Iffigheim

Frau weiß, wo sie die Schere ansetzt

Informativ, interessant und kurzweilig: Erster Baumschnittkurs für Frauen kommt bei den Teilnehmerinnen hervorragend an. Wichtig ist nicht, viel abzuschneiden, sondern die Energie richtig umzuleiten.
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Es geht auch ohne Leiter: Gudrun Ruttmann-Völlinger zeigt den Kursteilnehmerinnen, wie Obstbäume geschnitten werden. Foto: Foto: Jonas Braun
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Oje. Was wohl die Männer dazu sagen? Jetzt erobern Frauen wieder eine Männerdomäne: Sie lernen bei Gudrun Ruttmann-Völlinger, wie man Obstbäume schneidet. Eine lehrreiche Mischung aus Theorie und Praxis ist ihr Kurs, mit Spaß und flotten Sprüchen, die manchmal – oje – ein kleines bisschen auf Kosten der Männer gehen.

„Kabarett vom Feinsten“ sei es gewesen, was da am Samstag in Iffigheim über die Bühne ging, hat eine Teilnehmerin am Ende gesagt. Wobei die „Bühne“ eine Streuobstwiese war und es keine Vorstellung gab, sondern einen Baumschnittkurs, gezielt für Frauen. Und der war, so die Frauen am Ende, äußerst kurzweilig, interessant und sehr informativ.

Jeder Schnitt hat Folgen

„Ich mache keine gemischten Kurse mehr“, sagt Gudrun Ruttmann-Völlinger. Die Triesdorfer Baumwartin und Naturpädagogin weiß, dass Männer und Frauen Aufgaben unterschiedlich angehen. In gemischten Kursen gehe es oft um Leistungsdenken. Männer erwecken den Eindruck, sie würden sich schon bestens auskennen, so dass Frauen zurückhaltend reagieren, sie wollen sich nicht blamieren. Eine Zurückhaltung, die auch Jonas Braun vom Landschaftspflegeverband Kitzingen schon erlebt hat – obwohl die Frauen in den Lehrgängen immer sehr interessiert seien.

„Eine Frau zu finden, die Bäume schneidet, war gar nicht so einfach“, erzählt die Iffigheimer Ortsbäuerin Helga Ehemann. Sie hat im Internet recherchiert und ist dort auf einen Fernsehbeitrag über Gudrun Ruttmann-Völlinger gestoßen, in dem die Triesdorfer Baumwartin von ihren Lehreinheiten speziell für Frauen berichtete. Jonas Braun war von der Idee, einen derartigen Schnittkurs zu veranstalten, begeistert. Rasch war der Lehrgang durch Landschaftspflegeverband und Ortsbäuerin vereinbart und so trafen sich kürzlich in Iffigheim Frauen aus dem ganzen Landkreis, um alles über den richtigen Obstbaumschnitt zu lernen.

Los ging es mit einer theoretischen Einführung samt Power-Point-Präsentation. „Wir müssen wissen, was wir tun, wenn wir etwas tun“, sagte Ruttmann-Völlinger. Wer einfach nur abschneide, könne viel kaputtmachen. Deshalb gilt: Bevor das Schneidwerkzeug angesetzt wird, muss man etwas über Bäume wissen. Um Wachstumsgesetze und Schnittgesetze ging es da, um Wasserreißer und mastige Triebe, aber auch um die richtigen Werkzeuge.

„Jeder abgeschnittene Ast bedeutet für den Baum einen Befehl und den führt er aus – ohne Wenn und Aber“, erklärte die Baumwartin. Die Energie fließe vom Stamm zu den Ästen, und deshalb schneide man nicht einfach nur ab, sondern leite die Energie um. Und so kann es passieren, dass die Bäume beziehungsweise ihr Wachstum förmlich explodieren, wenn einfach irgendwo abgeschnitten wird. Statt des einen Astes wachsen dann plötzlich fünf, sechs an einer Stelle. Männer würden häufig richtig viel runterschneidet, so die Beobachtung von Gudrun Ruttmann-Völlinger, und sich darüber freuen, wenn viele Äste am Boden liegen. Mit dem darauffolgenden extremen Wachstum rechnen viele dabei nicht. „Die schneiden sich Arbeit.“ „Wir“, und damit meinte die Referentin Frauen, „schneiden über mehrere Jahre“, dafür ganz gezielt, und darauf reagiere der Baum anders, zum Beispiel mit weniger Wasserschössern – das sind Triebe, die meist keine Blüten und damit auch keine Früchte tragen.

Nach der Theorie zogen Baumwartin und Teilnehmerinnen gemeinsam zur praktischen Einheit auf die Streuobstwiese, auf der alte und junge Bäume darauf warteten, fachgerecht geschnitten zu werden. Zuerst einmal sprachen sie den Baum an. Mit Reden hat das nichts zu tun, vielmehr schaut man ganz genau, wie der Baum gewachsen ist und wo man die Schere ansetzen kann. „Kompliment an die Mädels: Sie haben sofort alles umgesetzt, was ich ihnen mit der Präsentation auf der Leinwand gezeigt habe“, meinte Ruttmann-Völlinger. „Sie waren mit großem Engagement bei der Sache.“

Spezielles Werkzeug

Ein großer Vorteil für die praktische Arbeit war, dass Gudrun Ruttmann-Völlinger spezielle Schnittwerkzeuge für Frauen mitgebracht hatte. Häufig nämlich versuchen die sich zuhause an Werkzeugen, die nicht für sie geeignet sind, weil die nötige Kraft fehlt. Die Kursleiterin hat stets hochwertiges, sehr teures, aber auch sehr leichtes und sehr scharfes Werkzeug dabei, außerdem Akku-Geräte wie Astscheren oder Hoch-Entaster. „Für die Hanglage, auf der wir geübt haben, war das ideal“, findet Helga Ehemann. Hilfreich ist das aber auch auf ebener Fläche, denn in den Baum oder auf die Leiter zu klettern, traut sich längst nicht jede Frau – zumal das Alter der Teilnehmerinnen ihrer Kurse stets breit gefächert ist. Sogar 80-Jährigen hat Ruttmann-Völlinger schon beigebracht, wie man Bäume schneidet.

„Ich schaue die Bäume jetzt mit ganz anderen Augen an“, hat Ortsbäuerin Helga Ehemann am Tag nach dem Kurs bei einem Spaziergang festgestellt.“ Sie will sich nun im eigenen Garten am Schneiden versuchen, aber auf jeden Fall noch einen Kurs machen. „Damit man sieht, was man richtig macht und was falsch.“ Nächstes Jahr wollen die Frauen deshalb einen Fortgeschrittenen-Kurs bei der Referentin belegen – und neue Anfängerinnen sollen ihre Chance zu einer Erstbegegnung mit den Obstbäumen bekommen. Bis dahin gilt es jetzt zu überlegen: Wie bringt „frau“ dem Mann daheim bei, dass er das leider doch nicht ganz richtig macht mit dem Bäume schneiden? „Oje.“ Ein Wort, das die Baumwartin aus ihren Kursen zu genüge kennt.



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