RÖDELSEE

Sinnsuche auf dem Berg: Besuch bei Priorin Ursula Buske

„Unsere Gesellschaft schüttet das Kind mit dem Bade aus“, meint die Priorin der Communität Casteller Ring. Doch wie kann ein Zurück zu christlichen Werten aussehen?
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Immer energiegeladen und meist mit einem Lächeln auf den Lippen: Priorin Sr. Ursula Teresa Buske will ihren evangelischen Frauenorden, die Communität Casteller Ring (CCR), in eine gute Zukunft führen. Unser Bild zeigt sie vor der St. Michaelskirche auf dem Schwanberg. Foto: Fotos: Diana Fuchs–
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SCHWANBERG Gut 30 Frauen unter einem Dach, alle ganz unterschiedlich und doch vereint auf dem Weg zu Gott – wie funktioniert das? Priorin Ursula Buske spricht anlässlich ihres 60. Geburtstages am 23. August über ihr ganz besonderes „Frauenhaus“, den Umgang mit Gefühlen und den Sandstrahleffekt im evangelischen Frauenorden „Communität Casteller Ring“ (CCR).

Was ist die wichtigste Aufgabe einer Priorin?

Sr. Ursula Theresa Buske: Den Überblick zu behalten! Jede einzelne Schwester in ihrem täglichen Umfeld zu sehen und zu erkennen, wo es etwas auszubalancieren gibt.

Also Streit zu schlichten?

Nicht nur das. Es bedeutet auch zu erkennen, wenn eine sich an ihrem Platz nicht wohlfühlt, über- oder unterfordert ist.

Im Kloster gibt es täglich vier feste Gebetszeiten für alle, zudem gemeinsames Essen und Arbeiten. Ich stelle mir das nervenaufreibend vor.

Uns alle hat zwar dieselbe Berufung an diesen Ort hier geführt, aber natürlich gibt es trotzdem Sympathien und Antipathien – beziehungsweise die gesamte Gefühlswelt der Menschen: Neid, Eifersucht, Freude, Trauer... Es ist eine große Herausforderung, immer wieder den gemeinsamen Nenner zu suchen und zusammen weiterzugehen.

Was macht das Leben in der Communität trotzdem erstrebenswert?

Für mich ist das ganz klar die Tatsache, dass sich hier zusammenfügt, was in meinem Leben zusammengehört: Beruf, Familie und geistliches Leben. Diese Verbindung der drei Elemente hat mir früher gefehlt.

Sie haben nach Ihrem BWL-Studium als Diplom-Kauffrau in München gearbeitet. Wie kamen Sie mit dem Schwanberg in Kontakt?

Zum ersten Mal habe ich während meiner Studienzeit in Würzburg den Schwanberg gesehen – vom Rödelseer Weinfest aus. Die Communität Casteller Ring kam erst später ins Spiel: Von München aus habe ich den Aufbau der CCR-Außenstelle in Augsburg verfolgt. Die Gemeinschaft hat mich interessiert. Irgendwann bin ich dann mal auf den Schwanberg gefahren. Als ich das Stundengebet miterlebt habe, war mir klar: Da gehöre ich hin.

Sie haben plötzlich gespürt, dass das der Ort ist, wo Sie leben wollen?

Ja. Das war schon Berufung damals, 1991. Ich war 32 Jahre alt und wusste: Jetzt beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt.

Das klingt so einfach. War es das?

Zuerst schon. Aber dann, naja. Sobald ich richtig drin war, bekam ich einen Schock. Eine Art Gemeinschaftsschock.

Weil immer jemand um einen herum ist?

So ähnlich. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen. Während ich sonst als Single in meiner Münchner Wohnung gelebt hatte, waren da plötzlich 30 Personen, mit denen man den Alltag teilt.

Warum tut man sich das an?

Weil es einen persönlich weiterbringt. In der Gemeinschaft merkt man, wo man Ecken und Kanten hat, welche sinnvoll sind und welche man besser abschleifen sollte. Die Beziehungsarbeit in der Gemeinschaft hat eine Art Sandstrahleffekt.

Ist das wichtig auf dem Weg zu Gott?

Ja. Die Arbeit mit den Menschen lehrt einen Geduld und Ausharren. Das Wort „ausharren“ kommt in der Bibel immer wieder vor und meint sowohl durchhalten als auch am Ziel ankommen. In unserem benediktinisch geprägten Leben geht es vor allem um Kontinuität.

Von 2002 bis 2008 waren Sie schon einmal Priorin. Danach haben Sie den Schwanberg für neun Jahre verlassen. Warum?

Ich habe den Kontakt zum Schwanberg über all die Jahre immer gehalten. Aber es ist durchaus üblich, dass man erst mal weggeht, wenn man das Priorat an eine neu gewählte Schwester übergibt. Erstens, um der Nachfolgerin Raum zu geben, ihren eigenen Stil zu finden, und zweitens, weil man sich ja auch selbst irgendwie neu orientieren muss.

Wohin haben Sie sich orientiert?

Zuerst habe ich drei Monate lang im Münsterschwarzacher Recollectio-Haus gelebt. Dann war ich drei Jahre lang Vorstandsvorsitzende der Jesus-Bruderschaft im hessischen Kloster Gnadenthal. Anschließend habe ich bei der Christusträger-Bruderschaft in Triefenstein bei der Organisationsentwicklung mitgewirkt und zuletzt wieder an der Grenze zu Hessen gearbeitet, bei den Benediktinerinnen im Kloster Engelthal.

