VOLKACH

Trendwende bei der Bundeswehr? Es ist noch ein langer Weg!

Oberstleutnant Tobias Schuster über Defizite bei der Bundeswehr und künftige Aufgaben
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Oberstleutnant Tobias Schuster: „Was die Quantität und Qualität der Ausrüstung im Inland betrifft, haben wir tatsächlich einen deutlichen Nachholbedarf“. Foto: Foto: Bundeswehr

Der Bericht des Wehrbeauftragten hat die Bevölkerung aufgeschreckt. Transportflugzeuge und Hubschrauber, die nicht flugfähig sind. U-Boote und Tankschiffe, die nicht in See stechen können. In der Volkacher Mainfranken-Kaserne tauchen die Soldaten weder ab, noch gehen sie in die Luft. Oberstleutnant Tobias Schuster, stellvertretender Kommandeur in Volkach verfährt genauso. Er stellt sich ganz sachlich den Fragen dieser Redaktion.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels, hat in seinem jüngsten Bericht von einer „dramatisch schlechten Materiallage“ gesprochen. Trifft das auch auf den Standort Volkach zu?

Schuster: In manchen Bereichen der Bundeswehr gibt es tatsächlich sehr deutliche Defizite. Aber das ist auch der jüngsten Geschichte geschuldet.

Will heißen?

Schuster: In den letzten 20 Jahren hatten wir immer wieder Auslandseinsätze, derzeit sind etwa 100 Kameraden aus der Mainfranken-Kaserne in Mali, Afghanistan, im Irak und im Kosovo im Einsatz. Diese Soldaten haben natürlich insbesondere im Einsatz eine wirklich gute Ausrüstung zur Verfügung. Im internationalen und europäischen Vergleich müssen wir uns da nicht verstecken.

Auch was die Uniformen angeht? Angeblich gibt es selbst bei der Bekleidung Mängel.

Schuster: Das kann ich so – auch aus persönlicher Erfahrung in mehreren Einsätzen – nicht bestätigten. Sowohl die Bekleidung als auch die Schutzausstattung und die Waffen entsprechen dem hohen, internationalen Standard. Auch unsere Fahrzeuge im Einsatz sind sehr modern.

Wenn die Soldaten bei den Auslandseinsätzen gut ausgerüstet sind, dann mangelt es im Inland?

Schuster: Da haben wir, was die Quantität und Qualität betrifft, tatsächlich einen deutlichen Nachholbedarf. Vor allem, wenn man die jüngsten politischen Entwicklungen betrachtet, die neue Aufgaben nötig machen.

Wie meinen Sie das?

Schuster: Denken Sie nur an die Krim–Krise. Die Konflikte verlagern sich jetzt auch an die Ränder des Nato-Bündnisses. Die Bündnis- und Landesverteidigung ist nicht mehr nur ein theoretisches Thema. Und da hat die Bundeswehr in Sachen materieller und personeller Ausrüstung sicherlich Nachholbedarf.

Ministerin Ursula von der Leyen sprach sowohl bei den materiellen als auch den personellen Engpässen von Trendwenden, die eingeleitet worden sind. Merken Sie davon etwas?

Schuster: Ja, die eingeleiteten Trendwenden sind deutlich spürbar. Der Wehretat soll bis ins Jahr 2024 auf 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen. Wir werden also mehr Personal und Material finanzieren können. Aber das ist ein langer Weg. Bis ins Jahr 2031 werden wir sicher brauchen, um diese Ziele zu erreichen.

Wie viele Soldaten leisten derzeit Dienst in Volkach?

Schuster: Um die 1000.

Reicht das aus?

Schuster: Ja, das reicht aus, um unsere Aufträge im Inland, aber speziell auch in den Auslandseinsätzen zu erfüllen. Als Logistikbataillon sind wir auf Spezialisten angewiesen. Wir werden in den kommenden Jahren 60 neue Luftumschlagskräfte zugewiesen bekommen. Die brauchen wir auch.

Was genau machen Luftumschlagskräfte?

Schuster: Vereinfach ausgedrückt sind das Fachkräfte beim Be- und Entladen von Flugzeugen. In Krisengebieten muss das nicht nur schnell, sondern auch reibungslos und gemäß den Vorschriften funktionieren.

Sind Sie bezüglich des Materials in Volkach gut versorgt?

Schuster: Aus den genannten Gründen noch nicht. Aber es sind tatsächlich Fahrzeuglieferungen absehbar. Wir bekommen ein großes Kranfahrzeug und mehrere Lkw. Gleichzeitig müssen wir den bestehenden Fuhrpark natürlich auch immer wieder erneuern. Das gilt auch für die Unterkünfte der Soldatinnen und Soldaten.

Dabei ist die Volkacher Kaserne ein der modernsten.

Schuster: Zumindest ist sie die letzte, die in der alten BRD gebaut worden ist. Wir haben hier insgesamt eine sehr gute Infrastruktur. Dennoch sind mehrere Baumaßnahmen schon in Planung, um die Kaserne für die Zukunft attraktiv zu machen. Die Kaserne ist Mitte der 80er Jahre gebaut worden. Da fallen mit der Zeit natürlich Reparaturarbeiten an.

Wie lange rechnen Sie noch mit Auslandseinsätzen?

Schuster: Dies ist eine politische Entscheidung, wir haben aber für die Vorbereitung unseres Personals einen weiten Fokus, der insbesondere für die Einsätze in Afghanistan und Mali bis Mitte der 2020er-Jahre reicht. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass Auslandseinsätze eher die Regel werden und nicht die Ausnahme. Zusätzliche Herausforderungen wie die Mitarbeit in der schnellen Einsatzgruppe der NATO VJTF kommen hinzu. Das sind große Herausforderungen für das Führungspersonal, aber auch für unsere Spezialisten hier in Volkach in der Instandsetzung. Die durch die Verteidigungsministerin eingeleitete Trendwende beim Personal sieht eine Aufstockung der Bundeswehr um 20 000 Soldaten auf dann 203 000 Soldaten vor. Dies ist dringend notwendig.

Viele Unternehmen beklagen einen Fachkräftemangel. Der Bundeswehr wird es nicht anders gehen?

Schuster: Es ist nicht einfach, junge Menschen vom Dienst in der Bundeswehr zu überzeugen. Wir tun hier am Standort einiges, haben am 3. Mai einen Tag der Schulen geplant und am 4. Mai ist die gesamte Bevölkerung zum Tag der offenen Tür eingeladen. An diesem Tag gibt es auch den offiziellen Rückkehrappell für unsere Kameraden, die im März und April aus Afghanistan und Mali zurückkehren.

Hat Sie der Bericht des Wehrbeauftragen in seiner Schonungslosigkeit geärgert?

Schuster: Im Gegenteil. Das ist eine ganz wichtige Instanz und die anschließenden Debatten im Bundestag und in der Öffentlichkeit sind wichtig, damit sich auch etwas verändert.

Sie haben zum Abschluss noch einen Wunsch offen.

Schuster (lacht): Ich hoffe, dass wir das Material, das avisiert ist, auch tatsächlich erhalten. So können wir die bestehenden Einsätze fortführen und für neue Aufträge bereit sein.

In Volkach ist das Logistikbataillon 467 mit rund 1000 Einsatzkräften stationiert. Das Bataillon besteht aus sieben Kompanien. Die Hauptaufgabe liegt darin, die Folgeversorgung für die Streitkräfte sicherzustellen.

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