LANDKREIS KITZINGEN

Die Kinder auf dem Schirm haben

Jeder Familienzuwachs stellt für Städte und Gemeinden eine große Herausforderung dar.
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Kinderleicht: Dörte Kienbaum-Bartke und Annett Kießlich müssen den Kindern bei der Bedienung des Bildschirms nicht mehr viel erklären.Fotos: Julia Volkamer Foto: Volkamer
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„Jetzt bin ich gleich drin“, sagt die kleine Emma. Sie ist gerade in ihrem „Kindergarten“ angekommen und berührt ihr Bild auf dem großen Bildschirm, der gleich im Eingangsbereich steht. Dann wischt sie es zum Button „Igelgruppe“, wo noch weitere Kinderfotos erscheinen: Diese Kinder sind heute schon drin im neuen Kinderhaus in den Marshall Heights. Auch Emma ist jetzt angemeldet, ihr Papa kann sich verabschieden und die Vierjährige sprintet zu den anderen „Igeln“ in ihre Gruppe.

Dörte Kienbaum-Bartke leitet die nagelneue Kindertagesstätte und ist an ihrem Arbeitsplatz fast wunschlos glücklich, so wie alle Beteiligten an diesem Leuchtturmprojekt in Sachen Ausbau des Angebots an Kindertagesstätten im Landkreis. Bis zur Eröffnung war es aber ein langer Weg – und eine große Herausforderung für die Stadt Kitzingen.

Neubau, Umbau, Anbau

Der ging es nicht anders als den anderen Städten und Gemeinden, die in den letzten Jahren ihr Betreuungsangebot erweitert haben. Dass ein Bedarf an Kindergarten- und vor allem Krippenplätzen besteht, ist nämlich nicht allein ein Kitzinger Phänomen. Im ganzen Landkreis sind die Kitas wie Pilze aus dem Boden geschossen. Hier wurde neu, dort wurde um- oder angebaut. „Die Gemeinden sind verpflichtet, den Bedarf an Betreuungsplätzen regelmäßig zu ermitteln und festzustellen“, weiß Bernhard Hornig von der Fachaufsicht und Fachberatung für Kindertageseinrichtungen im Landratsamt. „Die Betreuungsquote mit Krippenplätzen liegt inzwischen bei 47 Prozent“, erklärt er – ein guter Wert. „Allerdings war und ist das mit großen Anstrengungen verbunden.“

Dadurch, dass die Kinder nicht erst mit drei Jahren, sondern schon viel früher in Betreuung gegeben werden können (aber nicht müssen), könne die Zeitspanne zwischen Bedarfsermittlung und –feststellung und Entstehen des tatsächlichen Betreuungsbedarfs bei nur noch einem Jahr liegen. Die Zahlen können deshalb nie zu einhundert Prozent verlässlich sein.

Für das weitere Vorgehen gibt es keinen festen Fahrplan, es muss von jeder Gemeinde neu bestritten werden. Ist der Bedarf festgestellt, geht es an die Entwurfsplanung: In welcher Art und in welchem Umfang muss eine spätere Erweiterung oder gar ein Neubau einer Kindertagesstätte stattfinden? Je nachdem, wer die Kindertageseinrichtung betreibt – im Beispiel oben das BRK – müssen sämtliche organisatorischen Ebenen beteiligt werden. Da treffen oft verschiedene Interessen und Meinungen sowie letztlich finanzielle Möglichkeiten aufeinander. „Die Kommunen müssen wirtschaftlich und sparsam haushalten, schließlich arbeiten sie mit Steuergeldern“, weiß auch Bernhard Hornig. Also müssen Fördermittel beantragt werden.

Die kommen vom Freistaat Bayern, in Form einer Anteilsfinanzierung anhand des Bayerischen Finanzausgleichsgesetzes. Das heißt, je „ärmer“ eine Gemeinde, desto höher der Zuschuss. Zusätzlich dazu förderte der Freistaat Investitionen im Rahmen des Programms „Kinderbetreuungsfinanzierung“, das aber zum 31. August auslief. Ein neues Programm ist wohl geplant, derzeit aber noch nicht in Sicht. „Der Bauboom wird deswegen nicht zu Ende sein“, ist er sicher. „Die Gemeinden sind nicht davon befreit, notwendige Betreuungsplätze zu schaffen.“

Auch wenn noch viele, weitere Stolpersteine im Weg liegen. So bringt das Vergaberecht zahlreiche Fristen, Verfahrensabläufe und Dokumentationspflichten mit sich. Zudem ist die grundsätzlich erfreuliche wirtschaftliche Situation in der Baubranche wenig förderlich: Gemeinden erhalten im Zuge von Ausschreibungsverfahren oft schlicht und einfach keine oder überhöhte Angebote. Das kostet nicht nur viel Geld, sondern auch Zeit. „Gleichzeitig stehen die Gemeinden aber vor dem Problem, schnell handeln zu müssen“, so Hornig. So auch in Kitzingen. Ein Jahr lang wurde das Kinderhaus in einem Übergangsquartier betrieben, jetzt sind alle froh, dass sie in die Räume des ehemaligen Children Development Center einziehen konnten – auch wenn noch nicht alles läuft. Die digitale Kindergarten-Software aus Dänemark zum Beispiel. Sie soll Verwaltungs- und Dokumentationsaufgaben übernehmen und den Erziehern so den Arbeitsalltag erleichtern. „Wenn es funktioniert, ist es eine große Erleichterung“, sagt Annett Kießlich, die Verantwortliche für beide Kitzinger BRK-Kinderhäuser. Sie denkt aber auch, dass dieses System ein Entscheidungskriterium für das oft händeringend gesuchte Fachpersonal sein kann. „Wir hatten jedenfalls keine Probleme damit, die Stellen zu besetzen.“

Zum Kindergartenjahr 2019/20 konnte die Einrichtung eröffnet werden. „Wir freuen uns, dass wir die Versorgung im neuen Kitzinger Stadtteil mit verbessern können“, sagt Felix Wallström, Geschäftsführer des Kitzinger Kreisverbandes im Bayerischen Roten Kreuz (BRK) und Träger der neuen Kindertagesstätte (Kita). Als gemeinnützige Einrichtung hatte er sich auf die Ausschreibung der Stadt Kitzingen beworben und bekam vom Stadtrat den Zuschlag. Inzwischen läuft der Betrieb, die Plätze in drei Kindergarten- und zwei Krippengruppen sind vergeben. „Mit dieser Entwicklung sind wir sehr zufrieden“, freut sich auch Dörte Kienbaum-Bartke.

Benachrichtigungen per App

Zufrieden sind auch die Eltern, die den digitalen Kindergarten als echte Bereicherung sehen. So erhält Emmas Papa per App immer wieder mal Fotos oder kleine Benachrichtigungen, was die junge Dame den ganzen Tag über so macht im neuen Kinderhaus. Und so ist es – nicht nur wenn es um Digitalisierung geht – eines der vielen Leuchtturmprojekte, die in den letzten Jahren im Landkreis Kitzingen umgesetzt wurden.

„Sehr viele Kindertageseinrichtungen sind durch die notwendigen Sanierungsmaßnahmen auch konzeptionell überarbeitet worden und leisten ein sehr gute und qualitativ hochwertige, pädagogische Arbeit“, findet Bernhard Hornig. „Sie fördern weiterhin die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Landkreis. Denn es ist doch eigentlich eine schöne Entwicklung, dass sich junge Menschen in unserer Region zu Hause fühlen und Familien gründen“ – auch wenn sie die Kommunen in Sachen Kinderbetreuung vor riesige Herausforderungen gestellt haben. Und weiterhin stellen werden.

Weg zur Kita-Eröffnung

Die Gemeinden müssen den Bedarf feststellen und eine Entwurfsplanung in Auftrag geben sowie per Ausschreibung einen Träger für die Einrichtung suchen. Nach der Baugenehmigung werden gemäß des Vergaberechts für Gemeinden die verschiedenen Gewerke ausgeschrieben und Aufträge erteilt. Auch die Durchführung muss ständig begleitet werden. Um den Bau zu finanzieren, müssen schließlich Fördermittel beantragt werden. Der Freistaat Bayern fördert gemäß des Bayerischen Finanzausgleichsgesetzes sowie seit 2007 dem Sonderinvestitionsprogramm „Kinderbetreuungsfinanzierung“. Die Antragsfrist lief zum 31. August aus, allerdings wurden die Fördermittel von 127 Millionen Euro noch einmal aufgestockt. So können alle bis zum 31. August eingegangenen Anträge bezuschusst und insgesamt 63 500 Betreuungsplätze eingerichtet werden.

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