und Enkel in der Nähe und will für immer hier zuhause sein. Für sie gilt: „Evde olmak“ in Kitzingen.

Lebensgeschichten türkischer Nachbarn

„Zuhause sein – Evde olmak“: Die Ausstellung wird am Samstag, 26. Juli, um 18 Uhr eröffnet; alle Interessierten sind dazu eingeladen. Anschließend sind die Bilder und Lebensgeschichten türkischer Mitbürger vom 27. Juli bis 31. August in der historischen Rathaushalle Kitzingen zu begutachten. Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die Macher: Der Kitzinger Kulturverein PAM e.V. widmet seine Ausstellung der deutsch-türkischen Gemeinde in Kitzingen, weil sieben Prozent der Kitzinger Bevölkerung einen türkischen Hintergrund haben. „Viele dieser Menschen leben seit 30 oder 40 Jahren in unserer Mitte und doch wissen viele von uns – wenn wir ehrlich sind – nicht allzu viel über sie“, findet der PAM e.V. und fragt in seiner Ausstellung deshalb, mit welchen Träumen und Wünschen die Türken einst nach Deutschland kamen – und was daraus geworden ist. Info: Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier: www.zuhause-in-kitzingen.de. *ldk*

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