Kitzingen
Attacken

Gewalt gegen Polizisten: eine ständige Gefahr

Polizeibeamte werden bei ihrer Arbeit immer wieder mit gefährlichen Situationen konfrontiert. Axel Goller aus Kitzingen erzählt, wie es ihn traf und wie er das Erlebte bewältigte.
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Axel Goller zeigt, wo er von einem während eines Einsatzes geworfenen Aschenbecher getroffen wurde.  Foto: Benedikt Borst
Axel Goller zeigt, wo er von einem während eines Einsatzes geworfenen Aschenbecher getroffen wurde. Foto: Benedikt Borst
Die Nacht vom 9. auf den 10. März 2009 hat sich Axel Goller unvergesslich ins Gedächtnis eingebrannt. "Einer meiner Söhne hatte da Geburtstag", sagt der erfahrene Polizist. Die Narben, die er sich in dieser Nacht zuzog, sind auch heute noch zu sehen. Er deutet mit seiner Hand an den Hinterkopf, knapp hinter das rechte Ohr. Dort traf ihn während eines Einsatzes ein Glasaschenbecher mit voller Wucht. "Ich habe damals mit allem gerechnet. Nur nicht mit so einem intensiven Angriff auf meine Person", erzählt der 50-Jährige.

Vermeintliche Routine

Der Polizeibeamte trug von der überraschenden Attacke zwei Schnitte davon, die genäht werden mussten. In der ersten Zeit nach dem Angriff hatte er mit Gleichgewichtsproblemen und einem leichten Gedächtnisverlust zu kämpfen."Ich habe dann zum Beispiel einfach vergessen, wo ein Freund von mir gewohnt hat", schildert er.
Dabei fing der besagte Abend noch wie ein Routineeinsatz an. Goller wurde mit einem jungen Kollegen zu einem nicht weit von der Dienststelle gelegenen Spielcasino geschickt. Ein Gast habe Hausverbot erteilt bekommen und weigere sich, den Laden zu verlassen. "Der Mann war polizeilich bekannt und ich bin immer gut mit ihm klar gekommen. Ich bin davon ausgegangen, dass die Sache verbal zu lösen ist", berichtet Goller von dem Abend. Der Täter war alkoholisiert und außerdem als Drogenkonsument bekannt.

An dem Abend litt der Mann, wie Goller schildert, an Verfolgungswahn.

"Der hat uns für Organhändler gehalten", sagt der Polizist. Weil er wusste, dass die Polizisten auf dem Weg waren, hat er sich in dem Raum versteckt und kam dann aus der Deckung hervor - in der einen Hand mit einer Billardkugel und in der anderen mit dem Aschenbecher bewaffnet. Detailreich erinnert sich Goller an das Erlebte: "Die Billardkugel war orange-weiß, mit der schwarzen Nummer 13 darauf." Noch während der Mann zum Wurf ausholte, versuchte Goller in Deckung zu gehen, doch im nächsten Augenblick fühlte er auch schon den Einschlag, gefolgt von dem Schmerz. "Wie man einen auf sich zufliegenden Aschenbecher abwehrt, hatten wir leider bis dahin nicht gelernt", meint er mit einem schiefen Lächeln.

Es kann jeden treffen

Im ersten Augenblick war er noch benommen, ging allerdings nicht K.O. So konnte er mit seinem Kollegen den Täter überwältigen und anschließend Unterstützung und den Rettungsdienst anfunken. Goller streicht sich über den Nacken: "Ich habe gemerkt, wie mir das Blut hinten runter lief". Als nächstes beschreibt er, wie erschrocken die angeforderten Kollegen ihn angeschaut haben, als er von dem Notarzt behandelt wurde. "Die Kollegen waren so schockiert, weil es jemanden aus der eigenen Gruppe getroffen hat", erläutert er. Ansonsten erfahre man von derartigen Vorfällen nur aus den Nachrichten.

