RÜDENHAUSEN

Wer rettet das Erbe der „Retterin“?

Es sind 37 große Kartons, die sich im Keller von Elfriede Sinn stapeln. Es ist das Vermächtnis ihrer Mutter: Sorgfältig eingeschlagen in speziellem Papier, geschützt vor Licht und Feuchtigkeit, liegen darin kunstvoll bestickte Trachten. Festtagstrachten, die einst von Frauen an ihrem Hochzeitstag getragen wurden.
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Gut verpackt: Vor Licht und Insekten geschützt lagern die Trachten in speziellen Kartons. Foto: Foto: Nina Grötsch
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Es sind 37 große Kartons, die sich im Keller von Elfriede Sinn stapeln. Es ist das Vermächtnis ihrer Mutter: Sorgfältig eingeschlagen in speziellem Papier, geschützt vor Licht und Feuchtigkeit, liegen darin kunstvoll bestickte Trachten. Festtagstrachten, die einst von Frauen an ihrem Hochzeitstag getragen wurden, und die Marie Dürr später über Jahrzehnte hinweg aus der ganzen Region zusammengetragen hat. Elfriede Sinns Blick schweift über die Kisten.

Der Inhalt ist zu schade, um ihn im Keller versteckt zu lassen. Es wäre aber auch schade, die Sammlung auseinanderzureißen. Und die Trachten unter Wert verhökern, das möchte Elfriede Sinn auch nicht: „Das wäre unfair meiner Mutter gegenüber. Die Sammlung war ihr Lebensinhalt.“

Wenn Elfriede Sinn an ihre Kindheit denkt, muss sie schmunzeln. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, dass ihre Mutter je ein Gespür für Handarbeit entwickeln würde. „Lasst mir mei Ruh' mit dem Ramsch“, habe sie gesagt, wenn die Tochter sie bei schulischen Strick- oder Häkelarbeiten um Hilfe bat.

Bis Marie Dürr eines Tages ein altes Familienfoto fand. Das Foto war zwar schon etwas vergilbt, aber es war deutlich zu erkennen, dass eine Frau darauf eine Tracht trug. Ihre Neugierde war geweckt. Sie folgte dem Tipp ihrer Mutter, doch einmal in dem alten Schließkorb nachzusehen, der „auf dem Boden in einem Kämmerlein unter dem Dach“ steht – mit diesen Worten hat Marie Dürr den Anfang ihrer Trachtensammlung für die Nachwelt niedergeschrieben. In Zeitungspapier eingewickelt lag dort eine Tracht – der Grundstein zur Sammlung, auf den rund 30 Gewänder folgen sollten.

„Meine Mutter hat auf einmal ein Geschick und eine Leidenschaft entwickelt, es war verrückt“, erzählt die Tochter. Wo sie konnte, erstand sie alte Trachten, ließ sich dafür von ihrem Mann Georg zu allen Haushaltsauflösungen und sämtlichen Trödelläden in der Region fahren. „Immer mehr wuchs das Gefühl in mir, als ob ich die Sachen retten musste, damit sie nicht in falsche Hände kommen“, steht in Marie Dürrs Aufzeichnungen geschrieben.

Zuhause wurden die Kleider aufgearbeitet. Aus kaputten Stoffen schneiderte Marie Dürr Puppenkleider nach altem Vorbild. „Zum Wegwerfen war mir der Stoff zu schade“, verrät ihre Handschrift. Also plissierte sie Röcke, bestickte Tücher und Schürzen, strickte Socken und kaufte sich Puppen zum Ankleiden. Auch die großen Trachten wurden auf Schneiderbüsten gezogen. Mit der Zeit wurden diese auch mit Köpfen ausgestattet – und mit langen Haaren aus Hanf, die die Rüdenhäuserin zu Zöpfen flocht oder zu Haarnestern nach oben steckte. „Bei schönem Wetter kamen die Trachten fast täglich zum Lüften auf den Balkon“, erinnert sich Elfriede Sinn. Meist standen die Puppen jedoch in zwei Räumen in ihrem Anwesen in Rüdenhausen. Jede ein bisschen anders, denn kein Stoff glich dem anderen. Zu den Schweinfurter Trachten, die typisch für die Region um Rüdenhausen waren, gesellten sich noch einige Ochsenfurter Trachten mit noch aufwendigeren und teureren Stoffen.

Bis zum Tod ihres Mannes im Jahr 2005 ging Marie Dürr in ihrem Hobby auf. Mit dem Alter ließ ihr Engagement dann nach. Hat sie die Trachten früher öfters einmal ausgestellt, anfangs sogar zu Umzügen tragen lassen, lagen sie bei ihrem Tod vor drei Jahren schon nur noch in Kisten. „Es ist schade drum. Die Kleider sind einzigartig und müssen eigentlich gesehen werden“, sagt Elfriede Sinn. Ihrer Mutter lag viel daran, dass sie Franken nicht verlassen; deshalb hat sie auch schon einmal ein attraktives Angebot aus China ausgeschlagen. Elfriede Sinn weiß, dass die Ausstellung im Gesamten kaum zu veräußern ist. Wenn nicht am Geld, dann scheitere es spätestens am Platz. Ein Gutachter hat den Wert der Sammlung geschätzt, auch wenn Elfriede Sinn weiß, dass sie diesen Preis niemals bekommen wird.

Kontakt zu Museen hat sie bereits aufgenommen, jetzt hofft sie noch auf Gemeinden, die irgendwo zeigen wollen, wie man früher in ihrem Ort gekleidet war, oder andere Interessenten. Die rund 30 Puppen, die ebenfalls im Keller in Vitrinen gelagert sind, will sie eventuell beim Rüdenhäuser Herbstmarkt am 20. September einmal ausstellen. Vielleicht kommen dorthin ja Besucher mit einer ähnlichen Begeisterung für alte Trachten wie einst Marie Dürr.

Kontakt: Wer sich für eine Tracht interessiert oder einen guten Tipp für Elfriede Sinn hat, wo sie den Schatz ihrer Mutter gut aufgehoben wissen könnte, darf sich gerne mit ihr in Verbindung setzen: Tel. 09383/2648.

 
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