Abtswind
100. Geburtstag

Geschmack und Gesundheit aus Franken

Von Anis bis Zwiebel: 420 Mitarbeiter veredeln luftgetrocknete Rohstoffe - Kunden in aller Welt ordern Kräuter, Gemüse und Gewürze aus Abtswind
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In der Chronik der Familie Mix finden sich viele historische Fotos, die den Wandel des Unternehmens vom Heilpflanzenanbau zum "Global Player" in Sachen Trockenkräuter, -gemüse  und Gewürze dokumentieren. Diana Fuchs
In der Chronik der Familie Mix finden sich viele historische Fotos, die den Wandel des Unternehmens vom Heilpflanzenanbau zum "Global Player" in Sachen Trockenkräuter, -gemüse und Gewürze dokumentieren. Diana Fuchs
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Augen schließen, tief einatmen. Sind wir plötzlich in einem Zitronen-Hain im sonnigen Süden? "Lemongras", sagt Axel vom Berg. Ein paar Schritte weiter riecht es auf einmal nach... Brathähnchen? Der Produktionsleiter lacht. "So duftet es, wenn wir Paprikapulver entkeimen." An der nächsten Halle flutet intensiv-aromatischer Thymian die Lunge und erinnert an Urlaub auf Korsika. Eine Ecke weiter liegt etwas Zwiebeliges in der Luft. "Kosten Sie ruhig mal!" Axel vom Berg öffnet die Tür zur Abfüllanlage und reicht einem ein paar getrocknete, hellgrüne Flocken. Sie schmecken würzig, wie Gemüsechips. "Weißkohl. Der wird zum Beispiel für Suppen verwendet."

Lange, beige-weiße Hallen: Von außen sieht man dem Betriebsgelände der Kräuter Mix GmbH im mainfränkischen Abtswind (Kreis Kitzingen) nicht an, dass von hier aus Geschmack und Gesundheit in alle Welt gehen. Jeder Rundgang wird zum sinnlichen Erlebnis. Dem Firmengründer, der 1919 die ersten Pfefferminzfelder anlegte, würde das bestimmt gefallen. Was der (Ur- )Großvater der heutigen Chefs wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass 420 Mitarbeiter für Kräuter Mix aktiv sind und im vergangenen Jahr für 115 Millionen Euro Umsatz gesorgt haben? Oder dass 2000 Industrie- und Handelskunden rund um den Globus bedient werden, und zwar in den Brachen Lebensmittel, Tee, Pharma, Tiernahrung und Spirituosen?

Der Duft der großen, weiten Welt. Wenn er irgendwo zu erschnüffeln ist, dann hier im Herzen Frankens. Den Grundstein dafür hat vor 100 Jahren - am 1. April 1919 - ein ebenso mutiger wie zielstrebiger junger Drogist gelegt: Christoph Mix, geboren 1887 in Rehweiler. Sein Motto: "Der Herr lässt die Arznei aus der Erde wachsen und ein Vernünftiger verachtet sie nicht." Nach dem Ersten Weltkrieg zieht er mit seiner Frau Anna nach Abtswind. In der Umgebung des Häuschens Nr. 38 baut der Pionier Arzneipflanzen an und handelt mit ihnen. Historische Bilder zeigen lachende Menschen beim Jäten, Ernten und Trocknen von Ringelblumen und Baldrian.

In den 30er Jahren investiert Christoph Mix in eine größere Halle zur Trocknung und Lagerung der Pflanzen. Unter seinen Söhnen Bernhard und Walter Mix wächst die Firma weiter, neue Maschinen werden gekauft, das Sortiment umfasst nun auch Gewürzkräuter.

Der Name des Firmengründers lebt in seinem Enkel weiter. Christoph Mix übernimmt nach dem plötzlichen Tod seines Vaters 1973 in dritter Generation die Geschäftsführung. Er ist erst Anfang 20, hat aber, wie seine sechs Geschwister, schon immer im Betrieb mit angepackt. "Wenn ich aus der Schule heimgekommen bin, konnte ich wählen: Erst helfen, dann Hausaufgaben - oder umgekehrt", erzählt der 67-Jährige. Er erinnert sich lebhaft an die Betriebsgebäude als großen Abenteuerspielplatz - "da war HighLife" -, und auch daran, dass er so manches Mal statt zum Lernen erst mal zum "Strüpfen" ging. So bezeichnete man das Abstreifen der Blätter von Pfefferminz- oder Melissepflanzen. "Zum Trocknen hat man die Blätter dann auf Drahtgeflecht-Rahmen gelegt. Die wurden auf mehrstöckigen Holzgestellen gelagert."

Als Chef richtet Christoph Mix den Betrieb Stück für Stück auf den internationalen Wettbewerb aus. Er treibt Innovationen voran, erweitert die Geschäftsbeziehungen ins Ausland. Neben Arzneikräutern und Tees werden von nun an auch Trockengemüse und Gewürzmischungen produziert.

"Das Unternehmen ist immer weiter gewachsen. Und es geht immer noch weiter." Immer mehr Großkunden zu bedienen, erfordert eine Erweiterung des Portfolios und die Einrichtung neuer Produktionsverfahren. In Wiesentheid entsteht 2005 ein zweiter Standort mit eigenem Versandbereich. Insgesamt stehen dem Unternehmen heute in Abtswind und Wiesentheid 64.000 Quadratmeter Lagerfläche zur Verfügung.

Anders als früher, werden heute alle Pflanzen bereits getrocknet angeliefert, berichtet Christoph Mix. "Bei uns werden sie quasi veredelt. Nur noch Wacholder kommt frisch." Wacholder? "Ja, daraus wird vor allem das Trendgetränk Gin gemacht."

Trends in Sachen Essen und Trinken spiegeln sich im Mix-Sortiment wider. "Unsere Verkäufer haben immer ein Ohr am Kunden, achten auf Signale", sagt Mix. "Wenn etwa von Dinkel- oder Weizengras die Rede ist, suchen wir nach guten Anbauern."

Und das weltweit. Aus 70 Ländern in Asien, Afrika, Amerika und Europa kommen aktuell Trockengemüse, Trockenpilze, Küchenkräuter, Gewürze, "Superfoods", Heilkräuter und Tee-Zutaten - fast ein Viertel davon bereits in Bio-Qualität. "Wir haben viele langfristige, zum Teil jahrzehntelange Lieferantenbeziehungen", betont der Chef. "Nachhaltigkeit ist uns sehr wichtig, deswegen werden unsere 25 Produktmanager im Einkauf von einem fünfköpfigen Expertenteam für nachhaltige Versorgung unterstützt." Das Nachhaltigkeits-Team, das bei den Anbauern, Landwirten und Wildsammlern auf ökologische und soziale Aspekte schaut, ist laut Mix "öfter unterwegs als die Einkäufer".

Christoph Mix' Sohn Bernhard, der 2010 ins Familienunternehmen einstieg, fügt hinzu: "Den Kunden wird es immer wichtiger, woher die Waren kommen. Und dass sie nachhaltig und fair erzeugt worden sind." Soziale und ökologische Aspekte hatten auch bei seinem Bruder Steffen Mix einen hohen Stellenwert. Steffens plötzlicher Unfalltod 2017 hat die Kräuter-Mix-Gemeinschaft erschüttert, aber auch zusammengeschweißt. Steffens Visionen sollen Wirklichkeit werden. Unter anderem gibt es dafür den Verein "Mix for Kids", der die Lebensbedingungen von Kindern in schwierigen Verhältnissen verbessern will.

"Hidden Champion"

Die Hälfte seiner Produkte vertreibt Kräuter Mix in Deutschland, wichtige Exportziele sind die USA, Australien, Skandinavien und die EU. Bekannte Kunden sind Unilever, Nestlé, Frutarom, Mondelez, Kontanyi, Van Hees, Twinings und Kneipp. "Wir sind ein 'hidden Champion'", sagt Bernhard Mix. "Wenn Sie einkaufen gehen, landen ziemlich sicher Mix-Produkte in Ihrem Wagen. Allerdings sehen Sie das nicht - weder in Gesundheitstees noch in Tütensuppen, weder im Käse noch in der Wurst." Dabei sei die Wahrscheinlichkeit groß, "dass etwa die Paprikastücke in der Paprikawurst in Abtswind veredelt wurden".

Lediglich ein winziger Prozentsatz der Mix-Produkte trägt tatsächlich den Namen Kräuter Mix: Unter dem Label "LebensMix" gibt es im regionalen Kerngebiet - in Naturkostläden, Apotheken, Drogerien - Tees und Gewürzspezialitäten unter dem Motto "Aus Franken - für Franken".

