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MÜNSTERSCHWARZACH

Lieber wohlwollend als quengelig

Jeder Mensch wird älter. Aber nicht jeder ist glücklich dabei. Pater Fidelis Ruppert hält im Kloster Münsterschwarzach Kurse zum Thema und hat ein Buch geschrieben. „Älter werden – weiterwachsen“, so der Titel. Eines steht für den ehemaligen Abt außer Frage: Das Alter kann eine sehr fröhliche Lebensphase sein. Vorausgesetzt man befreit sich von unnötigen Sorgen und konzentriert sich auf das, was im Leben hilfreich war.
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Autor: Pater Fidelis Ruppert hat ein Buch über das Älterwerden geschrieben. Foto: Foto: dieter

Jeder Mensch wird älter. Aber nicht jeder ist glücklich dabei. Pater Fidelis Ruppert hält im Kloster Münsterschwarzach Kurse zum Thema und hat ein Buch geschrieben. „Älter werden – weiterwachsen“, so der Titel. Eines steht für den ehemaligen Abt außer Frage: Das Alter kann eine sehr fröhliche Lebensphase sein. Vorausgesetzt man befreit sich von unnötigen Sorgen und konzentriert sich auf das, was im Leben hilfreich war.

Frage: Woher rührt die Motivation, ein Buch über das Älterwerden zu schreiben?

Pater Fidelis Ruppert: Mir ist in unserer Ordensgemeinschaft schon früh klar geworden, dass der Anteil der Älteren immer größer wird und dass es sehr wichtig sein wird, wie wir alt werden. Wenn wir schlecht alt werden, geht es den Jüngeren ja auch schlecht. Dann liegen wir quasi wie ein nasser Sack über ihnen.

Wie beschreiben Sie Menschen, die schlecht alt werden?

Als quengelig und anspruchsvoll.

Und Menschen, die gut alt werden?

Als wohlwollend und zufrieden. Und dank dieser Eigenschaften sind sie auch eine große Hilfe für die Jüngeren. Im besten Fall positive Beispiele.

Wie kann es gelingen, gut alt zu werden?

Indem das Thema immer wieder angesprochen wird. Alt werden sollte ein normales Thema in unserer Gesellschaft sein.

Ist es das nicht?

Für manche Menschen schon. Viele haben aber auch Angst davor, alt zu werden. Sie wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen und bekommen regelrecht Panik.

Gibt es ein bestimmtes Alter, in dem die Angst vor dem Altwerden in den Menschen hoch steigt?

Das ist sehr individuell. Oft beginnt es, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder die Pensionierung kurz bevorsteht. Dann fragen sich viele Menschen, wohin die Reise geht. Und bei vielen gibt es leider eine innere Unzufriedenheit. Das merke ich in unseren Kursen.

Was können sie diesen Menschen in den Kursen vermitteln und mitgeben?

Ich kann ihnen Impulse geben, aber viel entscheidender ist, dass die Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Sie merken, dass andere mit dem gleichen Thema hadern oder eben sehr kreativ damit umgehen. Viele erzählen in diesen Kursen zum ersten Mal ganz persönliche Dinge aus ihrem Leben. Und sind selbst darüber überrascht. Oft werden auch religiöse Fragen der Vergangenheit aufgearbeitet, um Wege zu einer altersgerechten Gottesbeziehung zu finden.

Wird in unserer Gesellschaft zu wenig geredet über das Älterwerden?

Einsamkeit ist sicher ein großes Problem. Und dann leiden viele Menschen unter ihrer Vergangenheit, unter Verletzungen und Enttäuschungen, die sie erlebt haben. Im Alter haben sie plötzlich viel Zeit, darüber nachzudenken. Für ein gutes Älterwerden ist es ganz entscheidend, wie man verzeihen lernt.

Und wie kann das funktionieren?

Wenn ich jemandem etwas nachtrage, dann tue ich mir ja selber weh, ich schade mir selber. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Besser ist es, loszulassen.

Klingt einfach, ist in der Praxis aber sicher nicht so leicht.

Deshalb ist es wichtig, zuerst einmal Verständnis aufzubringen. Es gibt Menschen, die mit 70 oder 80 Jahren immer noch ihren eigenen Eltern etwas nachtragen. Das belastet. Wenn sie deren Rolle und Verhaltensweisen verstehen lernen, hilft es ein wenig, loszulassen.

Funktioniert das im stillen Kämmerlein?

