LANDKREIS KITZINGEN

Offline in Prichsenstadt: Nichts geht mehr im Internet

Abgeschnitten vom Internet und von der Telefonie sind seit Tagen, teilweise schon seit Wochen, Bürger, Schule und Betriebe in Prichsenstadt. Was ist der Grund?
Artikel drucken Artikel einbetten
Arbeitsministerin will Mitarbeiter vor Computer-Stress schützen
Es ist zum Verzweifeln: Seit Tagen, teilweise sogar seit mehreren Wochen, können zahlreiche Landkreisbewohner das Internet nicht mehr nutzen, auch Geschäftsleute und Betriebe sind betroffen. Symbolfoto: Oliver Beg, dpa Foto: Oliver Berg (dpa)
+1 Bild

Abgeschnitten vom Internet und von der Telefonie sind seit Tagen, teilweise schon seit Wochen, zahlreiche Bürger im Landkreis Kitzingen. Privatpersonen sind betroffen, städtische Einrichtungen sowie Gewerbebetriebe. Ihr Anbieter hat erst auf Probleme mit einem Vorlieferanten verwiesen und dann mitgeteilt, er habe einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt.

Dass sich auf dem Computerbildschirm nichts tut, haben viele schon mal erlebt. Kurzfristige Probleme mit dem Internet können passieren. In der Regel sind diese nach kurzer Zeit wieder behoben. Was aber, wenn die Tage vergehen und sich nichts ändert? Und der Versorger dann mitteilt, er habe Insolvenz angemeldet?

Diese unerfreuliche Situation erlebt man derzeit unter anderem in Prichsenstadt. Dort ist zwar nicht die Stadtverwaltung, aber die Schule, das Haus für Kinder und die Kläranlage betroffen. Und auch Gewerbebetriebe. „Gerade dort ist man aufs Internet angewiesen“, sagt der Prichsenstädter Bürgermeister René Schlehr. Er ist mächtig sauer. Zumal es fast zwei Wochen dauerte, bis bei der Stadt eine Erklärung per Email eintraf, wonach der Provider Probleme mit einem Servicepartner habe. „Die Erklärung war nicht aussagekräftig“, ärgert sich der Bürgermeister. Einen Ansprechpartner habe man nicht gefunden, der Versuch, Kontakt aufzunehmen, scheiterte. Ebenso der Versuch, den Vertrag zu kündigen: Die Post sei zurückgekommen. Daraufhin habe man den Brief direkt in Wiesentheid eingeworfen, wo das Unternehmen ansässig war. Aber auch von dort sei er zurückgekommen – man sei nicht zuständig. Was daran liegt, dass „Emotec Networks“ einen neuen Besitzer hat und die Adressenangaben für die Kunden irreführend sind.

Ursprünglich hatten die Kunden in der Region ihren Vertrag mit „Emotec Networks“ mit Sitz in Wiesentheid abgeschlossen. Der damalige Geschäftsführer Michael Motz hatte das Unternehmen 2010 gegründet mit dem Ziel, den mainfränkischen Raum mit breitbandigem Internet zu versorgen. Das Netz wuchs mit den Jahren, laut Homepage auf bis zu 52 Gemeinden.

Mit Wirkung zum 1. Juni 2019 hat Motz die Emotec Networks GmbH „inklusive aller Rechte und Pflichten“ verkauft. Von da an gehörte „Emotec Networks“ zur Fonlution Gruppe, Geschäftsführer wurde Daniel Friederich. Zum Zeitpunkt des Verkaufs seien laut Michael Motz 38 Orte im Landkreis Kitzingen und Schweinfurt mittels der eigenen Funkinfrastruktur erschlossen gewesen, „zirka 10.000 Haushalte konnten somit breitbandig versorgt werden“, so Motz.

Einige der Gemeinden und Privatleute hatten zu diesem Zeitpunkt bereits den Anbieter gewechselt, nachdem die Telekom die Region im Laufe der vergangenen Jahre doch noch mit Glasfaserkabel versorgt hatte.

Nach dem Verkauf gab es zunächst keine Probleme, wie mehrere betroffene Privatleute in Telefonaten, Emails und über soziale Medien gegenüber dieser Redaktion berichten. „Emotec Networks“ mit dem neuen Besitzer übernahm die Internetversorgung, schloss im Zuge des Verkaufs einen Wartungs- und Servicevertrag mit der „Emotec Service GmbH & Co. KG“, einem Unternehmen in Wiesentheid, dessen Geschäftsführer Michael Motz ist. Diesen Vertrag wurde laut Motz am 25. September „völlig unerwartet“ mit sofortiger Wirkung von der „Emotec Networks GmbH“ gekündigt.

