MÜNSTERSCHWARZACH

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

1200 Jahre Abtei Münsterschwarzach: Die Benediktiner feiern ihr Jubiläumsjahr. Als Symbol haben sie einen Schlüssel gewählt, der auf dem Klostergelände gefunden wurde. Davon werden in der Goldschmiede der Abtei Replikate hergestellt. Wir schauten den Künstlern und Handwerkern über die Schulter.
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Als Goldschmied ist vor allem Fingerspitzengefühl gefragt: Der Wachsengel, den Andreas Jurowski anfertigt, soll perfekt werden. Foto: Fotos: Franziska Bohn
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1200 Jahre Abtei Münsterschwarzach: Die Benediktiner feiern ihr Jubiläumsjahr. Als Symbol haben sie einen Schlüssel gewählt, der auf dem Klostergelände gefunden wurde. Davon werden in der Goldschmiede der Abtei Replikate hergestellt. Wir schauten den Künstlern und Handwerkern über die Schulter.

Goldschmiede erwecken leblose Metalle zum Leben und verwandeln sie in schimmernde Schmuckstücke. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. So auch der Schlüssel nicht, der aus der Zeit der Karolinger (8./9. Jahrhundert) stammt und damit der älteste Gegenstand ist, der je auf dem Klostergelände gefunden wurde. „Er verbindet uns mit unserer langen Geschichte und will uns die Türen öffnen für unseren Auftrag in der Welt von heute“, sagte Abt Michael Reepen bei der Jubiläumseröffnung am 23. November. Darauf weist auch das Motto dieses Jahres hin: „be open – sei offen“. Der Schlüssel wird dazu in der Goldschmiede der Abtei als Replikat in Form eines Schlüsselanhängers gefertigt, der bei den Jubiläumsveranstaltungen erworben werden kann.

Unterdessen tunkt Andreas Jurowski Kelche in eine karamellfarbene Lauge, die Blasen wirft. Die Flüssigkeit um die Kelche herum verändert sich plötzlich und ein milchiger Ring breitet sich in der Wanne aus. Er befestigt die Kelche mit Haken an einer Stange, die quer über den Behältern liegt. Die Kelche hängen in der Luft wie Forellen im Räucherschrank. Jurowski wischt sich die Hände an seiner schweren Lederschürze ab. Sie ist von Flecken übersäht.

Jurowski ist Goldschmied von Beruf. Seit 20 Jahren arbeitet er in der Goldschmiede der Abtei Münsterschwarzach. Die Kunstwerke, die er schafft sind meist nicht aus purem Gold, sondern aus vergoldetem Messing oder Silber. Ein Kelch aus purem Gold wäre viel zu schwer und viel zu teuer.

Früher leitete die Goldschmiede ein Mönch. Der letzte Mönch, Bruder Hugo, hörte vor sechs Jahren auf. Trotzdem sieht er dort noch jeden Tag nach dem Rechten. Besonders stolz ist das Team auf die drei Bischofsstäbe und auf den Ehrenpokal, den es für den Deutschen Fußball Bund angefertigt hat.

Jurowski steht in einem Raum im Keller der Goldschmiede und hängt noch einmal die Kelche in die Wanne. Langsam taucht er den letzten Kelch unter und befestigt dessen Halterung an der Stange. Boden und Wände sind klinisch weiß gefliest, die Lüftung surrt unermüdlich und die Neonröhren tauchen die Behälter in gelbes Licht. Im Becken befindet sich destilliertes Wasser mit Gold, welches davor in chemisches Salz umgewandelt wurde. In dieser Lauge kann man Metalle vergolden oder versilbern. „Die Lauge in den Wannen ist höchst ätzend, Hände vergolden sollte man darin also nicht.“ Damit diese chemische Reaktion entstehen kann, muss die Lauge unter Strom gesetzt werden. Dabei werden Moleküle aufgespalten und der Kelch zieht das Silber beziehungsweise Gold an. In zehn verschiedene Becken müssen die Kelche baden. Das letzte säubert sie von der giftigen Lauge und neutralisiert das Metall wieder.

Doch keiner der Kelche glänzt, als Jurowski sie wieder aus der Flüssigkeit holt. Alle drei Kelche sind matt und stumpf wie Holz. Jurowski poliert die vergoldeten Kelche, damit sie glänzen, als wäre sie aus purem Gold. Er schiebt seine Brille zurecht, nimmt einen Kelch vorsichtig in die Hand und drückt ihn gegen eine elektrische Bürste aus Messing. Die Borsten kratzen über die Oberfläche und das Gerät summt wie eine elektrische Zahnbürste. Wasser läuft aus einem Hahn auf die Bürste und spritzt in alle Richtungen.

Die weichen Messingbürsten haben den gleichen Effekt wie Kinder in einem Bällebad. Die lockeren Moleküle werden aneinandergedrückt und die Oberfläche verdichtet sich. Dadurch entsteht eine stärkere Reflexion und das Gold glänzt.

Die Kelche glänzen jetzt fast so schön wie die Brillanten, die Ayla Eschenbach in kleine Kleeblätter aus Weißgold setzt. Sie arbeitet in dem großen Werkstattraum eine Etage höher. Drei große Tische stehen dort. Auf jedem liegen Feilen, Sägen und Bohrer bereit, um Schmuckstücke zu bearbeiten. Der mittlere Tisch ist Aylas Platz. Sie streicht sich eine braune Locke hinter das Ohr und spitzt ihre Lippen. Mit einer Pinzette nimmt sie einen winzigen Edelstein aus einem Papierumschlag und setzt ihn auf eines der Kleeblätter.

Nachdem sie den Brillanten mit ihrem Zeigefinger fest gedrückt hat, legt sie das Schmuckstück behutsam auf einen Amboss. Sie schlägt fünfmal mit einem kleinen Hammer auf einen Punzen, damit sich der Rand der Fassung um den Brillanten legt. Für einen kurzen Moment hält sie das Kleeblatt in der Hand und betrachtet es. Auf jedem Blatt sitzt ein funkelnder Diamant. Noch ist das Kleeblatt matt und glänzt nicht, doch Ayla reinigt es mit einem Tuch, bis sie keinen Fingerabdruck mehr erkennen kann. Jetzt schimmern alle Blätter seidig.

„Der Beruf des Goldschmiedes ist für viele eine Berufung. Man weiß, dass man damit nicht reich werden wird“, sagt Ayla. Als Goldschmied braucht man ein goldenes Händchen. Und man braucht handwerkliches Geschick, aber auch Kreativität, Fingerspitzengefühl und Durchhaltevermögen. „Es braucht etliche Schritte, bis ein Schmuckstück endlich fertig ist.“ Ayla ist 20 Jahre alt und in ihrem dritten Ausbildungsjahr. Sie arbeitet seit 2014 in der Goldschmiede. „Ich wollte schon immer mit den Händen arbeiten. Etwas von Neu auf entstehen zu lassen – das reizt mich.“

Jurowski hat mittlerweile alle Kelche im Keller vergoldet und sitzt jetzt an dem großen Tisch in der rechten Ecke des Werkstattraums. Engelsflügel, kleine Kreuze, goldene Ringe und bunte Steine liegen kreuz und quer verteilt darauf. Sie schimmern und strahlen auf der Arbeitsplatte. An der Wand hängen Sägen, Hämmer und Fräser, aufgereiht wie Orgelpfeifen. Die vielen Feilen daneben sind dürr wie Wunderkerzen. Jurowski trägt eine Schutzbrille und gleicht einem Piloten aus einem alten Film. In seiner Hand hält er einen kleinen Engel aus Hartwachs. Daraus will er eine Gussform machen, um darin kleine Bronze-Engel gießen zu können. Den kleinen Engel bearbeitet er mit einem Fräser. Jurowski kneift seine Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und begutachtet den Engel mit Argusaugen. Er runzelt die Stirn, zieht die Augenbrauen nach oben und bohrt und feilt weiter, begutachtet ihn abermals, bohrt und feilt und begutachtet wieder. Der kleine Engel soll perfekt werden.

„Dieser Engel ist ein ganz besonderer Engel. Es ist ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Engel.“ Er sieht aus wie eine Spielfigur mit Flügeln. „Unsere Kunden können ihn immer bei sich tragen und der Engel kann sie in schwierigen Situationen aufmuntern.“ Er begutachtet noch einmal die kleine Wachsfigur und stellt sie schließlich auf den Tisch.

Zwei Tische weiter steht Ayla wieder vor ihrem Arbeitstisch. Darauf liegt ein ganz besonderes Schmuckstück: Ein Wildschweinhauer, den sie in Gold eingefasst hat. Von allen Seiten prüft sie mit genauem Blick, ob die Fassung passt.

„Ich habe großen Respekt vor Gold und bin immer sehr vorsichtig“, sagt sie. „Aber mit der Zeit denkt man nicht mehr über den Wert nach und arbeitet damit wie mit anderen Materialien auch“, meint ihr Kollege Steffen Dülk. Der 35-jährige arbeitet zurzeit an einem Ring aus Silber, der zu klein ist.

„„Wer kann schon von sich behaupten, dass seine Arbeit Jahrhunderte lang hält?“
Andreas Jurowski, Goldschmied in Münsterschwarzach

Nachdenklich kratzt er sich am Bart. Dann zersägt er den Ring in zwei Teile. Er rutscht ab und flucht leise. „Zifix!“ Als er den Ring geöffnet hat, setzt er ein kleines Silberstück ein. Damit er die Stücke miteinander verlöten und den Ring dann besser formen kann, erhitzt er ihn mit einem Bunsenbrenner.

Jurowski steht indes vor einer Blechtrommel, in der etliche kleine Granulatkugeln kullern. Mit beiden Händen wühlt er darin und holt nach und nach kleine goldene Kreuze heraus. Die Kügelchen in der Poliertrommel reiben die Kreuze ganz von allein blank. Zusätzlich wischt er noch jedes einzelne mit einem Tuch ab, bis alle funkeln. Jurowski blickt auf eines der Kreuze in seiner Hand und sagt: „Ich hab einen schönen Beruf. Wer kann schon von sich behaupten, dass seine Arbeit Jahrhunderte lang hält?

(von unserer Mitarbeiterin Franziska Bohn)

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