WIESENTHEID

Turedancer: „Ohne Frauen aufgeschmissen“

Elf Muskelmänner gegen Fremdenhass und Unterdrückung: Die Turedancer, achtfacher Bayerischer Meister, kommen nach Wiesentheid zur „Varieté for Charity“.
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Florian Lang freut sich auf die „Nacht der Toleranz“. Foto: Foto: F. LANG
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Elf durchtrainierte junge Männer freuen sich schon auf den 21. März 2020: An diesem Tag wollen die Studenten, Schichtarbeiter, Maurer, Fliesenleger, Büroangestellten, Elektriker und Apotheker die Wiesentheider Steigerwaldhalle rocken. Die „Turedancer“ aus Zellingen bei Karlstadt sind achtfache Bayerische Meister im Männerballett-Showtanz und Deutsche Meister von 2018.

Warum sie bei der „Varieté for Charity“, der „Nacht der Toleranz“, unbedingt dabei sein wollen, beschreibt Florian Lang, mit 29 Jahren ältester Tänzer und zugleich Vereinsvorsitzender. Er erklärt auch den seltsamen Namen der Gruppe: „Ture“ nennt man in Zellingen das Wahrzeichen des Ortes. Und die Tänzer drumrum sind eben die „Turedancer“.

Euch Zellinger aus dem Kreis Main-Spessart scheint es immer wieder nach Wiesentheid ans Drei-Franken-Eck zu ziehen. Warum?

Florian Lang: Unsere ersten Berührungspunkte zu Wiesentheid hatten wir bei Männerballett-Gauditurnieren. Schon damals war die Atmosphäre in der Steigerwaldhalle sehr cool. Dann kamen Anfragen für die Frauen-Prunksitzung – auch toll - und die Varieté for Charity. Die spitzenmäßigen Künstler, die dabei waren, das ausverkaufte Haus, die Mega-Stimmung – das alles war und ist einmalig in Wiesentheid.

Bei der „Nacht der Toleranz“ soll es auch darum gehen, dass Menschen nicht ausgegrenzt werden – egal, welche Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexuelle Orientierung sie haben. Wie wichtig ist Euch das?

Gerade in der heutigen Zeit mit ihren rassistischen Tendenzen ist es nicht selbstverständlich, dass es solche Veranstaltungen gibt – und dass sie so breite Akzeptanz bei der gesamten Bevölkerung finden. Wir finden das super und wollen das unbedingt unterstützen. Es geht um den Gedanken, der dahintersteht. Nur einmal mussten wir die Anfrage aus Wiesentheid ausschlagen, weil gleichzeitig die Bayerische Meisterschaft stattfand. Ansonsten gibt es aber nie irgendwelche Diskussionen in der Gruppe: Wenn Wiesentheid fragt, kommen wir.

Habt Ihr unter den Tänzern und Helfern unterschiedliche Nationalitäten?

Nein, wir sind lauter Deutsche und hatten bisher auch noch keine Anfrage von anderen, leider. Aber bei uns darf jeder anfangen, der möchte, wenn er bereit ist, zwei- bis dreimal wöchentlich zu trainieren und pro Saison 30 bis 40 Auftritte zu absolvieren. Wer das mitträgt, der ist herzlich willkommen.

Aber ein bisschen intolerant ist ein Männerballett ja per se: Ihr schließt schließlich die Hälfte der Bevölkerung aus: Frauen…

Nein, nein! Nur beim Tanzen! Ansonsten wären wir ohne Frauen echt aufgeschmissen. Wir haben zum Beispiel eine Trainerin, Caro, und zwei Schneiderinnen, Angelika und Silvia. Hinsichtlich der Kostüme haben wir Männer zwar das Recht, unsere Meinung zu äußern, aber im Prinzip machen die Damen alles unter sich aus. Und das ist auch gut so. Ich glaube, wenn wir nur Männer wären, würde wenig zusammengehen. Mir fällt spontan auch kein Männerballett ein, das gar keinen weiblichen Einfluss hat. Ohne geht?s einfach nicht. Frauen haben eine andere Sichtweise aufs Programm und auf kreative Outfits – da kann ich nur staunen.

