Iphofen
Saatgut-Festival

Frauen, die gegen Monokulturen kämpfen

Ulrike Bertram und Barbara Keller stemmen sich gegen die "Gen-Erosion". Ihr Credo: Vielfältige Samen, vielfältiger Genuss.
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Ulrike Bertram und Barbara Keller lieben die Vielfalt. Foto: Diana Fuchs
Ulrike Bertram und Barbara Keller lieben die Vielfalt. Foto: Diana Fuchs
Kaum, dass sie laufen konnte, waren Eimerchen und Schäufelchen ihre liebsten Spielsachen. "Wenn ich bei meinen Großeltern war, in einem kleinen Dorf bei Köln, habe ich immer im Garten gebuddelt", erinnert sich Dr. Ulrike Bertram lachend. "Ein paarmal hat´s dafür auch eine auf den Hintern gegeben - wenn ich das Falsche ausgegraben hatte." Abgeschreckt hat das die leidenschaftliche Naturfreundin aber nicht. Noch immer sind Eimer und Schaufel Lieblingsgeräte der Diplom-Biologin. "Die natürliche Vielfalt zu erhalten, ist sehr wichtig, gerade heute, in Zeiten von Monokulturen und Saatgutmonopolen."

Deshalb engagiert sich die 65-Jährige als Referentin beim Saatgut-Festival, bei dem sich am Samstag, 23. Februar, (Hobby- )Gärtner und Genießer aus Nah und Fern in der Iphöfer Karl-Knauf-Halle treffen. Dort liefert Dr. Ulrike Bertram unter anderem spannende wissenschaftliche Hintergründe zur Samenzucht.

Obwohl Sie seit kurzem in Rente sind, ist Ihr Terminkalender gut gefüllt. Pflanzen waren nicht nur Ihr Beruf, sondern sind Ihre Berufung, oder?
Auf jeden Fall. Zuletzt habe ich über 20 Jahre lang im Ökologisch-Botanischen Garten Bayreuth gearbeitet und hatte lockeren Kontakt zu Barbara Keller von der Projektwerkstatt für nachhaltige Lebensentwürfe "open house". Als sie mir von ihrem ersten Saatgut-Festival erzählte, war ich neugierig.

Über zwei Jahre ist das inzwischen her. Waren Sie damals zu Gast?
Ja, und ich fand es so toll und so interessant, dass ich beim zweiten Mal mit mehreren Gärtnerinnen wiederkam. Das war vor elf Monaten in der Karl-Knauf-Halle.

Was hat Sie dort beeindruckt?
Dass es so viele Besonderheiten gab, Samen, die man nicht im Katalog bestellen kann. Die Mais- und Weizenausstellungen waren gigantisch, es gab wunderbare Sorten, die viele Menschen gar nicht mehr kennen. Auch ich habe dort Sorten entdeckt, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Warum ist die Sorten-Vielfalt so wichtig?
Ganz einfach: Sie kennen sicher den Begriff Gen-Erosion.


Es gibt immer weniger Samensorten, die man frei kaufen kann. Die Samen, die es im Laden gibt, sind angepasste, auf Durchschnittsböden optimierte Produkte. Die Genetik wird immer stärker eingeschränkt.

Aber ein paar Hobby-Gärtner existieren noch, die ihr selbst gezogenes Saatgut bewahren - und damit die genetische Vielfalt. Eigenes Saatgut ist immer optimal auf die jeweilige Situation angepasst. Es gibt unzählige minimalste genetische Unterschiede. Sie wirken der Gen-Erosion entgegen.

Okay, ich habe verstanden, dass genetische Vielfalt wichtig und schützenswert ist. Was aber, wenn ich keine große Ahnung vom Gärtnern habe?
Das ist ja die ganz große Gefahr. Die meisten Menschen, die am Supermarktstand ihr Saatgut kaufen, wissen überhaupt nicht, dass man eigenes Saatgut ziehen kann.


Früher hatten viele Familien ihre Haussorten - von Tomaten bis hin zu Hülsenfrüchten. Das gibt es nur noch vereinzelt.

Als ich noch gearbeitet habe, habe ich selbst gemerkt, dass es zeitlich schwer ist, einen Garten richtig zu bewirtschaften. Wer zuhause keine Oma oder so hat, bei dem funktioniert das Selbst-Gärtnern kaum. Saatgut aus der Tüte kommt einem da vielleicht gerade recht - man muss sich nicht darum kümmern, dass es im richtigen Moment geerntet wurde und man musste es nicht trocken und kalt überwintern.

Manche Menschen haben dafür auch einfach nicht die Zeit und den Platz.
Aber leider gehen dadurch viele Sorten - und damit ein Kulturerbe - unwiederbringlich verloren.

Was kann man tun, wenn man zwar wenig Zeit, Platz und Ahnung hat, aber dennoch keine 08/15-Samen kaufen will?
Dann kommt man einfach zum Saatgut-Festival. Und staunt. Und genießt... Allein, das alles zu sehen, zu riechen und zu verkosten, ist toll. Es gibt auch Samen für Blumenkästen, falls man keinen Garten hat. Ich finde es toll, dass sich da eine Initiative gebildet hat, die sich enorm viel Arbeit macht, um solch ein Festival auf die Beine zu stellen. Ich wünsche mir, dass es dazu beiträgt, ursprüngliches Wissen weiter zu erhalten - und es irgendwann vielleicht auch in Schule und Uni wieder zu lehren. Apropos lehren: Man kauft beim Festival nicht einfach irgendein Saattütchen, sondern kriegt die Beratung dazu. Und dann noch die leckere Verköstigung: Gemüsesuppe aus heimischen Sorten, gefüllte Nudeln, Kaffee, Kuchen...

Worauf freuen Sie sich besonders?
Zum Beispiel auf Frau Störckle mit ihren vielen Kartoffelsorten. Die sind einfach toll anzusehen! Auch auf die vielen Maissorten freue ich mich - zum Beispiel auf den farblich so tollen Oaxa, blaugrünen Mais, den ich heuer selbst anbauen will. Ich habe ja jetzt Zeit!

Das Interview führte Redakteurin Diana Fuchs.
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