Mainbernheim
Arbeit

Ferien 1956: Wenn, dann in die Alpen

Vor 50 Jahren trat das Bundesurlaubsgesetz in Kraft. Es gibt bis heute die Mindesturlaubszeit vor. Damals waren für viele Arbeitnehmer nur ein bis zwei Wochen pro Jahr üblich. Eine Zeit, an die sich Joachim Klatt aus Mainbernheim noch gut erinnern kann.
Artikel drucken Artikel einbetten
So sah Urlaub in den 50ern aus: Joachim Klatt ist mit seinem VW-Käfer in den Alpen unterwegs. Foto: privat
So sah Urlaub in den 50ern aus: Joachim Klatt ist mit seinem VW-Käfer in den Alpen unterwegs. Foto: privat
+1 Bild
Die Erinnerungen an den ersten Urlaub sind Nostalgie pur. Joachim und Erna Klatt geraten ins Schwärmen, wenn sie über ihre Hochzeitsreise 1956 reden. "Mit einem 25 PS starken VW-Käfer sind wir damals einmal quer durch die deutschen Alpen gefahren", erzählt der 80-Jährige. Von Garmisch-Partenkirchen nach Berchtesgaden. Ohne Zelt, ohne Campingwagen und an Gepäck hatten sie nur das dabei, was in den kleinen Kofferraum hinein passte. "Wir konnten ja die Rückbank nicht bis obenhin voll beladen", sagt er. Denn irgendwo musste das frisch verheiratete Paar schließlich übernachten und ein Zelt besaßen sie nicht. Die Ansprüche waren nicht hoch. Gardinen an den Fenstern sorgten bei Bedarf für die nötige Privatsphäre und für das Frühstück im Freien bauten sie einfach Fahrer- und Beifahrersitz aus. "Das ging mit ein paar Handgriffen", lächelt er. Und sparte Mobiliar.


Reisen waren früher keine Selbstverständlichkeit

Zwei Wochen waren sie unterwegs - und damit fast den gesamten Jahresurlaub lang. Für den damals 24-Jährigen war das überhaupt der zweite Urlaub seines Lebens. Während seiner Lehre in Kitzingen? Während dem Studium? Fehlanzeige. Erst als er als Fernmeldetechniker bei der Post anfing, fuhr er in die Ferien. Klatt findet heute selbst, dass man wie selbstverständlich davon spricht, im Urlaub zu verreisen. Das war früher einfach anders. "Meine Eltern und Großeltern haben das nicht gekannt", sagt er.

"Der einzige Urlaub mit meinen Eltern war 1939 auf Rügen." Das war nur möglich, weil die Nazi-Organisation "Kraft durch Freude" im Dritten Reich die Freizeit- und Urlaubsgestaltung förderte, gleichschaltete und kontrollierte. Sonst, da ist sich Klatt sicher, wären seine Eltern nie verreist. "Und während des Krieges hatten die Leute an andere Sachen gedacht, als in den Urlaub zu fahren", merkt Erna Klatt an.

Der Telekom-Beamte hatte Glück, immerhin wurden ihm im öffentlichen Dienst schon vor jeder gesetzlichen Regelung annähernd 20 arbeitsfreie Tage gewährt. "In Firmen war es zu der Zeit schwieriger, Urlaub zu nehmen, vor allem wenn es kleinere Betriebe waren", erinnert er sich an einen Bekannten. Bei ihm war die Lage entspannter. "Ich kann mich an keinen Fall erinnern, wo jemand mal nicht in den Urlaub fahren konnte", sagt der Mainbernheimer. Zwar arbeitete er bei der Bundespost eine 48-Stunden Woche. Samstag galt ebenfalls als ganz normaler Werktag. Zeit zum Abschalten fand Klatt nur sonntags. Es galt also, das wertvolle Wochenende möglichst gut zu nutzen. Vor allem, als der Nachwuchs kam.

Im Wohnwagen nach Sommerach

Mittlerweile besaßen die Klatts einen eigenen Wohnwagen, mit dem sie im Sommer jedes Wochenende nach Sommerach auf den Campingplatz fuhren. "Kinder! Beeilt euch, wir müssen uns erholen!" Sobald er von der Arbeit zuhause war, ertönte sein Schlachtruf. Die Freizeit mit seiner Frau und den vier Kindern spielte sich bis weit in die 70er Jahre auf dem Campingplatz in Sommerach ab.

Und was ist mit Urlaub für die Mutter, die den Haushalt quasi hauptberuflich erledigte? "Eine Hausfrau ist eine Hausfrau geblieben", sagt Erna Klatt. Das gilt auch in den Ferien. Im Campingwagen hatte sie ihren Haushalt im Kleinen immer dabei. "Ich habe dann für die Kinder gekocht. Immer das, was sie gemocht und vertragen haben." Schließlich war es damals nicht üblich, essen zu gehen. Und zu teuer war es obendrein. Ruhe fand sie deshalb in den Ferien nicht. Sobald sie es sich für ein paar Minuten auf der Liege bequem gemacht hatte, wurde sie wieder aufgescheucht, denn der nächste Badesee rief. "Die Familie war dann immer so unternehmungslustig." Was zunächst wie eine Beschwerde klingt, empfand sie dennoch als wunderschön. "Die Zeit habe ich genossen. Es war ganz herrlich", freut sie sich.

Gesetz gibt eine Mindestregelung vor

Die 50er Jahre waren im Hinblick auf Erholungsurlaub für viele Arbeitnehmer nicht gerade rosig. Die Gewerkschaften konnten entsprechende Regelungen erst später durchsetzen. 1963 wurden mit dem Bundesurlaubsgesetz jedem Arbeitnehmer mindestens 24 Werktage Erholungsurlaub garantiert. Die gesetzliche Fixierung stellte für viele Angestellte eine Verbesserung dar.
"Beim Bundesurlaubsgesetz handelt es sich um eine Mindestregelung", erläutert Martina Perreng, Juristin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Heute dürfen sich eine Vielzahl der Angestellten über weit mehr freie Tage als die festgelegten freuen. Tarif- und einzelne Arbeitsverträge legen häufig arbeitnehmerfreundlichere Regelungen von beispielsweise 30 Tagen fest.
Dennoch gibt es auch 2013 noch einige Grauzonen. "Für Mini-Jobber hat eine Mindestregelung große Bedeutung", sagt sie. Genauso bei manchen befristeten Arbeitsverhältnissen und bei Leiharbeitern. Bei manchen Arbeitgebern herrsche die Auffassung, nur dann das Gehalt zu überweisen, wenn auch gearbeitet wird. Keine Arbeit - kein Geld, ist die Logik. Wie sie ausführt, gibt es in der Praxis oft keinen Urlaubs- oder Lohnfortzahlungsanspruch. Obwohl die Mini-Jobber ein Recht darauf haben, wie jeder Teilzeitbeschäftigter auch. "Die Wenigsten machen ihre Ansprüche geltend. Aus Angst um ihren Arbeitsplatz", teilt Perreng mit. Auch die Hilfe von Gewerkschaften wird nur selten in Anspruch genommen, weil Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen kaum in Gewerkschaften organisiert sind.



Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren