KITZINGEN

Musik aus Franken - gute Laune für alle?!

Kilian Moritz und seine neue Franken-Hymne.
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Kritisiert „uraltes Denken der Volksmusik-Traditionalisten“: Kilian Moritz. Foto: Foto: aurelia moritz
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Der Mann kann reden. Noch lieber aber musiziert er. In melodiösem Fränkisch klingt der französische Begriff „Jus de pruneau“ wie der freche Trinkspruch „Schütt de Brüh noo“. Ein guter Titel für ein humoristisches Heimatlied, fand Kilian Moritz. Er setzte sich ans Klavier und komponierte. Werden die zwölf Strophen die neue fränkische Hymne? Brauchen wir eine solche? Und was ist generell los mit unserer (Volks-)Musik? Der leidenschaftliche Musiker und Hochschul-Professor hat dazu eigene Theorien.

Sie haben ein Lied über „Schöppli“ und „Bierla“ geschrieben. Warum?

Kilian MORITZ: Auslöser war letzten Sommer eine Weinprobe im Würzburger Residenzkeller. Weinbaupräsident Artur Steinmann erzählte über das neue Marketing-Konzept des Frankenweins. Irgendwie kamen wir drauf, dass es zu wenig typisch fränkische Lieder gibt. Einer der Anwesenden, Horst Trabold, sagte ganz trocken zu mir: „Kilian, dann musst Du halt a Liedle schreib?!“. Also habe ich mich an die Arbeit gemacht.

Einfach so? Ohne konkrete Vorgabe?

Ja genau. Die Melodie war recht schnell da. Am Text saß ich länger. Schließlich wollte ich ein Lied machen, in dem sich möglichst viele Franken wiederfinden.

Haben Sie eigene Erfahrungen vertont?

Ich lebe sehr gerne in Franken, da ist es mir nicht schwergefallen, eine musikalische Liebeserklärung an meine Heimat zu texten. Und: Ein bisschen lustig sollte der Text auch sein, sonst singt ihn ja keiner. Ein paar Sachen in dem Lied habe ich genauso erlebt, zum Beispiel als junger Musikant mit den „Rhöner Läushammeln“. Wir haben damals bei vielen Weinproben gespielt. Da gab es immer wieder Norddeutsche, die die ersten Weine wie Bier runterkippten. Wie das ausgegangen ist, kann man sich vorstellen.

Es geht aber nicht nur ums Trinken, sondern auch um die Landschaft, ums Leben in Franken an sich.

Natürlich. Meine heimliche Lieblingsstrophe ist die vom alten Häcker, der im Wengert aufm Bänkle sitzt, seinem Herrgott dankt und auf sein Leben zurückblickt. Die ist ein bisschen schnulzig, aber das gefällt mir und es berührt mich.

Volksmusik steht auch bei der Jugend wieder hoch im Kurs. Warum?

Die Welt wird immer globalisierter. Die Digitalisierung bestimmt unseren Alltag. Da ist es schön, sich an etwas wie „Heimat“ orientieren zu können. Handgemachte Musik, am besten live aufgeführt, reißt viele Menschen mit, auch junge. Die aktuelle Vielfalt ist faszinierend: traditionelle Volksmusikelemente kombiniert mit Beats, mit Rap, mit Balkanmusik, mit Jazz und vielem mehr. Das ist schon toll! Der Begriff „TradiMix“ hat sich hier etabliert.

Für Sie ist Volksmusik also etwas, das sich stetig verändert?

Genau so ist es. Volksmusik ist für weite Teile der Bevölkerung das, was Hansi Hinterseer oder Stefanie Hertel machen, was im „Frühlingsfest der Volksmusik“ läuft oder viele Jahre im „Musikantenstadl“ zu hören war. Ich differenziere und spreche auf der einen Seite von kommerzieller Volksmusik, volkstümlicher Unterhaltungsmusik oder auch von volkstümlichem Schlager. Und auf der anderen Seite von traditioneller Volksmusik. Manche nennen das auch „echte Volksmusik“, wobei ich mit dem Begriff „echt“ so meine Probleme habe: Wer darf festlegen, was echt ist? Die selbsternannte Volksmusik-Polizei? (grinst)

Ärgert Sie die Kommerzialisierung der Volksmusik?

