Kitzingen

Vom Zauber der blauen Stunden

Am Freitag, 13. Juli, tritt der Sänger Johannes Oerding in Kitzingen beim Open-Air-Sommer auf. Ab 20 Uhr ist er auf dem ehemaligen Gartenschaugelände am Main zu hören.
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Johannes Oerding gibt sich die Ehre auf dem ehemaligen Gartenschaugelände in Kitzingen.
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Am Freitag, 13. Juli, tritt der Sänger Johannes Oerding in Kitzingen beim Open-Air-Sommer – organisiert von Manfred Hertlein Veranstaltungen – auf. Ab 20 Uhr ist er auf dem ehemaligen Gartenschaugelände direkt am Main zu sehen und zu hören.

Frage: Wie fit muss man für eine Tournee sein?

Johannes Oerding: Ich habe vor ein paar Wochen angefangen, wieder etwas für die Fitness zu tun. Zuletzt war ich ja zwei Monate mit Peter Maffay unterwegs – da habe ich mich ein wenig gehen lassen, um es charmant auszudrücken. Jetzt greife ich wieder an und mache Sport.

Leistungssport?

Zweieinhalb Stunden auf der Bühne: Geht das Richtung Leistungssport?

Oerding: Das ist etwas übertrieben. Nach dem Konzert bin ich zwar fertig wie nach einem Fußballspiel. Aber eher wie nach einem Bezirksligaspiel – also nicht so anstrengend wie Champions-League.

Gucken Sie vorher, wo Sie auftreten – also beispielsweise wo genau Kitzingen liegt?

Oerding: Ich versuche schon, mir die Regionen und Orte zu merken. Bereits in der Planung machen wir es so, dass möglichst alle Regionen abgedeckt werden. Das ist schwer, weil es gerade in der Open-Air-Saison so viele schöne Spielstätten gibt. In Kitzingen bin ich noch nie gewesen. Ich mag es, auch in die Provinz zu fahren – weil ich selber von einem kleinen Dorf komme.

Perfekter Abend

Wann ist ein Open-Air-Abend perfekt?

Oerding: Schönes Wetter ist eine Grundvoraussetzung. Schön ist es, wenn es dunkel wird. Da lässt sich gut mit Licht arbeiten und es ist gleich eine ganz andere Stimmung. Mit Sonnenuntergang in die blaue Stunde reinzuspielen – perfekt!

Ihr Markenzeichen ist der Hut – seit wann gibt es den?

Oerding: Ich habe vor kurzem hier meine Bude aufgeräumt, Sachen aussortiert und auch alte Bilder gefunden. Schon mit 14 habe ich bei meiner Schülerband gerne einen Hut getragen.

Zwischendurch war der Hut dann mal weg, seit etwa acht Jahren trage ich ihn wieder regelmäßig. Aus unterschiedlichsten Gründen: Zum einen steht mir alles andere nicht so gut.

Zum anderen habe ich auf der Bühne eine Sorge weniger, weil beim Schwitzen das Haar ja auch nicht gerade schöner wird.

Hut - weil es bequem ist

Es gibt also noch Haare?

Oerding: Ich habe noch Haare, wenn auch nicht mehr die schönen Locken, die ich als Kind hatte. Jetzt ist es eher Gefieder.

Ist der Hut für die Bühne? Oder tragen Sie den auch beim Einkaufen?

Oerding: Ich trage den Hut auch privat. Weil es sehr bequem ist.

Wie viele Hüte gibt es?

Oerding: Mittlerweile habe ich über 30. Aktuell trage ich aber immer nur zwei, drei. Also einen leichten Sommerhut und im Winter einen warmen Filzhut.

Gemeinsam komponieren

Sie schreiben und komponieren selber?

Oerding: Zum großen Teil ist das so. Mittlerweile – wie beim letzten Album – arbeite ich aber auch mit befreundeten Songschreibern zusammen. Es macht mir mehr und mehr Spaß, mit anderen Musikern zu komponieren und zu texten. Nach fünf Alben hat man schon viel über sein Leben erzählt. Ab und zu braucht man einen anderen Wortschatz und jemanden, um sich die Bälle zuzuwerfen. Es macht mir viel Spaß, mit anderen Musik zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass das in Zukunft so weitergeht.