"Gewalt gegen Polizisten kann überall zuschlagen und jeden treffen", weiß Goller heute. Man werde immer schon mit brisanten Fällen konfrontiert.

Seit 32 Jahren ist der Kitzinger bereits im Dienst tätig, seit 1985 geht er auf die Straße. "Wenn du im täglichen Dienst bist, hört das Lernen nie auf, um sich auf extreme Situationen vorzubereiten", sagt er. Die Beamten erhalten regelmäßig Taktikschulungen, trainieren Nahkampf und Selbstverteidigung. Geübt werden Einsätze an authentischen Fällen aus der Praxis. Eine Sicherheitsgarantie ist das für die Männer und Frauen aber nicht. "Besonders hart sind Situationen, die dich unerwartet treffen", merkt Goller an. So wie der 200 Gramm schwere Aschenbecher an diesem Montag im März vor drei Jahren.

Umgang mit der Gewalt

Die Attacke hat Goller mittlerweile als Teil seines Berufslebens akzeptiert. Jedoch sei der Umgang mit der Tat gerade in den ersten Wochen und Monaten nicht leicht gewesen. Der Polizist litt unter der psychischen Last, durchlebte den Vorfall immer wieder im Traum, wobei er um sich schlug und trat. "Man macht den Dienst ja ganz normal weiter. Da stellt sich schon die Frage: Wie gehe ich damit um?", äußert er sich nachdenklich. Letzten Endes hat ihm vor allem das Mitgefühl seiner Kollegen und seiner Lebensgefährtin geholfen. "Ich habe mir den Vorfall von der Seele reden können", meint er rückblickend.
Ebenfalls sehr wichtig in dieser für ihn sehr schwierigen Zeit, war die Unterstützung durch die Bayerische Polizeistiftung, die sich Fällen wie seinen annimmt. Schnell und unbürokratisch hat sie ihm finanziell unter die Arme gegriffen. "Das kommt von deiner Polizeifamilie und drückt deren Anteilnahme aus", hieß es damals. Dadurch fühlte er sich nicht im Stich gelassen. Davon abgesehen habe er die Spende der Stiftung auch benötigt. Unter anderem, um die hohen Behandlungskosten auszulegen. "In dem Moment habe ich mich über die Entschädigung sehr gefreut", blickt der Beamte zurück. Im Normalfall - in Gollers Fall nicht - werden verletzte Kollegen einige Zeit krank geschrieben.

Fehlende Schichtzulagen reißen dann ein größeres Loch in den Geldbeutel. Und Schmerzensgeld ist nach Aussagen von Goller von dem Täter meistens nicht zu holen.

Deshalb lobt Axel Goller den als "Franken-Cop" bekannten Schriftsteller Hartmut Friese. Friese überreichte unlängst der Bayerischen Polizeistiftung eine Spende in Höhe von 500 Euro. Seit seiner Pensionierung schreibt der ehemalige Polizist Friese die skurrilsten und lustigsten Anekdoten aus dem Polizeialltag in der "Notruf 110" Reihe nieder. Den Erlös aus dem Verkauf - bisher etwa 15 000 Euro - spendet Friese stets an die Polizeistiftung. "Mir ist in meiner ersten Nachtschicht etwas Schlimmes passiert", erzählt Friese. Bei einem Einsatz in Zirndorf kam ein Kollege bei einer Messerstecherei ums Leben, Tags zuvor wurde ein Beamter in Nürnberg erschossen.
"Ich hatte im Dienst immer viel Glück. Andere Kollegen haben nicht so viel Glück. Deshalb denke ich mir, wenn du an den Büchern schon nicht viel verdienst, dann spendest du das Geld wenigstens", erklärt er.

Die Spende überreichte Friese im Beisein der unterfränkischen Polizeipräsidentin Liliane Matthes in der Kitzinger Polizeidienststelle. Die Stiftungsvorstände Holger Zimmermann und Hubert Froesch nahmen den Scheck entgegen.
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