Ich persönlich werte nicht zwischen kommerzieller und traditioneller Volksmusik. Beide haben ihre Berechtigung. Kommerzielle Volksmusik begeistert sehr viele Menschen. Die Macher verdienen zum Teil sehr viel Geld. Das ist okay! Dagegen kommt die „traditionelle Volksmusik“ – oder sagen wir besser: die nicht komplett durch-kommerzialisierte Volksmusik – oft authentischer und uriger rüber. Live gespielt, beim Hüttenabend, im Weinkeller oder beim Wirtshaus-Singen, erreicht sie auch junge Leute, die sonst mit Volksmusik nichts am Hut haben.

Musik, auch Volksmusik, verbindet eben?

Genau. Es gibt viele neue Musikgruppen, auch in Franken, die auf ihre eigene Weise die Musik ihrer Gegend interpretieren. Ich freue mich, dass viele junge Menschen Instrumente lernen und Musik machen. Ob das Volksmusik, Blasmusik, Blues, Jazz oder sonst was ist, ist egal.

Sie mögen musikalische Vielfalt. Gibt es nichts, das Sie davonlaufen lässt?

Doch: Wenn auf einem fränkischen Wein- oder Bierfest eine fränkische Kapelle Pseudo-Boarisch singt. Das ist grausam. Es heißt bei uns Bubn oder Börschli, Börschlich oder Börschla, aber nicht Buam. Und ich mag keine Stimmungskapellen, die fast nur Playbacks aus dem PC abspielen.

Warum ist Volksmusik besonders in Bayern so verwurzelt?

Die Volksmusikpflege in Bayern ist insgesamt vorbildlich! Da engagieren sich der Bayerische Landesverein für Heimatpflege mit hauptberuflichen Volksmusikberatern, die Volksmusik-Forschungsstellen, der Bayerische Rundfunk und die Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik.

Also alles paletti in Sachen Volksmusik?

Nicht ganz. Die ARGE Fränkische Volksmusik ist eine segensreiche Einrichtung, begeht aber meines Erachtens einen grundlegenden Fehler: Sie fordert strikt bei allen ihren Veranstaltungen, dass nur „GEMA-freie Musik“ gespielt werden darf.

Was ist GEMA-freie Musik?

Die GEMA ist die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte. Sie vertritt die Rechte der Komponisten. Erst 70 Jahre nach deren Tod dürfen die Werke kostenfrei gespielt werden. In Deutschland sind über 70.000 Komponisten und Texter in der GEMA; Praktisch alle relevanten Werke. GEMA-frei sind beispielsweise sehr alte, überlieferte Volkslieder.

Die „ARGE Fränkische Volksmusik“ sperrt also bei ihren Veranstaltungen viele populäre Werke aus?

Ja. „Schmied, Schmied, Hammerschmied“ und „Jetzt spann ich die Rössla vor die Kutschn“ und sind doch schon etwas angestaubt. Damit locke ich keine Interessenten und schon gar keine junge Musikanten.

Warum verfährt die ARGE dann so?

Gute Frage! Ich habe bei einer Versammlung mal den Satz gehört: „Wer mit Volksmusik Geld verdient, der is? a Sau!“ Das ist uraltes Denken der Volksmusik-Traditionalisten.

Es gibt in Franken junge, gefragte Volksmusikgruppen. Die sind doch sicher in der GEMA, oder?

Tolle Bands wie Gankino Circus, Häisd?n?däisd vom Mee oder Boxgalopp machen witzige, originelle, neue Musik. Sie füllen Konzertsäle, sind in Radio, Fernsehen und Internet gefragt. Natürlich lassen die als Musik-Urheber ihre Rechte über die GEMA wahrnehmen! Das ist das Normalste der Welt. Anders wäre es ihnen unmöglich, an die angemessene Vergütung für die vielfältige Nutzung ihrer Werke zu kommen, die ihnen das Urheberrechtsgesetz garantiert.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Volksmusik?

Dass auch die Traditionalisten offener werden für neue Strömungen! Musiker und Publikum sollen ohne Einschränkung Spaß haben können.

Zur Person: Prof. Kilian Moritz, LL.M. (Master of Laws), geboren in der Rhön, war Redakteur und Radiomoderator beim Bayerischen Rundfunk (1990 - 2000) und Fernseh-Musikchef beim Hessischen Rundfunk (bis 2010). Seit 2012 hat er eine Professur für Journalismus und Medien an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Der 53-Jährige wohnt mit seiner Frau und den drei Kindern in Theilheim bei Würzburg. Auf infranken.de gibt es das Liedblatt „Die Schöppli hier in Franken... Schütt die Brüh noo“ kostenlos zum Downloaden:

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