Landkreis Kitzingen

Vier Pflegekinder aufgenommen: Paar aus Unterfranken berichtet

Pflegefamilien werden immer gesucht, auch in Franken. Ein Paar aus dem Landkreis Kitzingen hat vier Kinder aufgenommen - und würde es wieder machen.
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Pflegefamilien
Gemeinsam spielen, Vertrauen geben: Pflegeeltern erfüllen eine wichtige Aufgabe. Symbolfoto: Bernd Wüstneck/dpa (Archiv) Foto: ArchivFoto: Bernd Wüstneck/dpa

„Wir würden uns wieder so entscheiden“, sagt die Frau, die wir der Einfachheit halber Anna Müller nennen. Ihr Mann nickt. „Auch wenn es eine Entscheidung fürs Leben ist.“

Die Beiden wollen ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung stehen haben. Um sie selbst geht es ihnen dabei gar nicht. Sie wollen vielmehr Rücksicht auf die Kinder nehmen. So wie immer.

Herr und Frau Müller leben irgendwo in Unterfranken. Ländlich. Viel Platz, es gibt Hühner, Hund und Schafe. Ein idealer Ort, um Kinder großzuziehen. Mit eigenem Nachwuchs hat es nicht geklappt. Also haben sich die beiden nach anderen Möglichkeiten umgeschaut. In den 90er Jahren haben sie erst ein Kind, dann ein zweites als Pflegekind aufgenommen. Später kamen noch mal zwei hinzu. Großfamilie. Mit allen Höhen und Tiefen.

62 Pflegekinder gibt es im Landkreis Kitzingen. Sie sind in 49 Familien untergebracht. Bedarf ist immer da. „Wir suchen immer neue Familien“, bestätigt Ursula Götz vom Pflegekinderfachdienst. Die Anforderungen sind klar umrissen: Intakte Familie, stabile Lebenssituation, finanzielle Absicherung, genug Raum zum Leben. Ein polizeiliches Führungszeugnis muss vorgelegt werden. Ideal wären Erfahrungen in Erziehungsfragen, auf jeden Fall sollten die Bewerber darüber reflektieren können. Eine gesundheitliche und psychische Stabilität kann auch nicht schaden.

 

Vor einer Einigung muss eine Eignungsprüfung abgelegt werden. „Die Bewerber müssen viel über sich selbst preisgeben“, sagt Ursula Götz. „Das ist aber auch gut so“, meint Frau Müller. „Es geht schließlich um Menschen.“

Diese kleinen Menschen haben in der Regel einiges durchgemacht, bevor sie in eine Pflegefamilie gebracht werden. Ihre leiblichen Eltern sind aus gesundheitlichen, psychischen oder finanziellen Gründen nicht in der Lage, sie großzuziehen. Frau Müller erinnert sich an den ersten Kontakt mit ihren beiden jüngsten Pflegekindern. Eigentlich waren sie und ihr Mann mit den beiden älteren ausgelastet. „Aber dann habe ich in diese leeren, liebesbedürftigen Augen geschaut“, erinnert sie sich. Im neuen Zuhause hat sich die Mimik der beiden damals Zehnjährigen verändert, sie sind förmlich aufgeblüht. „Sie mussten keine Verantwortung mehr tragen, sondern konnten selbst Kind sein“, erklärt Herr Müller. Trotzdem: Der Kontakt zur Herkunftsfamilie darf und soll nie abreißen. Keine einfache Aufgabe – für alle Beteiligten.

„Die Frage nach der eigenen Herkunft ist wichtig“, weiß Herr Müller aus all den Erfahrungen und Gesprächen mit seinen vier Pflegekindern. Die geraten fast automatisch in einen Loyalitätskonflikt, stellen sich irgendwann die Frage, ob sie sich tatsächlich überall wohl fühlen dürfen – bei ihren leiblichen Eltern und bei ihren Pflegeeltern. „Die sind im Hintergrund immer irgendwie dabei“, sagt Herr Müller. Damit muss man erst mal umgehen können. „Das ist nicht immer einfach für uns“, bestätigt seine Frau.

Die Mitarbeiter vom Pflegekinderfachdienst im Landratsamt sind als Ansprechpartner und Ratgeber in solchen – und vergleichbaren – Fällen greifbar. „Die erste Bindung haben die Kinder immer mit ihren leiblichen Eltern“, erklärt Ursula Götz. Dann kommt der Bruch und mit ihm die Unsicherheit. „In dieser Phase ist die Präsenz der Pflegeeltern besonders wichtig.“ Frau Müller ist deshalb auch Ganztagsmutter, ihr Mann so oft wie möglich daheim. Ein Elternteil ist immer für die Kinder da. Die brauchen viel Struktur, viele Rituale, kurz: Verlässlichkeit. „Eine Bindung, die sie vorher nicht gekannt haben“, erklärt Herr Müller. Gleichzeitig würden sie auch „klare Ansagen“ förmlich einfordern.

„Die Zahl der Pflegekinder ist rückläufig“, berichtet Ursula Götz. Was im ersten Moment positiv klingt, erweist sich auf Nachfrage als erschreckend. Immer mehr Kinder seien schon in ganz jungen Jahren so geschädigt, dass sie gar nicht mehr zu Pflegeeltern vermittelt werden können – sondern gleich in einem Heim untergebracht werden müssen.

Kommt eine Vermittlung zu Pflegeeltern in Frage, sind die Mitarbeiterinnen des Pflegekinderdienstes ab der ersten Kontaktaufnahme für die Pflegeeltern – und die Pflegekinder – da. Sie beantworten Erziehungsfragen, organisieren Fortbildungsangebote, bieten Supervisionen an und laden alle Pflegeeltern im Landkreis zu gemeinsamen Veranstaltungen ein. „So ein Austausch tut gut“, sagt Frau Müller. Bei Bedarf vermitteln die Mitarbeiterinnen des Landratsamtes auch therapeutische Hilfe oder eine Mutter-Kind-Kur.

Den Pflegeeltern wird – so gut wie möglich – geholfen. Die Erstausstattung mit Kindermöbeln und -betten wird gestellt, die Pflegeeltern sind kindergeldberechtigt und erhalten eine Pauschale für die Betreuungskosten. Sowohl kinderlose Paare, als auch Familien mit Kind können sich als Pflegeeltern bewerben. „Letzteres haben wir öfters“, berichtet Ursula Götz. „Dass Familien, denen es gut geht, andere Kinder an ihrem Wohlstand teilhaben lassen wollen und sich für die Aufnahme eines Pflegekindes entscheiden.“

Frau Müller würde ihre Entscheidung auf jeden Fall wieder so treffen. „Ich habe eine Familie, Kinder, eine Aufgabe. Das gibt mir sehr viel“, sagt sie.

Pflegefamilien werden immer wieder gesucht. Ansprechpartner im Landratsamt Kitzingen sind die Mitarbeiter des Pflegekinderdienstes, Ursula Götz und Eva Seemann. Tel. 09321/928-5308 oder -5307.

Artikelfoto: Bernd Wüstneck/dpa (Symbolbild)

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