KITZINGEN

Es waren eben andere Zeiten

Im Bürgerzentrum geht es einen Nachmittag lang ums Kochen und Backen anno dazumal.
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Sie tauschen begeistert Rezepte aus und freuen sich über die mitgebrachten Kuchen: Ula Rodic, Renate Fabian, Brigitte Amendt und Renate Winkler. Erwin Reuter kocht im Hintergrund derweil Kaffee. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Es dauert nicht einmal eine Minute, schon hat sich eine lebhafte Diskussion entspannt. Wenn es ums Kochen und Backen geht, dann hat jede der Frauen viel zu erzählen – und teilweise erstaunliche Erinnerungen an alte Zeiten.

Rita Heußner hat vor etwa einem Jahr ein Buch herausgegeben. Titel: „Oma Franziskas Kochbuch“. Das Original aus dem Jahr 1932 hat sie abgeschrieben und in eine neue Form gebracht. Etwa 300 Exemplare hat sie innerhalb kürzester Zeit verkauft. Den Besucherinnen im Kitzinger Bürgerzentrum hat sie kürzlich aus dem Buch vorgelesen. Schnell hat sich eine Diskussion über alte Rezepte und neue Sitten entsponnen.

Auf der Straße essen? Früher ein Unding. „Nicht einmal ein Apfel war erlaubt“, erinnert sich eine der Anwesenden. Mit vollen Kaffeebechern auf dem Gehsteig laufen, wie es gerade in den Großstädten en vogue ist? Die meisten Damen können das nicht nachvollziehen. Strenger ging es früher zu, auch in Sachen Ernährung. „Was auf den Tisch kommt, das wird gegessen.“ Diesen Satz hat Renate Winkler oft gehört. Vor allem freitags. Da gab es immer Fisch. „Und den konnte ich gar nicht essen.“

Überhaupt die Regelmäßigkeiten: Jeder Wochentag stand für ein bestimmtes Essen. Erwin Reuter weiß noch, dass es am Donnerstag immer Brennnesselsuppe gab. Klingt für junge Ohren scheußlich, war aber sehr lecker, wie er versichert. „Die Brennnesseln haben wir selbst gezupft.“ Manchmal gab es sie auch als eine Art Spinat. „Wunderbar“, versichert der einzige Mann im Raum und lächelt.

Den Sonntag verbrachten die Kinder und Jugendlichen damals größtenteils in der Küche: Rohe Kartoffeln reiben, den Tisch decken, später die Bratrohre putzen. „Der ganze Sonntag war verplant“, sagt eine Frau und stöhnt.

Einen Nachtisch gab es früher nur selten – zu besonderen Zeiten. Zwetschgenkuchen, wenn die Zeit dafür da war, beispielsweise. Eine Anwesende erinnert sich an Pfannkuchen – allerdings mit erstaunlicher Beilage für heutige Ohren: Bohnensalat. Als eine Zuhörerin das Wort Karthäuserklöße in den Mund nimmt, stöhnen alle Frauen im Raum lustvoll auf. Erst Recht, als sie die Beilagen nachlegt: „Mit Vanille- oder Weinsauce“. Als Krönung galten frische Erdbeeren mit einem Schuss Sahne. „Die Erdbeeren haben wir manchmal geklaut“, gesteht eine der Anwesenden. „Da gab es dann eine drauf.“ Geschmeckt hat es trotzdem.

In der Nachkriegszeit sind viele der Anwesenden aufgewachsen. Es gab nicht viel, gerade in den Städten war die Versorgungslage schwierig. „Wir haben halt getauscht“, erinnert sich eine Dame, die im Saarland groß geworden ist. Stricksachen gegen Eier. Genügsam musste man sein – und einfallsreich. Die Blätter für Pfefferminz- oder Kamillentee sind eigenhändig getrocknet worden. Ein wenig Holundersaft beigemischt und der Geschmack war deutlich feiner.. Selbst aus den Schalen der Äpfel ließ sich noch etwas machen: Ein wärmender Apfeltee. „Fantasie war gefragt“, bestätigt Rita Heußner, die in Euerfeld aufgewachsen ist. „Fast alles ist verwertet worden, wir haben nichts weggeschmissen.“ Selbst das Blut vom geschlachteten Hasen hat ihre Mutter für den Hasenpfeffer verwendet.

„Als Jugendliche hat mich das Kochen überhaupt nicht interessiert“, gesteht Heußner und etliche Damen im Saal nicken zustimmend. Das Interesse ist erst mit der Zeit gewachsen. Heute probiert sie gerne Neues aus und stöbert genauso gerne in alten Kochbüchern. Ein paar Damen haben ehrwürdige Exemplare von zuhause mitgebracht. Erstaunliches für heutige Mägen ist dort zu lesen. Auch manche Verhaltensregel, die modernen Ärzten die Haare zu Berge stehen lassen: Nach dem Essen bloß nicht aufstehen oder gar herumlaufen, steht in einem Buch. Sonst kann das Essen nicht ansetzen. „Es waren eben andere Zeiten“, sagt Rita Heußner und schmunzelt.

Das Kochbuch „Oma Franziska“ ist im Lädele in Euerfeld und bei Rita Heußner erhältlich. Kosten: 15 Euro.

Mit Ruhe und Sorgfalt

Die erste Seite aus Eugenies Kochbuch anno 1927: Die Grundbedingungen, wohl schmeckende und gut aussehende Speisen zu bereiten:

1. Größte Reinlichkeit an der Köchin, in der Küche, in dem zu benutzenden Geschirr, in Behandlung der Nahrungsmittel und im Anrichten.

2. Aufmerksamkeit und Überlegung.

3. Sparsamkeit.

4. Sorgfalt. Alle Nachlässigkeit, selbst in den geringsten Küchenarbeiten, muss vermieden werden.

5. Ruhe. Durch zu große Hast werden die Speisen sehr häufig verdorben.

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