SICKERSHAUSEN

Sickershäuser Theater: Eine Schnapsidee, die keine war

Aus einer Feierlaune heraus entstand in Sickershausen die Idee, ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen. 40 Jahre ist das her. Ein kurioser Rückblick.
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Die Theatergruppe Sickershausen bei ihrem ersten Auftritt im Jahr 1979. Foto: Foto: Theatergruppe
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„Es war eine vogelwilde Idee!“ Helmut Dürr bringt auf den Punkt, wie es sich vor 40 Jahren angefühlt hat, als in Sickershausen aus einer Feierlaune heraus die Idee gesponnen wurde, doch mal ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen. Heute sagt der langjährige Abteilungsleiter: „Es war die beste Idee!“

Die Sickershäuser Theatergruppe ist nicht mehr wegzudenken. Längst sind nicht mehr nur die Einheimischen voller Vorfreude auf die sechs Aufführungen zum Ende jedes Jahres. Über 1000 Besucher jährlich wollen sich diesen lustigen Abend nicht entgehen lassen.

Karten seit Jahren begehrt

Der Run auf die Karten schreibt seit vielen Jahren Geschichte. Früher startete der Kartenvorverkauf in der örtlichen Bäckerei Stang. „Wer dachte, er stellt sich um 1 Uhr nachts an, der war mit Sicherheit nicht der Erste in der Schlange“, erzählt Dürr. Auch heute ist es nicht anders. Am ersten Vorverkaufstag öffnen die Türen um 17 Uhr, angestanden wird aber schon Stunden früher. Der Großteil der Karten geht an Tag eins schon weg. Das 40-jährige Bestehen wurde natürlich ausgiebig gefeiert – mit Freunden, Unterstützern und ehemaligen Mitspielern. Klar, dass an so einem Tag auch ein Blick zurück geworfen werden muss. Helmut Dürr hat dafür wochenlang gebastelt. 40 große Bilderwände sind entstanden – eine für jedes Theaterjahr. Wer einen Blick darauf wirft, sieht Sachen, über die man heute immer noch schmunzeln oder staunen kann.

Der Antrieb, eine Theatergruppe zu gründen, kam von Dürrs Fußballteam: Der damals 20-Jährige trainierte die Damenmannschaft. Er versprach den Mädels, die zum Großteil erst 15 oder 16 Jahre alt waren, sich bei der Vereinsführung für ihre Idee stark zu machen. Kein leichtes Unterfangen. „Schnapsidee!“ war da zu hören. Oder: „Der SV Sickershausen ist ein Fußball- und kein Theaterverein!“ Dürr und seine Mädelsbande waren inzwischen aber wild entschlossen – und nicht mehr zu bremsen. Ohne das endgültige Okay abzuwarten, hat der Trainer bei einem Theaterbuchverleih einen Einakter geordert und die Gebühren selbst bezahlt. Schließlich hatte der Sportverein doch ein Einsehen.

Proben wurden zur Zitterpartie

Doch die nächste Hürde wartete schon. In der Festhalle durfte die Heizung nicht vor dem 1. Dezember angeworfen werden. Die Proben wurden demnach zur reinsten Zitterpartie. Auch der Verteilerkasten fürs Licht war für die Gruppe tabu – sie musste sich mit einer 60 Watt Glühbirne zufrieden geben. „Nach den ersten Leseproben stellten wir fest, dass ein Einakter mit zirka 30 Minuten, gespielt von sechs weiblichen Darstellerinnen, nicht wirklich abendfüllend war“, erzählt Dürr lachend von der nächsten Herausforderung. Die Suche nach männlichen Darstellern begann. Mit Walter Gust und Harald Steinberger landete man gleich zwei echte Volltreffer. Und auch ein Regisseur war mit Erwin Burger und dessen Frau Resi bald gefunden. Die schauspielerische Erfahrung, die bisher nur aus etwas Theater zu Weihnachten in der Grundschule gereift war, konnte nun also wachsen.

