Kitzingen
Abschied

Hartmut Stiller ist ein Mann ohne mittleres Alter

Er war eine Institution am Landratsamt Kitzingen: Ende der 70er Jahre in der Jugendpflege angefangen, kümmerte sich Hartmut Stiller in den letzten 15 Jahren um die Belange von Senioren und Behinderten. Jetzt geht er in Rente.
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Die Bedürfnisse der Senioren liegen Hartmut Stiller  - 2. von links bei der Auswertung einer Umfrage - sehr am Herzen. Seine 34-jährige Laufbahn am Kitzinger Landratsamt begann er aber am anderen Ende der Alterspyramide.  Foto: Jessica Urban
Die Bedürfnisse der Senioren liegen Hartmut Stiller - 2. von links bei der Auswertung einer Umfrage - sehr am Herzen. Seine 34-jährige Laufbahn am Kitzinger Landratsamt begann er aber am anderen Ende der Alterspyramide. Foto: Jessica Urban
Einen "anständigen" Beruf habe er gehabt, damals in Coburg. Aber er habe ihm nicht mehr getaugt. Also orientierte sich der damals 23-Jährige um, kündigte seine Stelle als Finanzbeamter, absolvierte sein Fachabitur und studierte Sozialpädagogik. Denn Zahlen geben einem nichts zurück. Menschen lagen Hartmut Stiller aber schon immer am Herzen. Als Kreisjugendpfleger kam er 1978 nach Kitzingen - und blieb. "Als ich kam, kannte ich niemanden. Aber Kitzingen ist zu meiner Heimat geworden." Heute wird der Mann, der seinen Beruf nicht nur ausübte, sondern lebte, nach 34 Jahren in den Ruhestand verabschiedet.

Der Bedarf war groß

"Eigentlich wollte ich nach dem Studium wieder nach Coburg zurück. Aber dort war in der Jugendarbeit keine Stelle frei", berichtet der 63-Jährige. Er bewarb sich auf eine Ausschreibung des Landkreises Kitzingen - und wurde genommen. Bedarf war da: Stiller erinnert sich, dass Jugendliche schon auf ihn zukamen, bevor er die Stelle angetreten hatte. "Irgendwie ist bekannt geworden, dass ich eingestellt werde - da haben die sich an mich gewandt, noch bevor ich überhaupt eine Wohnung in Kitzingen hatte."

Als künftiger Kreisjugendpfleger hatte er natürlich schon ein offenes Ohr für die Anliegen der Jugend - und sollte in den folgenden Jahren vieles bewirken. Denn Jugendarbeit außerhalb von Vereinen und Verbänden gab es quasi nicht. "Nur der evangelische Jugenddiakon machte hauptamtlich offene Jugendarbeit. Das war's." So führte Stiller zum Beispiel den Ferienpass auf Landkreisebene ein, baut die offene Jugendarbeit auf und machte sich stark dafür, dass sie nicht als Konkurrenz zu Vereinen und Verbänden angesehen wurde. "Es sollte ein ergänzendes Angebot sein."

Hohes Niveau

1980 eröffnete unter seiner Mitarbeit das Jugendhaus in der Schrannenstraße - wie auch im ganzen Landkreis kleinere und größere Jugendhäuser entstanden. "Heute gibt es fast überall offene Jugendarbeit mit hauptamtlichen Sozialpädagogen: Iphofen, Marktbreit, Dettelbach. Die heutigen jungen Leute haben dort richtig gute Anlaufstellen." Und wo es keine Hauptamtlichen gibt, hat sich meist zumindest ein von der Jugend selbst verwaltetes Zentrum aufgebaut, das für alle offen ist. "Die Jugendarbeit ist heute auf einem sehr hohen Niveau."
Im Zuge dieser ganzen Entwicklung wurde Stiller Mitte der 1980er Jahre Geschäftsführer des Kreisjugendrings als Interessensvertretung aller Jugendlichen im Landkreis. "Gemeinsam haben wir das Schwanberg Jugendforum ins Leben gerufen, das bis heute besteht." Auch die immer noch praktizierten internationalen Austausche mit den Partnerstädten initiierte der Sozialpädagoge.

Irgendwann kam jedoch der Punkt, an dem Stiller die Jugendarbeit lieber an Jüngere abgeben wollte. "Ich war schließlich schon Mitte 40 und wollte das nicht bis zu meiner Rente machen."

