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KITZINGEN

Ein Berg an Überstunden

Wenn das Telefon klingelt, wird es Jessica Bretz mulmig. Es könnte ihr Arbeitgeber sein. Es könnte Überstunden bedeuten. Klinikpersonal weist auf den Personalmangel hin.
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Personalratsvorsitzende Barbara Leder bedankt sich bei insgesamt fast 100 Beschäftigten für ihr Kommen. Die Klinik Kitzinger Land hat an der Protestaktion „Überstundenberg“ teilgenommen. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Wenn das Telefon klingelt, beschleicht Jessica Bretz ein mulmiges Gefühl. Es könnte ihr Arbeitgeber sein. Und das könnte Überstunden bedeuten. Schon wieder.

Fast 100 Beschäftigte der Klinik Kitzinger Land nahmen am Donnerstag an einer bundesweiten Protestaktion teil. Die Gewerkschaft ver.di hatte pünktlich zum „Internationalen Tag der Pflegenden“ alle Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen in Deutschland dazu aufgerufen, ihre aufgelaufenen Überstunden möglichst eindrucksvoll der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und so stapelten sich im Eingangsbereich etliche Kartons zu einem Berg, der deutlich veranschaulichte, wie viele Überstunden in den einzelnen Abteilungen der Klinik angefallen sind.

Seit Jahren ein Problem

32 831. Alleine in der Kitzinger Klinik hat sich diese Zahl an Überstunden angehäuft. „Es zieht sich durch alle Abteilungen“, erklärt der stellvertretende Personalratsvorsitzende Jürgen Chodera. „Der ärztliche Dienst und die Pflege sind besonders betroffen“, ergänzt Vorsitzende Barbara Leder. Wie diese Zahl zustande gekommen ist? Leder muss nicht lange überlegen. „Wir schieben diese Überstunden seit Jahren vor uns her“, erklärt sie.

Mal wird ein Stück des Berges abgebaut, dann kommt wieder ein Packen Überstunden dazu. Vor allem in den Wintermonaten muss ausgeholfen werden. Erkältungen machen auch vor dem Klinikpersonal nicht Halt. „Gerade wir müssen uns unbedingt auskurieren, bevor wir wieder mit den Patienten arbeiten“, betont Leder. Doch so einfach ist das nicht. Freizeit und Erholung sind in diesem Beruf schon lange nicht mehr planbar. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird immer schwieriger. Letztendlich mangelt es an Personal. Nicht nur in Kitzingen, deutschlandweit.

Die Gewerkschaft ver.di hat im letzten Jahr rund 162 000 unbesetzte Stellen in den deutschen Kliniken ermittelt – alleine in der Pflege. Die Forderung der Gewerkschaft und der Personalratsvorsitzenden ist deshalb klar: Eine gesetzliche Regelung muss her. „Die Kliniken selber können sich einen Personalaufbau nicht leisten“, sagt Chodera. „Der Personalschlüssel und die Finanzierung sind ein politisches Thema.“

Gertrude Schreiber weiß, wie es sich anfühlt, Überstunden vor sich her zu schieben. Zusammen mit Jessica Bretz und rund 25 anderen Kolleginnen arbeitet sie auf der Intensivstation. Ihre Dreiviertel Stelle hat sie ganz bewusst gewählt. Die Eltern müssen gepflegt, das Haus in Schuss gehalten werden. Doch die Dreiviertel-Stelle gibt es nur auf dem Papier. 330 Überstunden sind alleine bei ihr aufgelaufen. Ausbezahlen lohnt sich nicht, die Steuer verschlingt einen Großteil der Summe. Also wartet sie auf eine günstige Gelegenheit, den Stundenberg abzubauen. Doch günstige Gelegenheiten sind rar.

Freizeit ist kaum noch planbar

Bis zu zehn Tage am Stück arbeiten – in der Pflege keine Seltenheit. Jessica Bretz und ihre Vollzeitkolleginnen müssen manchmal bis zu 13 Tage am Stück ran. Und das in wechselnden Schichten. „Natürlich werden die vorgeschriebenen Ruhezeiten eingehalten“, sagt sie. „Aber eine Belastung ist es trotzdem.“ Vor allem für die Psyche. Entspannen fällt schwer, wenn im Hinterkopf ständig der Gedanke lauert, dass es wieder nichts wird mit dem geplanten freien Wochenende, weil eine Kollegin kurzfristig krank wird. Jessica Bretz weiß, wie sehr sich die anderen Schwestern auf der Station anstrengen müssen, um diesen Ausfall zu kompensieren.

Und deshalb geht sie immer wieder ans Telefon – und bereitet sich innerlich schon einmal auf weitere Überstunden vor.

Fast 36 Millionen Stunden

Ergebnis der Aktion: 35,7 Millionen Überstunden schieben die Beschäftigten in den Krankenhäusern vor sich her, das sind laut ver.di 32,5 Überstunden pro Person. Die Gewerkschaft hatte die Beschäftigten in 295 Krankenhäusern befragt.

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