Nein, man muss darüber reden. Am besten sogar mit fremden Menschen. In unseren Kursen werden die Menschen Sachen los, die sie seit Jahrzehnten belasten, weil sie sich darüber einmal austauschen können.

Wer schafft außer der Kirche solche Räume des Austausches?

Diese Räume gibt es leider viel zu selten. In den Familien hat sich die Kommunikation verändert, oft gibt es auch in der Ehe keinen Austausch.

Ist es eine Aufgabe des Staates, solche Räume zu schaffen ?

Nein, da ist die Kirche gefordert, aber auch Vereine.

Der Bedarf ist da?

Auf jeden Fall. Der Bedarf ist groß.

Dann wären solche Austauschplattformen für alle Menschen doch mehr als sinnvoll?

Natürlich. Und das über alle Lebensstufen hinweg. Wenn der Rahmen stimmt, sagt man Dinge, die sonst im Geheimen bleiben. Wenn dieser Austausch lebendig ist, dann ist auch der Übergang zum Alleinsein nicht so schlimm.

Täuscht der Eindruck, oder ist das Älterwerden tatsächlich schwieriger geworden in unserer Zeit?

Sicher ist das so. Wenn man alt wird, ist man hierzulande in der Regel alleine. Deshalb ist es auch so wichtig, sich rechtzeitig auf diese Lebensphase einzustellen.

Was heißt rechtzeitig?

Das ist individuell verschieden. Bei mir war es mit 40 Jahren.

So früh? Was ist passiert?

Ich war in einer persönlichen Krise, war sehr verunsichert. Die 70er Jahre waren keine leichte Zeit. Auch nicht für Ordensleute. Ich stand vor der Frage, was ich eigentlich mit meinem Leben will.

Und wie lautete die Antwort?

Mich weiter entwickeln. Als Mensch. Die innere Entwicklung geht weiter, auch mit dem Alter. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Und diese Entwicklung ist unabhängig von Erfolg oder von anderen äußeren Faktoren. Es geht um die Frage: Wer bin ich selber?

Karriere und Familie gehören für die meisten Menschen aber zum Leben dazu. Das lässt sich doch nicht ausblenden.

Beides ist wichtig, reicht aber oft nicht für das gesamte Leben. Die Frage ist doch, ob ich als Mensch reifer werden will oder nur Karriere machen möchte. Und die Kinder sind irgendwann aus dem Haus.

Haben die Menschen Angst vor dem Alleinsein?

Ja, deshalb ist es wichtig, sich die positiven Erfahrungen aus dem Leben präsent zu machen, zu überlegen, was mir jenseits von Karriere und Kindern Spaß macht. In den Kursen schreiben die Teilnehmer richtig lange Listen dazu und sind selbst überrascht darüber. Diese Dinge sind wichtige Ressourcen für den weiteren Weg.

Das Alter als fröhliche Lebensphase?

Wenn man loslassen kann, ist es tatsächlich eine sehr freie Lebensphase. Das sollte man aber am besten lernen, bevor man 75 ist. Manche können es, andere jammern ewig über Dinge, die zerbrochen sind. Und das ist unnötiger Ballast, den sie auf ihrem Weg mit sich herumschleppen.

Wird es kommenden Generationen leichter fallen, diesen Weg zu beschreiten?

Es ist jetzt schon viel in Gange. Es gibt sehr viele Nachbarschaftshilfen, etliche Senioren engagieren sich ehrenamtlich, auch in der Hospizarbeit. Das sind tiefe Erfahrungen, die einem selbst gut tun.

Nicht still stehen, sich weiter beschäftigen. Ist das ein Geheimnis für ein glückliches Älter werden?

Altersgerechte Arbeiten sind immer sinnvoll. Hier im Orden ist das natürlich ideal, da gibt es genügend Aufgaben.

Fehlen in der Gesellschaft solche Aufgabenbereiche?

Auch da kann das Ehrenamt hilfreich sein. Wer Menschen hilft, der bildet sich selbst weiter. Es gibt genug zu tun, man muss es nur wollen und rechtzeitig kreativ darüber nachdenken.

Was heißt kreativ nachdenken?

In der Regel weiß ich ja, wann ich pensioniert werde. Und dann kommen noch 20 bis 30 Jahre. Mit diesem Thema muss man sich beizeiten auseinandersetzen. Viele tun es nicht. Aber wenn man es tut, dann lohnt es sich. Dann hat man sich selbst etwas Gutes getan für den Rest des Lebens.

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