MARKT EINERSHEIM

Geschichten aus der Geschichte

Geschichte hat sie schon immer interessiert. Aber weniger die Daten und Fakten. Linda Schatz mag vor allem die Geschichten hinter der Geschichte. Die erzählt sie allen Gästen auf eine lebendige Art und Weise – und schlüpft dabei in unterschiedliche Rollen.
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Geschichte hat sie schon immer interessiert. Aber weniger die Daten und Fakten. Linda Schatz mag vor allem die Geschichten hinter der Geschichte. Die erzählt sie allen Gästen auf eine lebendige Art und Weise – und schlüpft dabei in unterschiedliche Rollen.

Noch schnell den gehäkelten Schal umgeworfen und in die Handtasche geschaut: Ist auch alles drin, was sie für ihre Rolle als Mine Lehnert braucht? Alles prima: Die Bonbons glänzen in der Hand, die „Pflastersteine“ sind bestens verwahrt in einer kleinen Tupperdose.

„Die Kirchenburgen haben es mir einfach angetan.“
Linda Schatz, Gästeführerin

Linda Schatz hat sich einiges ausgedacht für ihre Führungen durch Markt Einersheim. 2016 hat sie ihre Ausbildung zur Gästeführerin Weinerlebnis Franken abgeschlossen. Seither führt sie Neugierige nicht nur durch die Weinberge rund um Hüttenheim und Markt Einersheim. In beiden Orten ist sie ebenfalls als Gästeführerin unterwegs – genau so wie in Mönchsondheim und Markt Herrnsheim. „Die Kirchenburgen haben es mir einfach angetan“, sagt die Frau, die als Tourismusbeauftragte bei der Gemeinde Willanzheim angestellt ist. Kirchengaden hat Markt Einersheim leider nicht mehr. Aber dafür eine reiche Geschichte. Und die erweckt Linda Schatz zu neuem Leben.

„Hier gibt und gab es ganz viele Originale“, sagt sie und blättert in einem Lesebuch mit dem einfachen Titel „Markt Einersheim“. Besondere Menschen werden dort porträtiert, etwa der „Gänsdicker“, ein Mann, der Zeit seines Lebens Gänse gehütet und im Armenhaus gelebt hat, „aber eine echte Frohnatur war“. Linda Schatz hat sich für ihre Führung die historisch verbürgte Person der Wilhelmine Lehnert ausgesucht. Die bekam als junge Frau eine Anstellung im Schloss, sollte sich um das behinderte Kind der Familie von Rechteren kümmern. „Und so ist sie höfisch erzogen worden und hat die Etikette der Schlossherren übernommen“, erzählt Linda Schatz. Beliebt war sie im Dorf – und nicht nur, weil sie Bonbons an die Kinder verteilte. Als ihr Mündel starb, stand Mine plötzlich ohne Arbeit da. „Und konnte nicht mal Kartoffeln schälen.“ Aber so ist und war das in einer funktionierenden Dorfgemeinschaft: Mine Lehnert hat sich durchgeschlagen und starb 1924 im damals stolzen Alter von 83 Jahren.

Als „Lehnerts Mine“ berichtet Linda Schatz nicht nur vom Leben und Treiben im ausgehenden 19. Jahrhundert in Markt Einersheim, sondern wirft auch einen Blick zurück in die Geschichte. „Als Gästeführer sollte man immer den ganzen Kontext im Blick haben“, sagt sie. Und deshalb bildet sich Linda Schatz immer fort, liest historische Abhandlungen, besucht die Archive in der Region und läuft immer wieder bei Führungen ihrer Kollegen mit. Ihre Erfahrung: Jede Gruppe ist anders.

„Die Kunst besteht darin, sich auf die Menschen

einzustellen.“

Linda Schatz

„Die Kunst besteht darin, sich auf die Menschen einzustellen.“ Mal freuen sich die Gäste vor allem auf die Weinprobe, mal kommen ganz detaillierte Nachfragen. Eines ist nach ihrer Erfahrung aber immer gleich: Männer fragen nach den Zahlen, Daten und Fakten. „Frauen wollen lieber Emotionen.“ Für Linda Schatz nachvollziehbar: „Letztendlich sind es die Geschichten, die hängen bleiben.“

Ein paar Fakten dürfen es aber auch sein – und so erklärt sie den Gästen, warum der Ort im Jahr 1542 das Marktrecht bekommen hat – und warum Markt Einersheim seither immer zu den wohlhabenderen Gemeinden in der Region gehört hat. Gelegen an der wichtigen Handelsroute zwischen Nürnberg und Frankfurt, konnte die Gemeinde einen so genannten Pflasterzoll verlangen – weshalb die Markt Einersheimer auch heute noch den Spitznamen „Pflasterbären“ tragen. „Wer durch die Alte Reichsstraße wollte, der musste zahlen“, erklärt Linda Schatz, die unter anderem ein Buch über das Zollwesen in früheren Jahrhunderten besitzt und auch eine extra Führung rund um die Markt Einersheimer Zollgeschichte im Repertoire hat. Rund 20 Führungen bietet die gebürtige Aschbacherin pro Jahr an – mit und ohne Weinverkostung. Sie geht mit Interessierten die Mühlenwege ab und erläutert unterwegs Wissenswertes über die erdgeschichtliche Entwicklung der Region zwischen Bullenheimer Berg und Schwanberg. Sie erzählt die Geschichte der Ruine Speckfeld bei einer Wanderung vor Ort und genießt mit den Gästen den Blick vom Wengertshäusla in die Gegend.

Etwa eineinhalb bis zwei Stunden dauert eine Tour mit Linda Schatz. Danach haben die Gäste jede Menge spannender Geschichten aus der Geschichte im Kopf.

Offene Führungen im Herbst: Spaziergang zum „Wengertshäusla“ von Markt Einersheim, Sonntag, 8. September, 13 bis 15 Uhr.

Ortsführung zum Kirchweihdienstag, Auszug der historischen Burschenschaft Markt Einersheim, Dienstag 17. September, 11 bis 12.30 Uhr.

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