Herrlich ist´s hier! Klaus Behrs Blick wandert am Waldrand entlang, der im warmen Abendlicht in samtigen Grüntönen leuchtet. Behr atmet tief ein und tritt dann wieder forsch in die Pedale. Plötzlich aber reißt er den Lenker seines Mountain-Bikes herum. Seine Augen bleiben förmlich an einer gewaltigen Eiche kleben.
Was der Forstdirektor an jenem Frühlingsabend im Staatswald "Unterer Forst" bei Düllstadt entdeckte, war ein alter, absolut außergewöhnlicher Baum. Der Fachmann nennt ihn einen Methusalem. Als dessen Samen in die Erde fiel - vor rund 300 Jahren - , waren hierzulande noch die Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu spüren. "Vielleicht war diese Eiche mal ein Mastbaum für Schweine", überlegt der Bereichsleiter Forsten des Kitzinger Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Der dicke und vergleichsweise kurze Stamm und die ausladenden Äste deuten jedenfalls darauf hin, dass niemand dem Baum seinen Platz streitig machte.
Die sperrige Krone reicht bis in eine Höhe von rund 26 Metern. Ihr Riesengeweih besteht aus sehr viel Totholz. Die Rinde ist so dick gefurcht und von Höhlen durchzogen, dass man unwillkürlich an einen in die Jahre gekommenen Riesen denkt. Einen, der schon viele Gäste kommen und gehen gesehen hat, viele flirrende Sommertage und klirrend kalte Winter, viel Werden und Vergehen...
"Diese Eiche ist eine Rarität", betont Klaus Behr. In der Regel werden Bäume aus wirtschaftlichen Gründen in einer Phase ihres Lebens geerntet, in der sie noch kerngesund sind und ihr Holz am besten zu verwerten ist. "Wir brauchen aber Phasen des natürlichen Zerfalls im Wald. Denn gerade die Phasen des Sterbens und Vergehens sind voll von neuem Leben. In unseren bewirtschafteten Wäldern kommen diese aber nur ganz selten vor", weiß der Forstdirektor. "Aus ökologischen Gründen lässt man alte Bäume deshalb heute vermehrt stehen oder auch liegen."
Die Düllstädter Eiche mit ihren vielen Höhlen und Löchern, Falt- und Faulstellen sowie abgebrochenen Ästen steht noch ganz stattlich da. Sie hat sicher noch einige Jahrzehnte vor sich. "Aus wirtschaftlicher Sicht ist ihr Wert gering, aber aus ökologischer Sicht riesengroß." Sie ist Heimat für Hunderte von ganz unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten, von Pilzen, Flechten und Fledermäusen über Waldkäuze und Waldbienen bis hin zu Spechten und Spinnen, Haselmäusen und Hornissen, Hohltauben und Halsbandschnäppern.

Faulstellen für den Rosenkäfer


Zwischen Pfahlwurzel und Krone, zwischen feuchtem Mulm und trockenem Geweih, bietet die knorrige Eiche ganz unterschiedliche Lebensräume. Im zersetzten Holz ganz unten tummelt sich zum Beispiel der Eremit, ein selten gewordener Rosenkäfer. Kleine Faulstellen am Boden liebt auch der ebenfalls gefährdete "veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer". Ihn wiederum mögen die Kleinspechte, die es sich einige Meter höher in sicheren Baumhöhlen gemütlich machen und auf die der Marder ein Auge geworfen hat...
"Der alte Baum ist ein Mikrokosmos für sich", stellt Behr klar, "ein Biotop-Baum, der vielen Arten das Überleben ermöglicht".
Aus diesem Grund hat Behr an jenem Frühlingsabend begeistert den Fahrradlenker herumgerissen. "Bäume sind die ältesten, mächtigsten Lebewesen unserer Erde", macht der Förster deutlich: "Wir Menschen sollten Ehrfurcht vor ihnen haben."
In Zeiten des Klimawandels, der CO2-Problematik und der Verknappung der fossilen Energieträger rückt der Wald derzeit verstärkt als Wirtschaftsfaktor ins Blickfeld. Klaus Behr aber weiß: "Er ist noch viel, viel mehr."