MARKTBREIT

Geschichte, die bewegt

Ausgrabungen in der Nähe von Marktbreit erhärten eine spannende Theorie: Marktbreit hätte im römischen Reich beinahe eine ganz besondere Rolle gespielt.
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Matthias Merkl vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege zeigt die Fundstellen oberhalb von Marktbreit. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Professor Sebastian Sommer spricht von einem Wow-Effekt. Sein Kollege vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Dr. Matthias Merkl, von sehr spektakulären Erkenntnissen. Oberhalb von Marktbreit, ganz in der Nähe des Hockey-Vereins, sind zahlreiche Befunde der Bronze- und Römerzeit entdeckt worden. Das alleine macht den Wow-Effekt noch nicht aus. Es ist der Bezug zur Geschichte, der die Archäologen fasziniert.

Für den Laien sehen die Scherben, die in umfunktionierten Erdbeerschalen aufbewahrt werden, und die ausgehobenen Gruben nicht besonders spektakulär aus. Die Verknüpfungen in die Vergangenheit, die Landeskonservator Sebastian Sommer und der Referent für Praktische Denkmalpflege in Ober- und Unterfranken, Matthias Merkl, herstellen, machen den Fund in der Nähe von Marktbreit erst so richtig spannend.

„Dies hier war der

eigentliche Platz

der Begierde.“

Prof. Sebastian Sommer über das Marktbreit vor rund 2000 Jahren

Mitte der 1980er Jahre sind oberhalb von Marktbreit, auf dem Kapellenberg, Reste eines riesigen Römerlagers gefunden worden. Rund 500 Meter Luftlinie entfernt haben die Archäologen jetzt Beweise dafür ausgegraben, dass damals auch eine groß angelegte Infrastruktur aufgebaut worden ist. Sieben große Ofenanlagen haben Benjamin Binzenhöfer und seine Kollegen von der Ausgrabungsfirma Specht in minutiöser Arbeit freigelegt. Zu sehen sind verschieden große Löcher im Boden, die Professor Sommer mit seinen Erzählungen zu neuem Leben erweckt.

Die vorgefundene Ofenbatterie umfasste einen kleineren Backofen, sieben Töpferöfen zur Produktion von Keramik und eine Grube, die der Metallgewinnung und/oder ihrer -verarbeitung gedient haben dürfte. „Die Brennkammern sind natürlich längst zusammengefallen“, erklärt Professor Sommer und deutet auf einen Teil der Fundstelle. „Dafür sind die Reste der Asche noch zu sehen.“ Tatsächlich ist der Boden einer Grube deutlich schwarz gefärbt. „Da ist noch ein Teil des Brenngewebes zu sehen“, ergänzt Merkl. Erstaunlich, waren die Öfen doch vor mehr als 2000 Jahren in Betrieb – und das vermutlich nur sehr kurz. Erstaunlich auch, dass die Spezialisten der Grabungsfirma überhaupt fündig wurden, liegen die Überreste doch fast genau auf der Höhe, auf der die Landwirte über Jahrzehnte ihre Pflüge in den Boden eingebracht haben.

Die neuen Funde auf der künftigen Abbaufläche der Firma Beuerlein bestätigen die Archäologen jedenfalls in ihrer Theorie, dass Marktbreit ein ganz wichtiger Standort für Kaiser Augustus und seine Truppen hätte werden sollen. Nicht nur eine militärische Basis, wie Sommer vermutet. Hier, an den Hängen des Mains, sollte nach seiner Überzeugung die Hauptstadt der Provincia Germanica entstehen. „Das hier war der eigentliche Platz der Begierde“, ist Sommer sicher. Kein Wunder: Löß hatte sich an den Ufern des Mains angesammelt, die Region galt schon damals als fruchtbar. Die Versorgung von tausenden Soldaten mit Lebensmitteln wäre gesichert gewesen. Auch strategisch bot sich das Maindreieck als Standort an. Per Schiff konnten Güter, militärische Geräte und Soldaten über den Rhein bis zur Nordsee transportiert werden. Etwa 37 Hektar umfasst das Gelände, das die Archäologen dem geplanten antiken Römerlager bei Marktbreit zurechnen. Deutlich größer als vergleichbare Lager an den Hängen des Rheins. Die Ofenanlagen sind nun der erste sichtbare Beweis für eine groß angelegte Infrastruktur in der Nähe des heutigen Marktbreits. Die Entfernung zum eigentlichen Lager war ganz bewusst gewählt. „Das war aus Holz gebaut“, erinnert Sommer. Jeder Funke wäre gefährlich geworden. Warum es nichts mit einem geschichtsträchtigen und bedeutenden Lager bei Marktbreit wurde? Die Varusschlacht machte Kaiser Augustus einen Strich durch die Rechnung. Im Jahre neun nach Christus verlor er bei der Schlacht im Teutoburger Wald drei Legionen – rund 20.000 Soldaten. Das Ziel, bis an die Elbe vorzudringen, war damit erledigt. Es folgte ein Wandel in der Erorberungspolitik, von dem auch das geplante große Lager in Marktbreit betroffen war.

„Das Alter dieser Nägel lässt sich relativ

genau bestimmen.“

Matthias Merkl, Referent praktische Denkmalpflege

Die Heerscharen sind sukzessive wieder an die Westfront am Rhein verlegt worden. Diese Thesen werden in den kommenden Wochen und Monaten auf ihre Plausibilität hin untersucht. Die verschiedenen Fundstücke sollen dabei helfen. Unter anderem fanden die Archäologen kleine Nägel aus Eisen, wie sie für die Produktion der römischen Sandalen benötigt wurden. „Das Alter dieser Nägel lässt sich relativ genau bestimmen“, versichert Merkl. Die gefundene Keramik und die Amphorenscherben bieten genug Material für die Erstellung einer Masterarbeit eines Archäologiestudenten. Die Fundstelle wird jetzt für den Abbau freigegeben. Die Firma Beuerlein will mit dem Material die Stellen wieder verfüllen, die im künftigen Gewerbegebiet Marktsteft beim Abbau von Sand und Kies aufgegraben wurden. Die mehr als 2000 Jahre alten Spuren der Geschichte werden beseitigt. Kein Dilemma: Für die Nachwelt sind sie dokumentiert – und leben in der Geschichte fort.

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