1995 wurde die Stelle eines Sachgebietsleiters in der Sozialabteilung frei. "Ich ging sozusagen nahtlos in die Seniorenarbeit über - das mittlere Alter habe ich ausgelassen", sagt Stiller schmunzelnd. Aber auch Behinderte, sozial Schwache und Aussiedler gehörten zu seinem
Klientel. In den Folgejahren führte er ,Seniorenbeauftragte' auch in den Landkreisgemeinden ein. "Wie die Jugendbeauftragten - die es zu diesem Zeitpunkt bereits gab - sollte überall auch ein Ansprechpartner für die Senioren vor Ort sein." Stiller rief die Seniorenwochen ins Leben sowie in Zusammenarbeit mit dem VdK die jährliche Großveranstaltung für Behinderte in Geiselwind.

Neue Fachstelle ab 2007

2007 wurde dann die Fachstelle für Seniorenfragen am Landratsamt geschaffen, die sich als Anlauf- und Beratungsstelle für ältere Mitbürger versteht. Seit dem gleichen Jahr beschäftigt sich der Landkreis mit einem Seniorenpolitischen Gesamtkonzept. Durch dieses soll die Pflegebedarsfplanung fortgesetzt und eine Altenhilfeplanung beschlossen werden.

In den letzten Jahren war Stiller zudem für das Ehrenamt zuständig. Passend für jemanden, der sich selbst immer engagierte und bis heute politisch wie sozial aktiv ist - sein Orts- und Kreisvorsitz beim VdK und der Platz als CSU-Stadtrat sind nur einige Beispiele. In diesem Bereich bereitete er die Einführung der Koordinierungsstelle für Bürgerschaftliches Engagement sowie der Bayerischen Ehrenamtskarte mit vor. Außerdem betreute er die Selbsthilfe- und Helfergruppen durch Veranstaltungen zum Erfahrungsaustausch und Fortbildungsangebote.

Kein Job als "alter Pate"

In all der Zeit arbeitete er unter drei verschiedenen Landräten und mit unzähligen Kollegen zusammen. "Ich hatte mit allen ein gutes Verhältnis und die Chefs hatten immer ein offenes Ohr für Vorschläge und Anliegen." Es sagt viel, dass er gefragt wurde, ob er das Landratsamt nicht auf 400-Euro-Basis auch weiterhin ein wenig unterstützen möchte. Obwohl Stiller sein vielseitiger Beruf immer Spaß gemacht hat, lehnte er das jedoch ab. "Mein Nachfolger soll keinen ,alten Paten' im Nacken haben, der sagt, wie's gemacht wird. Er soll seine eigenen Ziele und Vorstellungen verfolgen."

Außerdem will Stiller frei sein, seinen vielen Interessen nachzugehen. "Ich werde mit Sicherheit in kein Loch fallen - im Gegenteil, ich freue mich auf das, was kommt." Davor bewahren ihn seine Ehrenämter, aber auch seine Reiselust - die er sich jetzt zur Aufgabe macht: Schon ab Ende November wird er immer wieder für den VdK sowie für einen Reiseveranstalter als Reiseleiter unterwegs sein. "Ich bin immer schon gerne gereist. Damit erfülle ich mir eine Art Lebenstraum."

Im Amt soll nach ihm ruhig ein neuer Wind wehen. Neue Gedanken und Ideen seien wichtig - gerade im sozialen Bereich, in dem durch den demographischen Wandel viel im Umbruch sei. "Die Senioren sind eine wachsende Zielgruppe mit eigenen Problemen und Bedürfnissen." Darüber dürfe man die Jugend natürlich nicht aus den Augen verlieren - wobei sich hier in den letzten 30 Jahren schon sehr viel getan habe. "Jugendarbeit ist genauso wichtig - auch wenn, oder gerade weil es dabei immer mal Probleme gibt." Aber wo gibt es die nicht?

Stiller weiß, dass seine Arbeit gut fortgeführt wird und lässt deshalb auch gerne los. "Die Nachhaltigkeit dessen, was ich gemacht habe, und der Umgang mit den Menschen - das ist es, was mir in meinem Berufsleben am wichtigsten war." Sein Rat für gutes Gelingen: Alle Mitstreiter und Klienten als Partner ansehen und als Menschen wertschätzen. "Denn ohne die Hilfe anderer ist man gar nichts."

Offiziell scheidet der langjährige Landkreis-Mitarbeiter zum Ende des Monats aus. Mit Resturlaub und Überstunden gewöhnt er sich aber schon einmal so langsam ans Rentnerdasein - das bei Hartmut Stiller sicher ebenso spannend wird, wie sein Berufsleben.
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