Wie löst Ihr Konflikte – oder gibt es nie welche?

Es knallt schon mal, wenn elf Männer beisammen sind. Aber so richtig schlimm krachen tut‘s kaum. Das Zauberwort ist Kommunikation! Ich wünsche mir fast noch mehr davon. Typisches Beispiel: Da trifft man sich nach der Arbeit zum Training, um neue Schritte einzuüben. Manche Jungs sind vom Tag gestresst, und wenn es dann nicht gleich klappt, gibt schon mal ein Wort das andere... Manchmal ist es das Gescheiteste, ein bisschen zu warten, bis die Emotionen sich gelegt haben, aber dann muss man reden. Ich sage immer: „Jungs, wenn euch was stört und ihr nehmt es mit heim, dann ändert sich nichts.“ Lieber raus damit!

Eure Shows sind wie eine Reise um die Welt – von der hinduistischen Mythologie bis zum Totentanz in Mexiko. Wollt Ihr damit ein Zeichen setzen gegen Fremdenfeindlichkeit?

Wir freuen uns, wenn wir fremden Kulturen oder Minderheiten eine Bühne bieten können. Wobei ich ehrlicherweise zugeben muss, dass wir uns früher nie so große Gedanken über unsere Themen gemacht haben. Das Thema Indien zum Beispiel hat uns einfach interessiert. Aber es hat auch optimal gepasst: In Zeiten, in denen viele argwöhnisch auf alles Fremde schauen und Fremdenfeindlichkeit allgegenwärtig ist, konnten wir die Botschaft rüberbringen: Fremdes kann faszinierend sein und man muss – und sollte – es nicht automatisch ablehnen.

Was gebt Ihr den Menschen im kommenden Jahr mit auf den Weg?

Wir entführen die Menschen in die französische Vergangenheit, zum „Glöckner von Notre Dame“ und wiederum zu einer Minderheit, die unterdrückt wird: zu den Sinti und Roma, abfällig „Zigeuner“ genannt. Wir werden uns natürlich nicht auf die Bühne stellen und ein politisches Statement abgeben, aber wir lassen unseren Tanz für sich sprechen. Wir interpretieren den Disney-Film modern: „Der Glöckner von Notre Dame 2.0“.

Ihr trainiert hart und gehört seit Jahren zu den TopTen der deutschen Männerballett-Riege. Wird Euch schlecht, wenn ihr ein herkömmliches Männerballett seht, bei dem die Tänzer nur ein bisschen auf der Bühne rumhampeln, ihre behaarten Bäuche ins Publikum recken – und andere Teile?

Grundsätzlich würden wir uns nie abfällig über andere Gruppe unterhalten! Wir honorieren es immer, wenn sich jemand Gedanken über eine Show gemacht und sie einstudiert hat, denn wir wissen, wie viel Zeit und Arbeit dahintersteckt. Wir als Turedancer haben natürlich schon den Anspruch an uns selbst, dem Publikum etwas Hochwertiges, Atemberaubendes zu bieten: eine Show mit Unterhaltungswert durch Akrobatik und exzellente Technik.

Mit der puren Lust zu tanzen hat 2008 alles angefangen. Steht Ihr mittlerweile unter Erfolgsdruck? Wie soll es aus Deiner Sicht weitergehen?

Ein gewisser Druck ist da, das ist nicht zu bestreiten. Wir haben uns hochgearbeitet und nun wollen wir den Standard halten. Es stimmt: Viel mehr als Bayerischer Meister und deutscher Top-Act kannst du in der Hobbysparte nicht werden. Nur, weil du ein Jahr gut bist, heißt das nicht, dass das immer so weitergeht. Jahr für Jahr braucht man neue Ideen, neue Inspiration, neue Performance. Es gibt in Deutschland zehn bis 15 abgefahren gute Gruppen. Da dazuzugehören, das treibt uns immer wieder an!

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