Kitzingen

Flüchtlingsarbeit: „Am besten kleine Ziele setzen“

Nicht zu viel erwarten. Einer von vielen Ratschlägen, die Jochen Kulczynski für die vielen ehrenamtlichen Helfer im Landkreis Kitzingen in der Flüchtlingsarbeit hat.
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Jochen Kulczynski. Foto: Foto: Archiv

Nicht zu viel erwarten. Einer von vielen Ratschlägen, die Jochen Kulczynski für die vielen ehrenamtlichen Helfer im Landkreis Kitzingen in der Flüchtlingsarbeit hat.

Frage: Viele Menschen im Landkreis kümmern sich ehrenamtlich um Flüchtlinge. Welche Fähigkeiten sollten sie mitbringen?

Jochen Kulczynski: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Entscheidend sind aus meiner Sicht der Mut zur Begegnung und die innere Haltung.

Was meinen Sie mit innerer Haltung?

Es geht letztendlich darum, diesen Menschen gleichberechtigt zu begegnen, nicht von oben herab und vorurteilsfrei. Wir sollten den Flüchtlingen auf Augenhöhe begegnen. Das steigert die Bereitschaft, Unterstützung anzunehmen. Diese Familien haben in den letzten Monaten ein Leben gemeistert, das ich mir für meine Familie nicht einmal vorstellen möchte. Also Respekt statt Angst.

Das heißt in der Praxis?

Das heißt zunächst einmal beobachten und nicht gleich bewerten. Idealerweise versetzt man sich in die Lage der Flüchtlinge, fragt nach deren aktuellen Bedürfnissen und erwartet nicht zu viel.

Haben Ehrenamtliche zu hohe Erwartungen an die Flüchtlinge?

Natürlich nicht alle. Aber generell lässt sich schon sagen, dass wir mit unseren Erfahrungswerten, mit unserer Perspektive an die ehrenamtliche Aufgabe herangehen. Das ist auch ganz normal. Aber Dinge wie Pünktlichkeit oder Sauberkeit sind für viele Flüchtlinge im Moment nicht entscheidend. Wir sollten uns fragen, wie sehr jeder Einzelne überhaupt in der Lage ist, einen Integrationsprozess aktiv zu gestalten.

Was meinen Sie?

Gerade nach traumatischen Erfahrungen sind Menschen mit sich selbst und ihrem Alltag derart beschäftigt, dass sie nur schwer die Energie aufwenden können, um sich direkt in einen langen und anstrengenden Integrationsprozess zu stürzen. Die individuelle Integrationsfähigkeit sollte bei unseren wichtigen und berechtigten Integrationsvorstellungen und –bemühungen berücksichtigt werden. Für die ehrenamtlichen Helfer kommt erschwerend hinzu, dass auch nicht alle Schutzsuchenden gleich super dankbar sein können.

Aber eine gewisse Dankbarkeit können die Ehrenamtlichen doch erwarten?

Natürlich. Aber manche erwarten auch so etwas wie eine persönliche Bindung und sind enttäuscht, wenn dieser Wunsch nicht erwidert wird. Warum sollte sich ein Flüchtling, der in seine fünfte Unterkunft kommt und bereits ein Dutzend Ehrenamtliche kennengelernt hat, binden wollen? Zudem wissen sie oftmals nicht, ob die Menschen, die sie heute unterstützen, übermorgen noch vor Ort sind. Für manche Ehrenamtliche wirkt das verständlicherweise demotivierend.

Wie können die Ehrenamtlichen ihre Motivation behalten?

Am besten kleine Ziele setzen, die erreichbar sind. Als Ehrenamtlicher wirst du das politische System nicht verändern können. Aber du kannst beispielsweise Flüchtlingskindern ein Gefühl der Sicherheit und Unbeschwertheit vermitteln oder Erwachsenen fünf deutsche Wörter pro Tag beibringen. Kleine Erfolge motivieren. Sowohl die Flüchtlinge als auch die Ehrenamtlichen.

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