Erfinderisch waren die Theaterneulinge auch, was das Bühnenbild betraf. Da natürlich kein Fundus vorhanden war, musste kurzerhand das komplette Esszimmer von Dürrs Eltern herhalten. „Das wäre ja gar nicht so schlimm gewesen, nur war die erste Aufführung am 2. Weihnachtsfeiertag und wir mussten unseren Weihnachtsbraten im Jahr 1979 auf Klappstühlen einnehmen.“

Die Resonanz damals: überschaubar. Dürr ist ehrlich: „Es riss die Zuschauer nicht von den Stühlen.“ Der Ehrgeiz jedoch war geweckt. Ein neuer Anlauf im nächsten Jahr stand außer Frage. Akustik und Bühnenbild wurden verbessert, es gab Plakate, den ersten Kartenvorverkauf und die Auswahl des Stücks schlug eine ländlich geprägte, eher rustikale Richtung ein. Eine Richtung, die sich als gut weisen sollte. Diesmal konnten die Unkosten trotz Mehraufwand gedeckt werden und es blieben sogar noch ein paar Mark für den Sportverein übrig. Die Zuschauer zollten dem Schauspiel großes Lob.

Recht schnell wuchs die Gruppe zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Bis heute hat sich daran nichts geändert. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt Dürr. Gemeinsam geht es zum Feiern oder gar in den Urlaub. Man halte zusammen, wisse die Stärken jedes Einzelnen zu schätzen und freue sich jedes Jahr aufs Neue riesig auf die „Theaterzeit“ – und die jährlich neuen Herausforderungen, die zum Beispiel in Sachen Maske warten.

Nachwuchs willkommen

Aus jungen Darstellern, die für ihre Rolle oftmals mit Mühen älter gemacht werden mussten, wurden ältere, die nun verjüngt werden müssen. „Was haben wir Omas Kleiderschrank geplündert, Bärte angeklebt, Harre grau gefärbt und uns Krähenfüße ins Gesicht gemalt. Heute können die MakeUp-Töpfe nicht groß genug sein“, lacht Dürr, der seinen Posten als Abteilungsleiter nach 13 Jahren an Harald Steinberger abgegeben hat (es folgten: Oliver Rauber, Rainer Düll und aktuell Udo Müller). Theater-Nachwuchs sei also jederzeit willkommen.

Schon bei den Proben geht?s lustig zu und dass die Gruppe nach den Veranstaltungen jedes Mal noch lange zusammen sitzt, zeugt von einem beneidenswerten Wir-Gefühl. Als Helfer in der Küche und beim Bedienen sind Familienangehörige und Freunde wie selbstverständlich im Einsatz. Darauf ist Dürr als Gründungsmitglied stolz. Aber natürlich auch darauf, dass es wohl wenig Theatergruppen in der Umgebung gibt, die ohne Unterbrechung 40 Jahre am Stück aufgetreten sind. Als junger Kerl mit 20 Jahren hätte er sich nicht träumen lassen, dass dieses Himmelfahrtsprojekt einmal den Kulturpreis der Stadt Kitzingen abräumt– so wie es 2018 passiert ist. Damals wurde amtlich, was viele schon längst wissen: Die Laienschauspielgruppe des SV Sickerhausen ist eine echte kulturelle Bereicherung.

Theateraufführungen 2019

Was? „Je oller, desto toller!“ heißt das neue Stück, in dem Opa Ludwig einem außergewöhnlichen Hobby nachgeht: Er funkt jede Woche mit „Außerirdischen“. Als diese an seiner Geburtstagsfeier in seinem Haus stehen, beginnt das Chaos.

Wann? Aufführungen sind immer Samstag und Sonntag (16./17. Nov.; 23./24. Nov; 30. Nov./1. Dez.) um 19.30 Uhr in der Festhalle an der Sicker.

Wie? Restkarten gibt es bei „finanz Kontor Oliver Rauber“, Michelfelder Str. 13, Sickershausen, Tel. 09321/385100, und mit Glück auch an der Abendkasse.

Wer? Die Darsteller sind Oliver Rauber, Andreas Heinkel, Margret Straßberger, Martin Langer, Udo Müller, Gudrun Sagol, Marina Rößner, Lutz Heyne, Marietta Kallfaß, Nicole Müller, Walter Gust; Souffleuse: Sylvia Borawski, Maske: Christine Albert, Regie: Gabi Dappert und Marietta Kallfaß; Bühnenbild: Rainer Dappert, Walter Gust und Peter Reuther.

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