IPHOFEN/KITZINGEN

Grenzerfahrungen in den Bergen

Albert Knaus ist 75 Jahre alt. Das hält ihn nicht davon ab, mit drei Freunden zu Fuß die Alpen zu überqueren.
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Die neue Viererseilschaft auf der höchst gelegenen Hütte auf dem Weg von München nach Venedig, der Capanna Fassa: Elmar und Elke Cäsar, Kerstin und Albert Knaus. Fotos: Elke Cäsar Foto: Albert Knaus
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Die Reise war gut geplant. Und verlief dennoch mit vielen Überraschungen. Ein Absturz endete glücklicherweise glimpflich. Nach drei Wochen kamen die Abenteurer glücklich und geschafft an ihrem Zielort an.

Am 26. Juli steigen Rainer Kunkel (Köln), Elmar und Elke Cäsar (Kitzingen) sowie Organisator Albert Knaus (Iphofen) in Kitzingen in den Zug. Noch ahnen sie nicht, was sie bei ihrer Alpenüberquerung von Bad Tölz nach Belluno (Veneto) alles erwartet. Glitschige Aufstiege bei Regenwetter, schmerzende Knie und Sehnen, eine dramatische Rettungsaktion – und zwei Kugel Eis zur Belohnung.

Durchtrainiert werden die 13 Kilogramm schweren Rucksäcke nach der Zugfahrt geschultert und die Wegstrecke zur ersten Übernachtung in der Tutzinger Hütte (Voralpen) gemeistert. Über den Isarwinkel führt der Pfad in das Rißtal. Ein Muränenabgang versperrt den geplanten Weg. Im strömenden Regen suchen die Bergsteiger eine Alternative. Auf halbem Weg muss der Kölner Rainer Kunkel aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und umkehren. Im Karwendelhaus finden die anderen drei völlig erschöpft ein Bett.

Einige geben am Stahlseil auf

Der Hüttenwirt gibt am Morgen seine Wetterprognose und Tipps für den schweren Weg zum Haller Angerhaus. „Wer die ersten zweihundert Höhenmeter am Stahlseil schafft, schafft den Rest“, sagt er. Einige geben auf. Die Dreiergruppe beißt sich durch und weiß nach wenigen Stunden, was der Wirt gemeint hat. Der Steig um die Birkkarspitze (2749 m) zur Hütte zieht sich über zwölf Stunden hin. Achteinhalb Stunden waren geplant.

Die Kletterbelastung durch die hohen Felsstufen war trotz intensivem und konsequentem Training für den 75-jährigen Albert Knaus zu viel. Achillessehne und Kniegelenk sind stark entzündet. Knaus steigt einen Tag später ins Zillertal nach Mayrhofen ab und nimmt einen Tag Auszeit. Hier trifft er in der Dominikushütte auf gleichgesinnte Freunde.

Die Zweierseilschaft geht weiter über den Pfad Richtung Tuxer Gletscher und wird von deutschen Freunden begleitet. Über eine schwindelerregende Hängebrücke erreichen sie die Olperer Hütte (Zillertaler Alpen), wo auch Knaus wieder hinzukommt.

Konzentration bei jedem Tritt

Sehr lange Abstiege belasten auch weiterhin die Knie der Bergsteiger. Große Felsblöcke müssen umgangen werden und jeder Tritt wird mit hoher Konzentration gewählt. Der Blick ins steil abfallende Tal ist schwindelerregend. Da passiert es: Eine Bergkameradin rutscht auf unscheinbarem Geröll aus, der Rucksack zieht sie mit in die Tiefe des Hanges. Elmar Cäsar und Albert Knaus werfen ihre Rucksäcke ab und klettern zu der Verunfallten den Hang hinunter. Schock bei der Bergsteigerin und Schmerzen im rechten Knie. Knaus sichert die Verunglückte mit dem Notseil, um ein weiteres Abrutschen zu vermeiden. Mit gemeinsamen Kräften wird sie auf den Steig geborgen.

