SEGNITZ

Wein und Religion: Beschwipste Heiligkeit

Die Theologin und Buchautorin Gisela Kreglinger beschreibt die Zusammenhänge von Wein und Religion. Doch passt das überhaupt zusammen?
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Wein ist ein Gottesgeschenk, findet Gisela Kreglinger. Und hat über dieses Thema ein Buch geschrieben. Foto: Foto: Ralf Dieter

Wein und Religion. Fröhlichkeit und Glaube. Passt das zusammen? Gisela Kreglinger muss nicht zwei Mal überlegen. Unbedingt! Die Segnitzerin hat zwei Bücher zum Themenbereich Wein–Religion–Spiritualität geschrieben. Eines ist jetzt in deutscher Sprache erschienen.

Wie kamen Sie auf das Thema Wein und Religion?

Kreglinger: Ich bin in einem bodenständigen Weingut groß geworden. Ich erinnere mich noch gerne an die Arbeiten im Weinberg. Wir Kinder immer mitten drin. In meinem Theologie-Studium ist mir aufgefallen, welche Bedeutung der Wein in der Bibel hat. Wie oft er erwähnt wird.

Ein wiederkehrendes Element und Symbol.

Kreglinger: Es gibt fast 1000 Referenzen zum Wein in der Bibel. Aber er ist mehr noch als ein Symbol. Der Wein ist ein Ausdruck der Liebe Gottes und hat eine besondere Rolle in unserem Leben. In den Psalmen heißt es, dass Gott den Menschen Wein gibt, um Ihnen Freue zu schenken

Das sehen viele Gläubige aber anders.

Kreglinger: Leider. Die Reformation hat viel verändert. Klöster sind säkularisiert worden. Es fand ein Bruch mit der Landwirtschaft und dem Weinbau statt. Auch der 30-jährige Krieg hat viel zerstört. Im Namen Gottes sind Menschen bekämpft worden, viele haben danach ihren ursprünglichen Glauben verloren, die Leichtigkeit. Sie haben Gott mehr in ihrem Inneren gesucht, anstatt die Gemeinschaft und das fröhliche Miteinander zu suchen. Diese Tendenz hat sich über die Jahrhunderte weiter entwickelt.

Früher sind mehr Feste im Namen Gottes gefeiert worden?

Kreglinger: Sicher. Der Garten Eden steht für das Genießen. Jesus hat Wasser nicht zufällig in Wein verwandelt. Es ging ihm um die Freude am gemeinsamen Feiern, an der Gemeinschaft. Das war meines Erachtens nicht nur metaphorisch gemeint.

Jetzt werden manche Christen mahnend den Zeigefinger heben und sagen: Alkohol ist eine Sünde.

Kreglinger: Zu viel Alkohol kann Schaden anrichten, klar. Mir geht es ja auch nicht um die Völlerei, sondern um den Genuss. Der Wein ist dafür da, uns Freude zu schenken, manchmal auch Trost in traurigen Zeiten. Dann geschieht etwas mystisches mit Menschen. Ich nenne das eine heilige Beschwipstheit.

Der steht eine gewisse Nüchternheit der Kirche gegenüber.

Kreglinger: Gerade die evangelische Kirche verfolgt eher einen rationalen Ansatz. Das ist schade. Sie müssen die Menschen nur einmal bei einer Weinprobe beobachten.

Wenn sie heilig beschwipst sind?

Kreglinger (lacht). Ja. Die Stimmung verändert sich, es wird viel gelacht. Aber nicht nur das. Die Menschen werden auch verletzlicher, öffnen sich. Ihre Masken fallen, sie dürfen Mensch sein. Diese Verwandlung empfinde ich als positiv und bereichernd.

Also: Ran an die Flaschen?

Kreglinger: Natürlich nicht. Wie gesagt: Es geht nicht um Völlerei, sondern um Genuss. Die Idealvision ist schon im Alten Testament beschrieben: eine moderate Fülle. Der Wein soll keinesfalls ein Mittel sein, um vor den eigenen Sorgen davon zu laufen. Aber er kann verschüttete Sinne aktivieren.

Das heißt?

Kreglinger: Gott hat uns alle fünf Sinne geschenkt, auch das Riechen und Schmecken. Dazu haben wir bis heute eine ambivalente Haltung.

Wie meinen Sie das?

Kreglinger: Sie müssen nur mal durch einen Supermarkt gehen. Die Kunden sagen, wie schön das Obst aussieht, aber nicht, ob es gut riecht, Dabei ist gerade der Geruch für unser Gehirn wichtig, weckt Erinnerungen, schult unser Gedächtnis. Schade, dass diese Fähigkeiten ein Stück weit verloren gegangen ist.

Dagegen wollen Sie anschreiben?

Kreglinger: So würde ich es nicht ausdrücken. Aber meine Bücher sind tatsächlich ein Plädoyer dafür, diesen Verlust der Sinne wieder wettzumachen. Die Art, wie wir unsere Wirklichkeit wahrnehmen, ist reduziert. Das ist nicht Gottes Wille. Nur durch den Gebrauch all unserer Sinne können wir auch tiefer greifende Erkenntnisse tatsächlich in uns aufnehmen.

Was sagen die Winzer zu Ihren Thesen?

Kreglinger: Ich habe 30 Winzer in Franken, dem Rheingau, dem Burgund, in Oregon und Kalifornien interviewt. Grundsätzlich habe ich zwei Denk- und Handlungsweisen ausgemacht. Die einen wollen die größtmögliche Kontrolle über die Schöpfung haben. Die anderen lassen die Schöpfung machen. Letzteres hat etwas mit Vertrauen zu tun.

Mit Gottvertrauen?

Kreglinger: Wenn Sie so wollen. Das spiegelt letztendlich auch unsere Haltung gegenüber der Schöpfung. Kontrolle hat etwas mit Angst zu tun, Vertrauen mit Liebe. Ich bin überzeugt davon, dass die Reben spüren, ob sie liebevoll behandelt werden oder nicht. Das spürt dann auch der Verbraucher.

Die Autorin: Gisela H. Kreglinger ist im gleichnamigen traditionsreichen Weinbaubetrieb der Eltern in Segnitz aufgewachsen, als dritte von vier Töchtern. Das Studium der evangelischen Theologie führte sie ins englischsprachige Ausland. Sie lebt und arbeitet heute in Schottland und Alabama/USA.

Das Buch: „Wein ist ein Gottesgeschenk“, 400 Seiten, 24,90 Euro. Echter-Verlag, Würzburg.

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