Aus der ganzen Welt nach Franken - und von Franken in die ganze Welt - gehen jedoch deutlich mehr Produkte. Ob Rosmarin aus Marokko, Knoblauch aus China oder Majoran aus Ägypten: Die Mitarbeiter in Abtswind verarbeiten Rohstoffe auf 30 Anlagen, die im Dreischicht-Betrieb laufen. Bevor die Kräuter und Gewürze in einer der Produktions- und Abfüllhallen landen, müssen die Waren, die meist per Lkw in Abtswind angeliefert werden, jedoch erst einmal mehrere Hürden überwinden. Die erste ist der Wareneingang.

Wie in der Ankunftshalle auf dem Flughafen sind auf einem großen Bildschirm die Anfahrtszeiten aufgelistet. Jeder einfahrende Lkw wird gewogen und kontrolliert: Gebinde werden geöffnet, Proben gezogen. "Qualität ist oberstes Gebot", stellt Produktionsleiter Axel vom Berg klar. Deshalb nehmen Sensoriker die Proben unter die Lupe, dann werden sie biochemisch und physikalisch im hauseigenen Labor analysiert und gegebenenfalls zusätzlich in unabhängigen, zertifizierten Labors auf sämtliche Inhalts- und Beistoffe geprüft.

Christoph Mix muss lächeln, wenn er an die enormen Veränderungen in Sachen Qualitätskontrolle denkt. "Vor 50 Jahren gab es noch überhaupt kein Labor. Und heute? Da arbeiten Apotheker, Lebensmittelchemiker, pharmazeutisch-technische Assistenten und Chemielaboranten an HighTech-Geräten wie Hochleistungsflüssigkeits- und Gas-Chromatographen."

Ist alles in Ordnung, werden zum Beispiel die Lemongras-Blätter in Edelstahltanks gefüllt und gesäubert. "Wir arbeiten mit Naturprodukten, da kann immer mal ein Fremdkörper dran sein", weiß Axel vom Berg. In einer Mühle im Keller werden die Blätter auf Wunschgröße zerkleinert, erneut gesiebt und mit Druckluft ein Stockwerk höher befördert, wo sie in kleine Gebinde oder große Säcke gefüllt werden, ganz wie der Kunde wünscht.

Bei besonderen Anforderungen an die Hygiene durchlaufen die Produkte zu Beginn eine Keimreduzierungsanlage - "eine Art Schnellkochtopf, in dem sie bedampft werden", erklärt Axel vom Berg. Die 30 Produktions- und Mischanlagen sehen alle ähnlich aus: Sie erstrecken sich über mehrere Stockwerke, die mit glänzenden Edelstahl-Rohren verbunden sind. Sind Siebe und Zerkleinerer durchlaufen, wird das fertige Endprodukt abgefüllt - geschnitten, gemahlen, gerebelt, gekibbelt, als ganze Ware, in Scheiben, Streifen, Würfeln oder als Granulat - und in die Versandhalle beziehungsweise ins Lager transportiert.

"Nachhaltig wachsen"

Damit die Pflanzen überhaupt optimal gedeihen konnten, mussten sich Sonne, Regen, Wind und Insekten die Waage halten. Das klappt nicht immer. "Mutter Natur ist ein unsicherer Verhandlungspartner. Die Entwicklung zu kalkulieren, ist das Spannende an unserer Arbeit", findet Christoph Mix. Auch nach 50 Jahren Erfahrung liebt er das Reisen und Verhandeln mit Lieferanten in aller Welt.

"Es ist nie etwas fertig. Alles ist im Wachsen", hat Walter Mix schon 1963 festgestellt. Zum Hundertjährigen präsentieren die beiden geschäftsführenden Gesellschafter Christoph Mix und Bernhard Mix sowie Geschäftsführerin Silke Wurlitzer ein überarbeitetes Firmenlogo und den Leitsatz "Passion for Plants". Mit dieser Leidenschaft für Pflanzen "gehen wir in die Zukunft", kündigt Christoph Mix an. "Wir wollen nachhaltig weiterwachsen." Ganz wie der Opa vor 100 Jahren.

Mix in Zahlen:

23.000 Tonnen beträgt der durchschnittliche Warenbestand in den modernen Lagerhallen von Kräuter Mix.

115 Millionen Euro Umsatz haben die 420 Mitarbeiter des 1919 gegründeten Unternehmens im Jahr 2018 erwirtschaftet.

50 Prozent der Waren, die bei Kräuter Mix im fränkischen Abtswind verarbeitet werden, werden ins Ausland exportiert.

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