Ist ein Weitergehen möglich? Die mitgeführte Notfallapotheke kommt zum Einsatz. Knaus geht alleine den Weg zur nächsten Hütte, um Hilfe zu organisieren. Ständige Versuche, die Bergrettung Tirol zu rufen, enden im Funkloch. Schließlich erreicht er die Hütte und kann Transporthilfe organisieren. Elmar Cäsar trägt seinen und ihren Rucksack. Beide Bergsteiger schleppen sich auf dem Felsweg in Richtung Hütte. Im ständigen Auf und Ab wird schließlich das Pfitscher Joch Haus (2277 m), direkt an der österreichisch/italienischen Grenze erreicht.

Langsam, sehr langsam

Ausatmen und Ruhe ist angesagt. Den schweren Abstieg nach Stein und Pfunders traut sich die Gruppe nicht zu. Der Hüttenwirt fährt die Drei ins Tal. Vom Pustertal steigt der Pfad jedoch wieder tausend Höhenmeter zur Kreuzwiesenalm (1925 m) an. Langsam, sehr langsam bewegen sie sich den Berg hinauf und schaffen das Ziel, um ziemlich als Letzte im Schlaflager anzukommen.

Zuhause in Iphofen ist die Ehefrau von Albert Knaus, Kerstin, derweil damit beschäftigt, ihre Pferde und den Hund unterzubringen, denn sie will den Ausfall von Rainer Kunkel ersetzen, damit die Viererseilschaft wieder komplett ist. Am Würzjochpass (2006 m) ist die Kleingruppe vereint und setzt die Alpenüberquerung zu viert fort. Die schwierige Besteigung der Roascharte (2617 m) wird gemeistert.

Das Grödnertal mit dem Sellastock liegt vor den Abenteurern. Jetzt gilt es den höchsten Gipfel der Alpenüberquerung anzugehen. Es ist der Piz Boe mit der winzigen Hütte „Capanna Fassa“ auf dem Gipfel in 3152 Metern Höhe. Kräftig und mancherlei Schmerzen um Knie, Knöchel und Sehnen vergessend, steigt die Gruppe bergan. Luftig, sehr luftig ist der Anstieg vom Sella Plateau auf den dreihundert Meter höher gelegenen Gipfel. Die Seilschaft wird belohnt. Das Gipfelziel wird erreicht. Der Hüttenwirt spendiert eine Flasche Südtiroler Rotwein, bei dieser sollte es dann auch nicht bleiben.

Einmal waschen, bitte

Der Gletscher um die Marmolada am Fedaja Stausee ist die nächste Etappe. Hier ist nochmals Erholung angesagt. Der Ruhetag tut gut. Strümpfe und Hemden riechen schon sehr auffällig und rufen danach, gewaschen zu werden. Hat die Gruppe bislang schon schwere Bergwege meistern müssen, so liegt auf der letzten Etappe nach Belluno die anspruchsvollste Wegstrecke. Ein langer, schwieriger Steig bringt die Gruppe ins Adlernest zur Tissihütte. Die hörbaren Steinschläge und das Queren von Schneefeldern lassen keine Pause zu. Die Schutzhelme sind Pflicht! Höchste Konzentration und Vorsicht sind angesagt.

Der Folgetag zeigt zehn Stunden Gehzeit auf. Der Steig führt an Felsabstürzen vorbei, die bis zu 1200 Meter hoch aufragen. Der Pfad ist gerade mal zwei Fuß breit. Der Steilhang zeigt über 500 Meter nahezu senkrecht ins Tal. Der Wanderführer schreibt über diese Stelle nicht zu unrecht: „Hier wäre eine Fehltritt fatal.“

Am 17. August, drei Wochen nach ihrem Start, erreicht die Viererseilschaft die wunderschöne Stadt Belluno in der Provinz Venetien, etwa achtzig Kilometer nördlich von Venedig gelegen. Hier gönnen sich die vier Bergsteiger zwei Kugeln Eis als Lohn für die anstrengende, aber herrliche Alpenüberquerung.

Die Daten zur Tour

Länge: 393 km

Kosten: ca. 80 €/Person/Tag

Aufstieg: 15.913 Höhenmeter (entspricht etwa acht Mal der Besteigung vom Eibsee zur Zugspitze).

Abstieg: 20.465 Höhenmeter

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