Vor einigen Wochen begannen dann bei den Kunden die Probleme mit dem Internet und teilweise dem Telefonieren. Bei der Prichsenstädter Schule nach den Herbstferien, bei Privatleuten, die sich nach einigen Tagen an die Redaktion wandten, am 16. November. Zunächst gingen die Kunden von einer kurzfristigen Störung aus, wie sie immer mal vorkommen kann. Doch der Fehler wurde nicht behoben. „Emotec Service“ in Wiesentheid war nicht mehr zuständig, „Emotec Networks“ nicht zu erreichen. Auf Emails kam keine Antwort, berichten Betroffene, am Telefon erklang Musik. Am Donnerstagvormittag bekamen die Kunden dann eine Mail mit der Mitteilung, die „Emotec Networks GmbH“ habe am 5. November einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahren beim Amtsgericht Würzburg gestellt. Als Adresse wird Wiesentheid angegeben. Eine Fortführung des Geschäftsbetriebes und der Verträge sei leider nicht möglich. Die Email liegt der Redaktion vor. Demnach war der Insolvenzantrag bereits gestellt, als gegenüber den Kunden am 18. November angegeben wurde, eine Störung bei einem Vordienstleister sei Grund für die Internet-Probleme.

Eine schwierige Situation für Michael Motz, bei dem sich viele Kunden gemeldet haben. „Wir betonen ausdrücklich, dass wir nach dem Verkauf absolut nichts mehr mit der Internetversorgung zu tun haben. Wir haben weder Einblick in die momentane Situation, noch haben wir Unterlagen oder sonstiges hier im Haus.“

Wie sich die Kunden helfen

Den nahezu identischen Namen der beiden Firmen bezeichnet Motz als „irreführend“. Seine „Emotec Service GmbH“ sei im Bereich der Elektro- und Automatisierungstechnik nach wie vor und ohne jegliche Einschränkungen in Wiesentheid tätig.

Kann das Internet nicht genutzt werden, ist das für Privatleute ärgerlich. Bei einem Unternehmen, ob groß oder klein, wird es deutlich schwieriger. „Wir sind nun seit letztem Samstag ohne DSL und Festnetztelefon“, so ein Kunde. Er vermietet unter anderem eine Ferienwohnung, ist für Gäste und Kunden über Festnetz nicht erreichbar. Betroffen sind auch größere Betriebe.

In der Schule in Prichsenstadt wird improvisiert. Dass Emails nicht direkt empfangen werden können, nennt Rektor Florian Hock einschränkend und lästig, aber nicht dramatisch. „Wir sind nicht abgeschnitten von der Welt.“ Er rufe die Mails von Zuhause aus ab. Im Unterricht gebe es ebenfalls keine Einschränkungen, weil in der Grundschule das Internet in der Regel noch keine Rolle spiele. Abgeschnitten vom Netz ist die Kläranlage in Prichsenstadt. Die Meldung der Messwerte erfolge vor Ort übers Handy, so Schlehr. Einige Mitarbeiter der städtischen Einrichtungen nutzen das Internet in der Stadtverwaltung. Man könne von den Mitarbeitern nicht verlangen, dass sie ihre privaten Handys oder Anschlüsse nutzen, um Dienstliches zu erledigen.

Die Stadt hat allerdings gleich in zweifacher Hinsicht mit „Emotec Networks“ zu tun: Das Unternehmen versorgt nicht nur einige Einrichtungen mit Internet, sondern hat auch eine Antenne auf einem städtischen Gebäude. „Dafür haben wir Miete zu bekommen“, so Bürgermeister Schlehr. Weil es aber Zahlungsrückstände gegeben habe, wurde dieser Vertrag vorsorglich gekündigt.

Die Firma „Emotec Networks“ war auch für die Redaktion nicht zu erreichen.

Was können die Verbraucher tun?

Technische Probleme: Was können Verbraucher tun, wenn plötzlich das Internet oder Telefon nicht mehr geht? Antwort auf diese Frage gibt Martina Renner, Referentin Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale Bayern: Der Verbraucher hat ein Recht auf einwandfreie Leistung seitens des Anbieters, er muss die Leistung (schriftlich) einfordern und wenn der Anbieter bei technischen Problemen keine Abhilfe schafft, kann er unter nochmaliger Fristsetzung androhen, seine Zahlung einzustellen. Wenn der Anbieter nicht mehr in der Lage ist zu leisten, kann der Kunde außerordentlich kündigen.

Insolvenz: Was tun, wenn der Vertragspartner Insolvenz anmeldet? Wenn der Verbraucher die Mitteilung über die Insolvenz erhält, sollte er umgehend fristlos kündigen, mit Hinweis auf die Insolvenz, und mitteilen, dass er die Zahlung einstellt. Sollte dennoch eine weitere Rechnung für Leistungen kommen, die er nicht erhalten hat, muss er diese auch nicht zahlen, sollte das dann aber auch schriftlich mitteilen. Nach der Kündigung kann der Verbraucher dann einen neuen Vertrag bei einem anderen Provider abschließen, da der alte ja nicht mehr leisten kann.

Anspruch: Jeder Bürger hat einen Anspruch auf Grundversorgung mit einem Anschluss an ein öffentliches Telefonnetz und einen Zugang zu öffentlichen Telefondiensten an einem festen Standort (Festnetzanschluss). Die Telekom erbringt diese Grundversorgung und muss dem Verbraucher einen Telefonanschluss zur Verfügung stellen. Einen gesetzlichen Anspruch auf einen Internetanschluss gibt es hingegen nicht.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren