Laden...
LANDKREIS KITZINGEN

Sie pfeifen auf die Vorurteile

Helmut Wittiger ist seit 40 Jahren Schiedsrichter. So dramatische Zeiten wie diese hat er noch nie erlebt. Die Schiedsrichtergruppe Kitzingen/Ochsenfurt geht deshalb auch neue Wege.
Artikel drucken Artikel einbetten
Alles dabei: In der Erstausrüstung für den Schiedsrichter findet sich alles Notwendige – bis hin zum Stollenprüfer, mit dem die korrekte Länge der Stollen kontrolliert werden kann.
+2 Bilder

Helmut Wittiger ist seit 40 Jahren Schiedsrichter. So dramatische Zeiten wie diese hat er noch nie erlebt. Die Schiedsrichtergruppe Kitzingen/Ochsenfurt geht deshalb auch neue Wege.

Stell' Dir vor, es ist ein Fußballspiel und kein Schiedsrichter kommt. Dieser Spruch ist alles andere als unrealistisch. Schiedsrichterobmann Wittiger erinnert sich mit Schrecken an den 15. August. „Wir hatten nicht genug Schiedsrichter für die angesetzten Spiele“, berichtet er. Also hat er Kollegen aus Bad Mergentheim angefordert. Ein Dauerzustand kann das nicht sein. Und deshalb gibt es jetzt neue Wege bei den Neulingskursen.

„Manche Schiedsrichter sind an einem einzigen Wochenende fünfmal im Einsatz.“
Helmut Wittiger Schiedsrichterobmann

Bislang war die Ausbildung zum Schiedsrichter sehr Zeit aufwändig. Jetzt wird der Kurs an einem einzigen Wochenende durchgeführt. Die notwendige Schulung im Vorfeld erfolgt über E-Learning – also daheim, am Computer. Bislang haben sich acht Teilnehmer angemeldet. Nicht schlecht. Aber immer noch zu wenig, um den Nachwuchsmangel zu beseitigen. Und einen Nachwuchsmangel hat der Verband zweifelsohne. „Manche Schiedsrichter sind an einem einzigen Wochenende fünfmal im Einsatz“, erzählt Wittiger, der wegen der Personalknappheit auch selbst wieder eingreift.

Der Fußball in Deutschland erfreut sich wachsender Beliebtheit. Nicht zuletzt wegen der erfolgreichen Weltmeisterschaft. Aber wer will schon Schiedsrichter werden? Und warum? Alexander Schröder und Maximilian Krämer aus Großlangheim kennen die Antworten. Die beiden 16-Jährigen sind vor zwei beziehungsweise drei Jahren Schiedsrichter geworden. Bereut haben sie diesen Schritt nie.

„Es macht richtig Spaß“, versichert Alexander Schröder und lacht. Bis in die U13 hat er selbst gespielt. Dann hat er die Lust verloren. Sein Opa hat ihn zum Schiedsrichterwesen gebracht. „Das hat meine Persönlichkeit gestärkt“, ist er überzeugt. „Die Schüchternheit von früher ist jedenfalls weg.“ Kein Wunder: Als Schiedsrichter muss man sich durchsetzen. Auch gegenüber älteren Spielern. Und gegenüber Zuschauern.

Mit 14 Jahren kann man einsteigen. Die ersten Monate und Jahre pfeifen die Neulinge vor allem Jugendspiele. Manche werden auch als Linienrichter bei Erwachsenenspielen eingesetzt. „Die Spreu trennt sich schnell vom Weizen“, sagt Wittiger. Mit anderen Worten: Wer Talent hat und ehrgeizig ist, der steigt relativ schnell auf, pfeift in den höheren Klassen. Dafür sind aber ein paar Tugenden unabdingbar: Die Zuverlässigkeit zählt für den Schiedsrichterobmann dazu. Genau so wie die Einsatzbereitschaft. Und die Regeln muss ein Schiedsrichter natürlich in- und auswendig können.

Alexander und Maximilian haben ihre Prüfung noch nach dem herkömmlichen Muster abgelegt: Vier Wochen lang je vier Stunden Kurs, dann die theoretische und praktische Prüfung. Alles in Schallfeld bei Gerolzhofen. „Wir waren in unserer Gruppe in Kitzingen nur zu zweit“, erinnert sich Alexander. Also hat er die Kurse und die Prüfung zusammen mit den Neulingen aus Schweinfurt und Gerolzhofen abgelegt.

„Ich erhalte immer wieder Anfragen übers Jahr verteilt“, berichtet Obmann Wittiger. Wegen des starren Zeitplans sind in der Vergangenheit aber von durchschnittlich zehn Interessierten fünf oder sechs wieder abgesprungen – bevor der erste Kurs begann. Das soll dank des Modellversuchs nicht mehr passieren. „Wer interessiert ist, der kann gleich anfangen zu lernen“, erklärt der Frickenhäuser, der sich mit Freude an die Jahre zwischen 2008 und 2010 erinnert. Da hat der Verband massiv an Schulen geworben und tatsächlich einen erfreulichen Zulauf verzeichnet. „Das Modell hat sich mittlerweile totgelaufen“, bedauert Wittiger. „Heute kämpfen wir um jeden Teilnehmer.“

Weil der Verband den elektronischen Spielberichtsbogen eingeführt hat, sind mittlerweile auch etliche ältere Kollegen abgesprungen. „Denen ist das einfach zu kompliziert“, erklärt Wittiger. Im Kreis Würzburg, zu dem Stadt und Landkreis Würzburg sowie der Landkreis Main-Spessart und die südliche Hälfte des Kitzinger Landkreises gehören, gibt es 250 bis 300 aktive Schiedsrichter. „Wir bräuchten ungefähr 70 Leute mehr.“

Angst vor Pöbeleien oder gar Ausschreitungen brauchen die Interessierten nicht zu haben. Alexander und Maximilian hatten noch keine einzige bedrohliche Situation zu überstehen. „Natürlich gibt es ein paar Schreier bei den Zuschauern“, sagt Maximilian. „Aber da muss man ganz cool bleiben und die Rufe am besten ignorieren.“

In Bewegung bleiben, die Persönlichkeit stärken und ganz nebenbei das Taschengeld aufbessern: Es gibt ein paar Gründe, um Schiedsrichter zu werden. 20 Euro plus Spritgeld gibt es bei Spielen der Erwachsenen. Und als kleines Zuckerl bekommen Schiedsrichter mit dem amtlichen Ausweis freien Eintritt bei allen Verbandsspielen bis hin zur Bundesliga – so lange das vorgegebene Kontingent reicht.

Alexander Schröder hat vielleicht auch deshalb schon zwei Kumpels überzeugt, die Schiedsrichterprüfung abzulegen. Natürlich nach der neuen Methode. „Die ist einfach praktischer“, sagt Maximilian.

Schiedsrichter-Kurs

Fußball-Schiedsrichter an einem Wochenende: Der Schiri-Neulingskurs der Gruppe Kitzingen/Ochsenfurt findet vom Freitag bis zum Sonntag, 5. bis 7. September, im Sportheim des TSV Hohenfeld statt. Die notwendige Schulung erfolgt im Vorfeld per E-Learning, am heimischen Computer. Strafe: Vereine, die zu wenige Schiedsrichter melden, müssen eine Ausfallgebühr zahlen. Für jede Mannschaft ab der U 17, die am Spielbetrieb teilnimmt, muss ein Verein einen Schiedsrichter melden. Ein Landesligaverein ohne aktiven Schiedsrichter kann bis zu 1000 Euro Ausfallgebühr pro Jahr zahlen. Kontakt: Anmeldungen nimmt entgegen: Schiedsrichterobmann Helmut Wittiger Tel. (0 93 31) 16 01 oder per E- Mail unter: helmut.wittiger@t-online.de

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren