Kitzingen
Diabetes

Harald Stier hat sich an die Nadel gewöhnt

Eine Pumpe am Gürtel und eine Dauernadel im Bauch ermöglichen ihm ein halbwegs normales Leben. Harald Stier aus Neuses am Berg ist Diabetiker - wie immer mehr Menschen. Diabetes mellitus, Typ 1 und 2, ist auf dem Vormarsch.
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Drei- bis viermal spritzen  sich die Diabetiker pro Tag das Hormon Insulin in den Bauch.  Fotos: Diana Fuchs
Drei- bis viermal spritzen sich die Diabetiker pro Tag das Hormon Insulin in den Bauch. Fotos: Diana Fuchs
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Er ist ein 1-er Typ. Das klingt super. Ist es aber nicht. Denn Harald Stier, der 36-jährige Familienvater aus Neuses am Berg bei Dettelbach, ist Diabetiker, Typ 1. Seine Bauchspeicheldrüse hat ihre Arbeit komplett eingestellt.

Als das geschah, war Harald gerade mal elf Jahre alt. Was genau der Drüse den Garaus gemacht hat, weiß niemand. "Das passiert bei 1-er Typen urplötzlich, nach einem Schockerlebnis oder durch eine Stresssituation. Bei Harald könnte es eine Impfung gewesen sein", stellt Elfriede Ringelmann fest.

Als Leiterin der Diabetiker-Selbsthilfegruppe Kitzingen kennt die 60-Jährige aus Neuses am Berg "den Fox" - so wird der Harald im Ort genannt - seit langem. Sie erklärt, dass die zehn mal 15 Zentimeter große Pumpe ihn fortwährend mit Insulin versorgt.



Drei- bis viermal täglich Insulin


Elfriede Ringelmann selbst ist ein 2-er Typ - genau wie ihr Mann Franz und wie Ingeborg Göb sowie Karlheinz Schmitt aus Dettelbach. Ihre Bauchspeicheldrüse arbeitet noch ein bisschen mit. Alle vier spritzen sich drei- bis viermal täglich Insulin ins Unterbauchgewebe. Das Hormon soll den gestörten Stoffwechsel ausgleichen.


"Insulin ist der Schlüssel, der die Zellen aufschließt, so dass sie Glukose aufnehmen können", erklärt Ringelmann. Wer nicht rechtzeitig Insulin bekommt, der kann unter Umständen bewusstlos werden und schlimmstenfalls sterben. Doch davon sind Göb, Schmitt und die Ringelmanns meilenweit entfernt. Denn jeder von ihnen hat sein "Zuckerzeug", wie sie sagen, jederzeit griffbereit.


Blutzuckerspiegel bestimmen


Mit Hilfe eines Kunststoffkästchens, so klein wie ein Handy, können sie immer und überall ihren Blutzuckerspiegel bestimmen. Mit einem feinen Nädelchen stechen sie sich dazu in eine Fingerkuppe - Göb: "Am Anfang gehört Überwindung dazu" - und geben den entstehenden Blutstropfen direkt auf ein Messschienchen. Innerhalb weniger Sekunden zeigt das Gerät den akutellen Blutzuckerwert an. Ist er zu hoch, gibt´s rasch Insulin, ist er zu niedrig, zum Beispiel eine Nährlösung.


Es kribbelt in den Beinen


"Ich merke schon von selbst, wenn der Wert nicht passt", erzählt der 70-jährige Karlheinz Schmitt. "Dann kribbelt es in den Beinen oder im Magen entsteht ein flaues Gefühl." Schmitt, der früher im Post-Bahn-Versand in ganz Deutschland unterwegs war, ist seit 20 Jahren Diabetiker. Er weiß aus Erfahrung, dass vor allem ein dauerhaft zu hoher Blutzuckerspiegel schlimme Folgen haben kann - bis hin zum gefürchteten diabetischen Fuß mit offenen Stellen, Geschwüren oder Gefühllosigkeit. Deshalb kann Schmitt die Broteinheiten (BE) auswendig, die jedes Lebensmittel aufweist und die ein Diabetiker "immer schön berechnen muss". Schließlich muss er die Insulingabe darauf abstimmen.

Diabetes rechtzeitig erkennen

Auch Harald Stier, der als Kind wegen Unterzuckerung einige Male bewusstlos wurde, sagt, er könne heute gut abschätzen, wie sich welches Essen auswirke. Sport kann er trotz seiner Nadel im Bauch treiben - und er freut sich über die regulierende Wirkung der Bewegung. "Die ist für mich genauso wichtig wie gesundes Essen", sagt der Edelstahlschweißer, der in der Freizeit auch gern mit seinen Kindern tobt: "Ich habe mich an die Nadel gewöhnt und mach ' das Beste draus."

Nicht immer ist das leicht. "Manchmal überkommt einen die Lust", erzählt Karlheinz Schmitt. "Ich bin mal durch Dettelbach gerannt und hab' einen Laden gesucht, der Schokolade verkauft. Eine Tafel hab' ich dann auf einmal verschlungen."


Selbstbeherrschung ist wichtig


Elfriede Ringelmann lacht. Sie kennt solche Situationen. Wie gern hätte sie bei der Weinlese die Träubel direkt vom Stock vernascht... "Wir brauchen zwar keine Diätprodukte, müssen aber sehr auf die Menge achten." Mit einem Seufzer denkt sie an die Plätzchenzeit.

Fatal ist, meint Ringelmann, dass Typ 2-Diabetes sich schleichend entwickelt. Zunächst betrachte man die Symptome wie Müdigkeit oder Schweißausbrüche oft als allgemeines Unwohlsein. "Erst als mein Mann ganz stark abgenommen hatte und wir schon Angst hatten, er könnte Krebs haben, sind wir auf das Naheliegende gekommen", schildert sie die Situation vor fast zehn Jahren. Damals ging Lkw-Fahrer Franz Ringelmann endlich zum Arzt. Er kam als 2-er Typ aus der Praxis heraus. "Ich fühle mich heute , dank der medizinischen Möglichkeiten, trotzdem erstklassig", meint er mit einem Augenzwinkern.


Zahlen und Fakten


Krankheit Diabetes mellitus, die "Zuckerkrankheit", ist eine der häufigsten Stoffwechselerkrankungen in Industrieländern. 90 Prozent aller Fälle zählen zum Typ 2 (gestörte Insulinproduktion), knapp 5 Prozent zum Typ 1 (Ausfall der Bauchspeicheldrüse), zudem gibt es Schwangerschaftsdiabetes. Neben Komplikationen an Augen, Nieren, Nerven und Füßen haben Typ 2-Diabetiker ein hohes Risiko für Gefäß- und Herzschäden.

Hilfe Apotheker Peter Ley hat die Diabetiker-Selbsthilfegruppe 1998 gegründet. Jeden 3. Mittwoch im Monat treffen sich die Mitglieder aus dem ganzen Landkreis ab 19.30 Uhr im Paul-Eber-Haus Kitzingen. Infos: 09324/ 99850 (Gruppenleiterin Ringelmann), 09321/ 927755 (Karin Zierhut)


12 Prozent der 20- bis 79-Jährigen leiden in Deutschland laut der Internationalen Diabetes Föderation (IDF) an der "Zuckerkrankheit". Experten glauben, dass sich die Zahl in den nächsten zehn Jahren verdoppeln wird - aufgrund von verbreitetem Übergewicht, zu wenig körperlicher Bewegung und höherer Lebenserwartung.
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