BUCHBRUNN

Fluchtgeschichten aus Buchbrunn

Familie Wurtinger landete 1945 im Viehwaggon mit ein paar Halbseligkeiten in Buchbrunn. Unter anderem ihr Schicksal hat Walter Kolb in einem Buch nachgezeichnet.
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Walter Kolb mit seinem Buch über Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in Buchbrunn. Foto: Foto: Frank Weichhan
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Familie Wurtinger kam im Viehwaggon an. Mit ein paar Halbseligkeiten stand man – aus Tschechien kommend – am Kitzinger Bahnhof. Nach dem Umstieg auf einen Laster ging's für die Vertriebenen weiter in die neue Heimat: Am 10. Februar 1946 erreichte die fünfköpfige Familie Buchbrunn.

Unterschlupf beim Bürgermeister

Die Wurtingers sind nur eines von vielen Schicksalen. Allein in Buchbrunn waren so viele Flüchtlinge, Vertriebene und Ausgebombte einquartiert, dass den fünf Neuankömmlingen – Oma, Vater, Mutter und zwei Kinder – gerade mal eineinhalb Zimmer zur Verfügung gestellt werden konnten – samt eines einzigen Bettes. Weil es gar so eng war, nahm der damalige Bürgermeister den 17-jährigen Sohn Franz bei sich auf und gab ihm Unterschlupf und Arbeit.

Wie schrecklich die Nachkriegs-Umstände waren, was später aus der Familie Wurtinger wurde – das alles hat Walter Kolb recherchiert und aufgeschrieben. Von insgesamt sieben Familien ließ er sich erzählen, wie das damals war: Als man mit fast Nichts die Heimat verlassen und sein Glück irgendwo in der Fremde suchen musste.

Geschichten aufspüren

Walter Kolb macht das gerne: Geschichten aufspüren, über Schicksale berichten. Das zeigte sich schon 2008, als er nach einjähriger Vorarbeit sein Buch „Frauen in Buchbrunn“ veröffentlichte. Darin finden sich sechs Schicksale von Frauen ab 80 Jahren, die aus ihrem Leben berichten – darunter auch die Mutter von Walter Kolb. Der erfuhr auf diesem Weg noch so einiges aus der eigenen Familienchronik und konservierte ein Stück Zeitgeschichte. Die Berichte wurden sozusagen im letzten Moment für die Nachwelt aufgeschrieben, inzwischen sind alle porträtierten Frauen gestorben.

Dass das neue Werk wieder in Buchbrunn spielt, ist kein Zufall: Walter Kolb ist gebürtiger Buchbrunner. Zwar verschlug es ihn schon 1965 in die Region Würzburg nach Güntersleben. Doch, so bekennt der Autor: „Mein Herz blieb in Buchbrunn!“

An Geschichte interessiert

Weshalb es auch nicht verwundert, dass er sich in der alten Heimat bis heute engagiert und beispielsweise dem Verein „Geschichte in Buchbrunn“ angehört. Genau dort ging es auch mit dem Sammeln von Geschichten los: Walter Kolb arbeitete an der Orts-Chronik mit und startete 2002 nach seinem Eintritt in den Ruhestand so richtig durch. Neben der Chronik und den Porträt-Büchern veröffentlichte der umtriebige Ruheständler auch eine eigene Biografie. Daneben schrieb der ehemalige Betriebsleiter der Veitshöchheimer Landesanstalt eine Reihe von Fachbüchern.

Das Buch über die Vertreibung und Flucht war eine besondere Herausforderung: Zum einen, weil das Thema Flucht gerade wieder präsent ist. Zum anderen, weil der heute 78-Jährige die Zeitenwende als Sechsjähriger hautnah miterlebte.

250 Flüchtlinge in Buchbrunn

Die damaligen Dimensionen sind heute kaum vorstellbar: Auf 550 Buchbrunner kamen zu Kriegsende 250 Flüchtlinge. „Das sind Geschichten, die unter die Haut gehen“, betont Walter Kolb. Er ist sich sicher, dass das die Buchbrunner ebenso empfinden, wenn das Buch offiziell vorgestellt und geklärt wird, was aus Franz Wurtinger geworden ist.

Offizielle Vorstellung des Buches „Auf der Flucht“ am Freitag, 21. Juli, um 19 Uhr im Rathaus in Buchbrunn.

 

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