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Kitzingen

Gequält, ertränkt, erschossen: Unerwünschte Katzenbabys werden in Unterfranken zum Problem

Unerwünschte Katzenbabys werden vielerorts gequält, ertränkt, erschossen. Eine Kastrier- und Kennzeichnungspflicht könnte den Tieren viel Qual ersparen.
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Katzen, die kein Zuhause haben, sind für so manche Kommune ein großes Problem. Foto: SymbolFoto: dpa-bildfunk/ M.tahtah

An die alte Bäuerin erinnert Jutta Beißel sich genau. „Ich habe bei ihr geklingelt, weil sie ganz offensichtlich Katzen hortete. Ich wollte fragen, ob unser Verein die Tiere kastrieren lassen soll – wir von der Katzenhilfe hätten auch den Großteil der finanziellen Aufwendungen dafür getragen“, berichtet die Eisenheimerin. „Doch die Frau war nicht einsichtig. Noch nie habe sie Katzen kastrieren lassen – und sie wolle das auch weiterhin nicht.

Ein paar Jahre später starb die alte Frau. Ihre Erben riefen Jutta Beißel an. „Nun hatten wir wirklich ein Problem: 30 halb verwilderte Katzen in den Scheunen! Die kriegt man natürlich nicht so einfach gefangen. Nach und nach schafften wir es, sie in Lebendfallen zu locken und sie danach kastrieren zu lassen.“ Auch die anschließende Vermittlungsarbeit war schwer: „Wer möchte schon scheue Katzen?“

Einsatz gegen die "Katzenschwemme"

Dass es erst gar nicht zu solch einer „Katzenschwemme“ kommt, dafür setzt sich unter anderem die „Katzenhilfe Würzburg, Mainfränkischer Tierschutz e.V.“ ein. Hinter der Organisation steht eine Handvoll Frauen, die derzeit fast täglich Anrufe mit der Bitte um Hilfe bekommen. „In jedem zweiten Dorf gibt es Uneinsichtige“, sagt Jutta Beißel kopfschüttelnd. „Was Katzen angeht, haben wir in Franken fast südländische Verhältnisse!“

Allein im 30-Kilometer-Umkreis von Würzburg bringt der Verein jährlich 400 herrenlose weibliche Katzen und 300 Kater zum Kastrieren: „Das bedeutet, vorsichtig gerechnet, 2400 Katzenbabys, die erst gar nicht geboren werden und so vor dem Erschlagen, Ersäufen oder anderen Verelendungen bewahrt werden.“ Beißels Credo: „Je weniger Katzen geboren werden, desto weniger Katzenelend gibt es.“ Es brauche niemand zu denken, dass Kastration etwas Schlechtes sei, sagt Beißel. „Ganz im Gegenteil: Unerwünschte Katzenbabys erkranken sehr oft an Katzenschnupfen, der unbehandelt häufig zur Erblindung oder zum Tod führt.“ Auch Katzenseuche, Leukose, Feline Infektiöse Peritonitis, FIP genannt, oder Katzen-Aids (FIV) bedrohen herrenlose Tiere, um die sich niemand sorgt. „Erkrankte Tiere leiden unsagbar und sterben unter großen Qualen.“ Ein anderer Teil streune hungernd umher, werde gejagt, verfolgt, erschossen, überfahren oder misshandelt.

Die Überlebenden werden schnell geschlechtsreif – und so beginnt der Teufelskreis von Neuem. „Bedingt durch den Klimawandel haben Katzen mittlerweile oft nicht nur zwei Würfe jährlich, sondern schon drei.“ Jeder Katzenbesitzer, der sein Tier nicht kastrieren lässt, mache sich mitschuldig am Leid, findet Beißel. Das oft gehörte Argument „Lasst doch dem Kater sein Vergnügen“ kann sie nicht nachvollziehen: „Der Sexualtrieb bei Tieren hat nichts mit Lust zu tun, sondern ist reiner Instinkt. Sind die Keimdrüsen entfernt, vermisst der Kater nichts mehr.“ Er werde ruhiger und häuslicher. „Seine Duftstoffe und sein Urin verlieren den penetranten Geruch.“ Dass Kastraten „fett und faul“ werden, sei ebenfalls ein Vorurteil.

Vizepräsident: Verordnung hilft!

Ein Lichtblick sei, dass immer mehr Menschen die Problematik erkennen, findet Beißel. „Unsere Forderung nach einer Kastrationspflicht teilen immer mehr.“ Für den Verein bedeutet das aber aktuell jede Menge Arbeit: „Wir kriegen täglich Anfragen von Leuten, die herrenlose Katzen gesichtet haben und nun fragen, was sie tun sollen.“ Wenn es sich wirklich um verwilderte Katzen handelt, hilft die Katzenhilfe beim Einfangen. Die Tiere werden zum Tierarzt gebracht, kastriert, entwurmt und entmilbt – auf Kosten des Vereins, der dafür Spenden sammeln muss.

Der Tierschutz-Landesverband Bayern e.V. kennt das Problem. Vizepräsident Wolfgang Friedl verweist auf eine Verbandserhebung, die schon vor fast sieben Jahren entstand, aber bereits damals zeigte: Bei bayerischen Tierschutzvereinen landen jährlich Tausende von verwilderten Katzen und Katern. „Gerade in Bayern hat der Tierschutz noch keine große Lobby“ – und das, obwohl es schon 2015 im Tierschutzbericht der Bundesregierung hieß, dass Katzen ohne menschliche Fürsorge in erheblichem Ausmaß „Schmerzen und Schäden erleiden“. Friedl wird konkret: „Die Tiere sind meist sehr, sehr dünn, ausgemergelt, die Augen sind oft entzündet oder sie sind schon blind, sie haben Eiterherde oder sind von Parasiten wie Zecken und Flöhen befallen.“

Um dem Leid Herr zu werden, fordert der Vizepräsident des Tierschutzverbandes eine „Kastrations- und Kennzeichnungspflicht“ für frei laufende Katzen. „Jede Kommune kann eine solche Verordnung erlassen.“ Vorreiter sei der Kreis Pfaffenhofen: Ende vergangenen Jahres verabschiedete er die erste Katzenschutzverordnung in Bayern. „Wer diesem Beispiel folgen und einen entsprechenden Antrag stellen will, der bekommt gerne und kostenlos ein Antragsformular von uns.“

So lange es keine solche kommunale Verordnung gibt, ist der Einsatz von Jutta Beißel und Gleichgesinnten ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Wir tun, was wir tun können. Es gibt kaum etwas Traurigeres als den Anblick halb verhungerter, kranker Tiere, die ihr Lebtag lang kein Zuhause hatten.“

Infos/ Ansprechpartner

Ansprechpartner sind der Tierschutz-Landesverband Bayern e.V., www.tierschutz-bayern.de, sowie örtliche Tierschutzvereine und -heime. Konkrete Hilfe gibt es zudem bei der „Katzenhilfe Würzburg, Mainfränkischer Tierschutz e.V.“, www.katzenhilfe-wuerzburg.de, katzenhilfeMfT@gmx.de

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