WILLANZHEIM

Der Ball rollt vor Gericht

„Sie können uns eines glauben: Wir haben das so nicht gewollt.“ Hermengild Dorsch und ihr Mann Elmar schauen alles andere als glücklich aus. Sie sitzen in ihrem Esszimmer und erzählen ihre Geschichte. Eine Geschichte, die in Willanzheim keinen Menschen glücklich macht.
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Mitten drin: Der alte Sportplatz in Willanzheim ist von Häusern umgeben. Foto: Foto: Ralf Dieter
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„Sie können uns eines glauben: Wir haben das so nicht gewollt.“ Hermengild Dorsch und ihr Mann Elmar schauen alles andere als glücklich aus. Sie sitzen in ihrem Esszimmer und erzählen ihre Geschichte. Eine Geschichte, die in Willanzheim keinen Menschen glücklich macht.

75 Jahre alt ist Elmar Dorsch. Vor etwas mehr als 50 Jahren hat er sein Haus gebaut. Direkt am Sportplatz. Und genau das ist zum Problem geworden. In den Anfangsjahren lief alles rund. Es gab nur eine Mannschaft am Ort und die trainierte nie.

„Wir wollen doch auch mal im Sommer auf unserer Terrasse sitzen und in Ruhe ein Buch lesen.“
Hermengild Dorsch, Anwohnerin Sportplatz SV Willanzheim

„Wir haben nur gespielt“, erinnert sich Dorsch. Er war nämlich selbst dabei, spielte zehn Jahre lang für den SV Willanzheim. Auch heute noch ist er Vereinsmitglied. Obwohl sich die Fronten verhärtet haben. Ein Rechtsanwalt ist eingeschaltet.

Der SV Willanzheim ist ambitioniert. Gerade was die Jugendmannschaften angeht. Sechs Teams gibt es im Dorf, von den U9 bis zu den U19. Dazu kommen die Senioren, die erste und zweite Mannschaft. Für Elmar Dorsch und seine Frau bedeutet das: Häufiger Trainingsbetrieb vor der Haustür – oder besser gesagt vor der Terrasse. Denn die grenzt direkt an das Sportgelände an. Getrennt nur durch einen Zaun.

Hermengild Dorsch legt ihren Terminkalender auf den Tisch und blättert in den Seiten. Die sind mit Uhrzeiten, Daten und persönlichen Anmerkungen vollgeschrieben. „Unser Rechtsanwalt hat uns das empfohlen“, sagt sie. Notizen führen über all die Zeiten, in denen auf dem Sportplatz der Ball rollt oder der Rasen gemäht wird. Glücklich schaut sie beim Blick in den Kalender nicht aus. Sie hätte sich den Ärger gerne erspart. Und es sah eine Weile auch ganz gut aus.

Bereits 2008, vor fünf Jahren, hat es eine Vereinbarung gegeben. Der damalige Bürgermeister Wilhelm Sturm, Vereinsvorsitzender Johann Stöcker und die Familie Dorsch hatten sich auf eine Lösung geeinigt: Neben den vereinsinternen Spiel- und Trainingszeiten ist die Platznutzung nur von 9 bis 12 Uhr und von 14.30 Uhr bis 20 Uhr gestattet. Dabei ist die hintere Platzhälfte zu verwenden. So steht es auch heute noch auf einem kleinen Schild, das an einer Seite des Spielfeldes angebracht worden ist. Die Theorie ist demnach klar geregelt. Die Praxis sieht aber anders aus.

Elmar Dorsch und seine Frau berichten von Trainingseinheiten, die direkt vor ihrem Zaun stattgefunden haben, von etlichen Bällen, die im Garten gelandet sind und von Spielern, die einfach über die Mauer oder den Zaun geklettert sind. Früher ist der Rasen in den Mittagszeiten oder nach 20 Uhr gemäht worden. „Das hat sich gebessert“, sagt der 75-Jährige.

Aber dafür gibt es Kinder und Jugendliche, die den Platz am Nachmittag zum Bolzen nutzen. Grundsätzlich kein Problem. Die beiden versichern, dass sie gar nichts gegen spielende Kinder haben. „Aber die spielen teilweise direkt an unserem Zaun“, sagt Hermengild Dorsch. „Dabei ist das Gelände doch groß genug.“

Es gab Zeiten, da hatten die beiden an eine gütliche Einigung geglaubt. Es gab Zeiten, da konnten sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen. Im März 2010 saßen der stellvertretende Vorsitzende des SV Willanzheim, Timo Engelmann, der Schriftführer Hilmar Hein und Bürgermeisterin Ingrid Reifenscheid-Eckert mit Elmar Dorsch an einem Tisch.

Und das Ergebnis der Unterredung konnte sich sehen lassen: ein trainingsfreier Abend (Freitag) und ein Abend mit reduziertem Programm (Montag). Elmar Dorsch hatte sich zwar zwei freie Abende gewünscht, aber er akzeptierte den Kompromiss. „Die Jugendarbeit ist doch ganz wichtig“, sagt er. „Und der SV Willanzheim macht eine gute Jugendarbeit.“

Eine Lösung war gefunden und alles hätte gut ausgehen können. Doch die Vereinbarung wurde laut Familie Dorsch nur ein Jahr lang in die Praxis umgesetzt. Dann trainierten die Mannschaften wieder fünf Mal die Woche vor der Terrasse. Gerade im Sommer, in der Vorbereitungszeit, nimmt der Betrieb kaum ein Ende. Von 17 bis 21 Uhr nonstop Training. „Das geht an die Nerven“, sagt Hermengild Dorsch. „Wir wollen doch auch mal im Sommer auf unserer Terrasse sitzen und in Ruhe ein Buch lesen.“

Warum nutzt der Sportverein sein neues Gelände (Eröffnung 2009) mit Groß- und Kleinspielfeld so selten zum Trainieren? Weshalb hat der Verein die Vereinbarung mit der Familie Dorsch nach einem Jahr nicht mehr eingehalten? „Wir halten uns im Moment zurück“, sagt zweiter Vorsitzender Timo Engelmann auf Nachfrage und verweist auf das schwebende Gerichtsverfahren. Die gleiche Aussage von Bürgermeisterin Ingrid Reifenscheid-Eckert. „Ich bedaure, dass es so weit gekommen ist“, sagt sie. Weitere Stellungnahmen von Seiten der Gemeinde gibt es zum derzeitigen Zeitpunkt nicht.

Elmar Dorsch hat vor ein paar Monaten einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Sein Ziel: Eine Benutzungsordnung für den alten Sportplatz. Die hat der Gemeinderat Ende November zunächst abgelehnt. „Das mehrseitige Schreiben wird abgearbeitet“, sagt die Bürgermeisterin.

Eine neuerliche Aussprache zwischen der Familie Dorsch, dem Verein und der Gemeinde ist in weite Ferne gerückt. „Da ist zu viel gelaufen“, sagt Elmar Dorsch. Die Parteien werden sich wohl erst vor dem Gericht wieder sehen. Gewollt hat das sicherlich keiner.

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