Was ist zuerst da: Melodie oder Text?

Oerding: Mittlerweile ist vermehrt ein Thema da, eine Idee, ein Wortspiel. Dann gibt der Inhalt den Sound vor, den der Song haben muss. Das geht dann Hand in Hand. Wenn ich also einen Satz habe wie „Ich will heute noch nicht nach Hause“ gucke ich, wie der schön gesungen klingt. Ohne dass es hölzern ist.

Am Anfang ist das Wortspiel

Ist das harte Arbeit? Oder fliegt Ihnen das zu?

Oerding: Letzteres. Spontaneingebungen sind am besten. Ich bin ein Impulsschreiber. Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen: So, jetzt schreibe ich einen Song. Das fällt mir schwer. Deshalb sammle ich das Jahr über meine Ideen, nehme sie als Sprachmemo auf und sortiere alle paar Monate, was gut genug ist und was man verwerten kann. Daraus ergibt sich dann ein roter Faden.

Frage der Glaubwürdigkeit

In Ihren Songs geht es um viel Persönliches. Sich öffnen, das eigene Ich zur Schau stellen – fällt das schwer?

Oerding: Es fällt mir auf alle Fälle leichter, das zu schreiben und zu singen, als mit jemandem darüber zu sprechen. Es ist auch eine Glaubwürdigkeitsfrage. Es macht durchaus Sinn, über Dinge zu singen, die man 1:1 erlebt hat oder man das Gefühl kennt. Über einen vierfachen Vater zu singen wäre unglaubwürdig – weil ich kein vierfacher Vater bin.

Wir sprachen vorhin von Ihrer Schülerband – es ging früh los bei Ihnen. Ab wann konnten Sie von der Musik leben?

Oerding: Die ersten 15 Jahre als Musiker habe ich im roten Bereich gelebt. Damals bin ich gerade so eben über die Runden gekommen. Mir war wichtig, mich auf die Musik zu konzentrieren. Mir war lieber, mit der Miete mal in Rückstand zu geraten oder nur mal Toastbrot zu essen, als nebenher etwa im Callcenter zu arbeiten. Das hätte mich frustriert und auch zweifeln lassen. Ich brauchte viele Jahre, um mich kreativ auszuprobieren. Der Erfolg kam dann Ende 20, Anfang 30.

Immer etwas im Kühlschrank

Seither läuft's aber . . .

Oerding: Hm, ich kann mich nicht beschweren. Ich habe etwas zu essen im Kühlschrank.

Was sicher auch Ihre Freundin Ina Müller freut, die ja auch singt. Warum gibt es eigentlich noch kein Duett?

Oerding: Wir haben uns tatsächlich über die Musik kennengelernt. Aber wir haben vor vielen Jahren für uns entschieden, dass wir nichts zusammen machen wollen. Das hätte so einen Cindy-und-Bert-Charakter bekommen. Wir versuchen, das Private und Berufliche zu trennen. Wenn wir an unseren Alben arbeiten und doch mal zusammen Musik machen, läuft das hinter verschlossenen Türen ab.

Schade – es wäre gut vorstellbar.

Oerding: Ein gemeinsames Album würde jede Plattenfirma mit Kusshand nehmen – aber so war ich noch nie. Sobald das Bauchgefühl sagt, dass es sich nicht gut anfühlt, mache ich die Sache auch nicht.

Ein Hit öffnet Türen

Lassen Sie mich raten: Kreise dürfte Ihr Lieblingslied sein?

Oerding: Kreise gehört dazu. Ein Hit, der viele Türen geöffnet hat. Da gibt es eine gewisse Dankbarkeit gegenüber dem Stück. Es ist auch schön, den Song live zu spielen, weil man weiß: Jetzt kann ich noch einen aus dem Köcher ziehen und die Leute freuen sich. Wenn ich ab und zu mal in meine Musik reinhöre, ist das wie bei vielen Menschen extrem stimmungsabhängig. Manchmal entdecke ich für mich selber irgendwelche B-Seiten wieder und denke: Das müsste ich auch mal wieder spielen. Bei den Open-Airs werden wir die Highlights der letzten fünf Alben spielen – durchaus aber auch ein paar unbekannte und ältere Songs.

