KITZINGEN

Gleichberechtigt, aber nicht gleichgestellt

Seit 100 Jahren gibt es das Frauenwahlrecht in Deutschland. Alle Ungerechtigkeiten sind aber noch nicht beseitigt.
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100 Jahre Frauenwahlrecht – und immer noch eine sehr ungleiche Verteilung von männlichen und weiblichen Mandatsträgern im Bayerischen Landtag. Die Mitglieder des Katholischen Frauenbundes machen auf diesen Umstand mit einer groß angelegten Plakataktion aufmerksam. Foto: Foto: Ralf Dieter

Es gibt noch viel zu tun. Auch im Jahr 2018. Von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau könne keine Rede sein. Zumindest nicht in Bezug auf die Arbeitswelt.

15 Frauen hatten sich am Kitzinger Bahnhof eingefunden, um an einen runden Geburtstag zu erinnern. Vor 100 Jahren wurde das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt. „Ein wichtiger Schritt“, sagt Karin Post-Ochel, die Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes in Kitzingen. Ein Schritt, dem auch hundert Jahre später noch viele weitere folgen müssten.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei für Frauen in den letzten Jahrzehnten besser geworden. Steigerungspotenzial gebe es aber nach wie vor. Das treffe besonders auf die Entlohnung zu. „Der equal-pay-day ist am 18. März“, erinnert Post-Ochel. Will heißen: Bis dahin arbeiten Frauen quasi umsonst, weil sie nach wie vor in vielen Berufen deutlich weniger verdienen als Männer – trotz gleicher Qualifikationen.

„Bei der Bezahlung stehen Frauen allgemein weiterhin deutlich schlechter da

als Männer.“

Ibo Ocak, Geschäftsführer NGG Unterfranken

Die Teilzeit und der Niedriglohn – im Landkreis Kitzingen ist beides weiblich: Noch immer sind hier 72 Prozent aller Teilzeit- und Minijobs in Frauenhand. Darauf weist die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hin. Bei den rund 9000 Teilzeit-Stellen im Landkreis liege der Frauenanteil nach Angaben der Arbeitsagentur sogar bei 82 Prozent.

Ibo Ocak, Geschäftsführer der NGG Unterfranken, spricht deshalb von einer „Karrierefalle“: Gerade in Hotels, Restaurants und Bäckereien seien Minijobs und Teilzeit-Verträge stark verbreitet. „Die Kellnerin in Vollzeit ist die Ausnahme“, so Ocak. Wer jedoch 20 oder 25 Stunden arbeite, habe es beim beruflichen Aufstieg deutlich schwerer. „Bei der Bezahlung stehen Frauen allgemein weiterhin deutlich schlechter da als Männer“, kritisiert Ocak. So verdienten Frauen in Deutschland zuletzt 21 Prozent weniger als Männer. Das habe das Statistische Bundesamt ermittelt. Im EU-Durchschnitt lag der so genannte „Gender Pay Gap“ dagegen lediglich bei 16 Prozent. „Es kann nicht sein, dass Paula nur deshalb auf bis zu mehrere hundert Euro pro Monat verzichten muss, weil sie nicht Paul heißt“, kritisiert Ocak.

Post-Ochels Fazit zielt in die gleiche Richtung: Gleichberechtigt seien die Frauen mittlerweile. „Aber nicht gleichgestellt.“

Karin Böhm und Astrid Glos können das bestätigen. Sie erinnern sich noch gut an die Zeiten, an denen Frauen nicht mal gleichgestellt waren. „Als ich nach der Schwangerschaft zurück in den Beruf wollte, habe ich einen anderen Job und ein deutlich schlechteres Gehalt angeboten bekommen“, erinnert sich Karin Böhm. Und Astrid Glos wundert sich noch heute, dass ihr Ehemann sowohl auf dem Arbeitsvertrag als auch auf ihrem Führerschein mit unterschreiben musste.

Diese Zeiten sind vorbei. Ungerechtigkeiten gibt es aber nach wie vor. „Die Männer haben immer noch das Sagen“, kritisiert Karin Böhm. Mit Ausnahme des Ehrenamtes. Da seien Frauen in der Überzahl. „Kein Wunder“, meint Astrid Glos. „Das kostet ja auch nichts.“

Mit einer groß angelegten Plakataktion will der Landesverband Bayern des Katholischen Deutschen Frauenbundes auf die Bedeutung des 100-jährigen Geburtstages des Wahlrechts für Frauen hinweisen – und auf die Missstände, die es immer noch gibt. Nach wie vor seien Frauen in Politik und Führungsebenen von Wirtschaftsunternehmen unterrepräsentiert. Warum das so ist, will den Damen am Kitzinger Hauptbahnhof nicht einleuchten. „Frauen arbeiten anders als Männer. Aber sie sind genauso kompetent“, betont Post-Ochel.

Die Bundeskanzlerin ist eine Frau, die Verteidigungsmeisterin ebenfalls. Angela Merkel hat sechs Frauen in ihr neues Kabinett berufen. In der Politik tut sich etwas. Aber längst nicht genug, wie die Frauen am Protestplakat meinen. Die Zahlen geben ihnen Recht. 4,4 Prozent der Mitglieder des Bayerischen Landtags von 1919 waren Frauen, 1946 waren es 1,7 Prozent. Bei der letzten Wahl vor fünf Jahren waren es 28,3 Prozent. „Wann werden es endlich 50 Prozent sein?“, fragt Karin Post-Ochel und ruft im Namen des Katholischen Frauenbundes alle Frauen auf, bei der Landtagswahl im Oktober Frauen zu wählen. Für sie eine logische Rechnung. „Wenn alle Männer Männer wählen, hätten wir in etwa eine gerechte Aufteilung“, meint sie.

Frauen an die Macht? Männerdämmerung? Darum geht es den Kämpferinnen vom Katholischen Frauenbund nicht. „Gemeinsam sind wir stark“, betont Astrid Glos, die seit zehn Jahren im Kitzinger Stadtrat sitzt. Neun von 30 Mitgliedern sind dort weiblich. „Frauen sollen nicht die Macht übernehmen“, ergänzt Karin Böhm. „Aber die Macht gerecht mit den Männern teilen“. Es geht um ein gutes und gerechtes Miteinander“, betont Karin Post-Ochel. Natürlich gebe es zwischen Männern und Frauen Unterschiede in der Denk- und Handlungsweise. Das sei auch gar kein Problem. „Idealerweise können die sich ja ergänzen.“

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