Dort hat Sie dann im März 2018 die Anfrage vom Schwanberg erreicht.

Ja, ich war absolut überrascht davon. Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, aber dann war es wie Heimkommen. Es ist jede Menge zu tun, aber ich arbeite wirklich gerne – an sachlichen Themen und mit Menschen.

Was sind die größten „Brocken“, die Sie bewältigen müssen?

Unsere größte „Baustelle“ ist, im wahrsten Sinn des Wortes, die St. Michaelskirche. Ausgelöst vom undichten Dach wird derzeit die ganze Elektrik samt Beleuchtung saniert. Ebenso wichtig wie der Erhalt der Immobilien – der CCR e. V. kümmert sich auch um Ordens- und Forsthaus – ist es aber, unsere Gemeinschaft lebendig und attraktiv zu gestalten.

Plagen Sie Nachwuchssorgen?

So direkt nicht, aber natürlich könnten wir gerne ein paar Schwestern mehr sein. Als ich Anfang der 90er Jahre eingetreten bin, waren wir über 50. Jetzt sind wir 31, von denen vier noch vor der Ewigen Profess stehen.

Sowohl der katholischen als auch der evangelischen Gemeinde laufen die Mitglieder weg – obwohl viele Menschen auf der Suche sind nach Inhalten, die ihrem Leben Sinn geben. Werden sie in Ordensgemeinschaften fündig?

Unser Vorteil ist, dass man bei uns, wenn man das möchte, jederzeit einfach kommen kann. Die Kirche ist immer offen, wir haben regelmäßige Gebetszeiten. Wenn man will, trifft man eine Schwester. Aber auch das Gegenteil geht: Man kann über die Anonymität einen neuen Zugang zur Kirche bekommen. Jeder, der schauen möchte, ob in ihm noch Glauben steckt, ist willkommen.

Warum sind so viele Menschen kirchenmüde geworden?

Die Kirche hat durch all die Skandale an Glaubwürdigkeit verloren. Doch in unserer heutigen Gesellschaft wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die Frage nach dem Größeren, der oder das meine menschliche Existenz übersteigt und mir Hoffnung gibt, ist aktuell wie eh und je. Ich rate jedem, gut zu differenzieren: Wer hat mich enttäuscht, Gott oder die Menschen?

Wie wichtig sind Reformen in den Kirchen?

Verkrustete Strukturen müssen aufgebrochen werden, immer wieder, egal in welcher Kirche. Die orthodoxe Kirche geht da einen interessanten Weg. Priestern ist es freigestellt zu heiraten oder nicht. Die bewusste Ehelosigkeit im Kloster und im Orden wird aber nicht in Zweifel gezogen. Das ist auch gut und wichtig, um eine besondere Gottesbeziehung leben zu können.

Ist es nie zu spät, sich neu auf die Suche nach Gott zu machen?

Sicher nicht. Manche kommen auch über andere Glaubensrichtungen, etwa den Buddhismus, wieder zu christlichen Glaubenswerten. Wir möchten die Schätze, die in der Bibel liegen, lebendig machen. Jeder kann sie mit uns wiederentdecken.

Während viele Sinnsuchende von überall her auf den Berg kommen, ist die CCR in unmittelbarer Nähe des Schwanbergs längst nicht allen Leuten bekannt. Können Sie sich das erklären?

Der Schwanberg war für die Menschen drumherum schon immer ein Ausflugsberg. Manche gehen tatsächlich immer an der Kirche vorbei. Ich denke, es braucht einen besonderen Moment, um in Kontakt mit der CCR zu kommen. Mittlerweile geschieht dies oft durch den FriedWald. Wir Schwestern helfen bei der Platzsuche, gestalten Beisetzungen mit und halten auch später noch Gedenkgottesdienste für die Verstorbenen ab. Das schätzen immer mehr Menschen, auch aus der Umgebung.

Leben auf dem Schwanberg

Ursula Buske: 1959 in Kassel geboren, kam sie schon in ihrer Gymnasialzeit mit dem Klosterleben in Berührung: Ihre Schule wurde von einem Orden – allerdings einem katholischen – geleitet. Buske: „Damals hätte ich nie gedacht, selbst mal zu einem Orden zu gehören.“ Nach dem Abitur studierte sie in Bamberg und Würzburg Betriebswirtschaft und arbeitete danach in einem Münchner Unternehmen. 1990 lernte die Diplom-Kauffrau den Schwanberg kennen. 1991 trat sie in den evangelischen Frauenorden ein und legte 1996 ihre Ewige Profess ab.

CCR: Vor über 77 Jahren, in der Osternacht 1942, bekannten sich unter dem Steinkreuz auf dem Fürstenfriedhof in Castell Christel Schmid und sieben junge Frauen zum Einsatz für Christus. Nach Kriegsende bauten sie den „Bund christlicher Pfadfinderinnen“ wieder auf. Daraus erwuchs – erst heimlich, ab 1950 offiziell – die Communität Casteller Ring (CCR). Seit 1957 hat die Gemeinschaft ihren Sitz auf dem Schwanberg. Sie lebt nach der Ordensregel des Benedikt von Nursia in Gütergemeinschaft. Nach dem Postulat folgt das zweijährige Noviziat, dem wiederum zwei Jahre zeitliche Bindung folgen können. Der endgültige Ordenseintritt ist die Profess, die Bindung auf Lebenszeit. Dabei bekommt die neue Schwester ihren Ordensnamen, das helle Ordensgewand und eine Kette mit dem Ordenskreuz.

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