Gutes Gefühl

War Kreise ein Sechser im Lotto?

Oerding: Es fühlt sich jedenfalls toll an. Wenn man merkt, dass so einen Song Millionen von Menschen hören, die damit etwas verbinden, dann weiß man: Ja, mein Beruf hat einen Sinn. Menschen zu erreichen und vielleicht sogar etwas zu hinterlassen, ist ein gutes Gefühl.

In Kreise kommt der Satz vor: Halte nicht fest, was Du liebst, sondern lass es los. Und wenn es wiederkommt, dann gehört es zu Dir. Wann fällt einem das ein? Einfach genial!

Oerding: Die Genialität ist in diesem Fall zurückzuführen auf Poesiealbum-Sprüche.

Aus dem Poesiealbum

Machen Sie jetzt nicht alles kaputt!

Oerding: Tut mir total leid, aber ich muss ehrlich sein: Das stand im Poesiealbum. Vor ein paar Jahren habe ich den Spruch dann ähnlich wieder auf einem Kneipenklo gesehen. Deshalb folgt auch der Satz: Poesie auf der Wand im Kneipenklo. Das passte einfach so schön in den Song rein. Aber manchmal – ohne mich zu sehr aus dem Fenster lehnen zu wollen – fällt mir auch selber was Schönes ein. Es ist nicht alles abgeschrieben . . .

Deutsche Musik boomt: Viele tolle Songs, viele tolle Typen. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Oerding: Ich freue mich über die Tatsache, dass deutschsprachige Musik so viel gehört wird. Die Musikbranche ist eine Wellenbewegung, es wird sicher eine Zeit kommen, dann haben die Menschen die Nase voll von deutschen Sachen. Vor allem dann, wenn die Qualität nachlässt. Das ist meine Befürchtung. Wenn alles nur noch kopiert wird, gleichförmig ist und formattauglich. Dann wird es schwierig. Wenn es zu inflationär wird, wird alles in einen Topf geworfen.

Von den Hechten im Karpfenteich

Den Echo gibt's nicht mehr – Ihre Meinung dazu?

Oerding: Mir fehlt der Echo nicht. Am Ende war es ja nur noch so ein Verkaufsding. Jeder Künstler weiß selber, wie erfolgreich er ist. Jeder kennt seine Zahlen und weiß, ob er der tollste Hecht im Karpfenteich ist. Ich bin für eine große Branchenveranstaltung, um sich einmal im Jahr zu treffen und auszutauschen.

Radikaler Themawechsel: Fußball. Sind Sie als Hamburger traurig über den HSV-Abstieg?

oerding: Ich bin St.-Pauli-Fan. Für uns lief es aber auch nicht ganz so gut. Für den HSV war es wohl mal an der Zeit, auch wenn er vom Gefühl her in die Bundesliga gehört. In der größten Stadt Deutschlands braucht man einen Verein in der ersten und zweiten Liga. Ich habe auch nichts gegen den HSV. Aber wenn man sich das Kuddelmuddel der letzten Jahre anschaut, freuen sich sogar die Fans, dass es jetzt die Chance für einen wirklichen Neuanfang gibt.

Keine Titelverteidigung

Und noch eine Fußballfrage zum Schluss: Wird Deutschland wieder Weltmeister?

Oerding: Obwohl ich Fan unseres Teams bin, denke ich, dass wir den Titel nicht verteidigen können. Die Rolle des großen Favoriten hat noch keinem amtierenden Weltmeister geholfen. Mein Tipp: Im Halbfinale steigen wir aus! Ich bin kein Freund des Public Viewing, deshalb schaue ich die meisten Spiele mit meinen Freunden privat im kleinen Kreis.

Kitzinger Open-Air-Sommer

Johannes Oerding, Freitag, 13. Juli, 20 Uhr, Landesgartenschaugelände Kitzingen, Am Bleichwasen. Karten: Ticket-Hotline (0931) 60 01 60 00. Oder per Mail: info@mainticket.de Weitere Infos: www.kitzingen-kanns.de


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