Er ist der sauberste Berg der so genannten seven Summits und der höchste der Südhalbkugel. 6959 Meter misst der Aconcagua. Für den Dettelbacher Abenteurer und Bergsteiger Peter Schöderlein ein Klacks. Mit seinen 74 Jahren war er wieder einmal der älteste Expeditionsteilnehmer. Das nächste Ziel hat er sich bereits gesetzt. In diesem Herbst will er fünf Vulkane in Mexiko besteigen.
Am 26. Dezember 2011 traf der Dettelbacher Extremberg-steiger mit 13 weiteren Bergsteigern am Frankfurter Flughafen ein, um gemeinsam nach Argentinien zum Aconcagua aufzubrechen. Der Name leitet sich von dem Quechua-Wort acko-cauak ("steinerner Wächter") ab. 1985 fand man in der Südostflanke auf 5300 Metern ein Indianergrab aus präkolumbischer Zeit. Der "steinerne Wächter" dürfte also bereits vor Ankunft der Spanier bis in große Höhen bestiegen worden sein.
1897 vom Saas Feer Bergführer Mathies Zurbriggen zum ersten Mal bestiegen, ist der Aconcagua auch heute noch für ambitionierte Bergsteiger ein großes Ziel. "Der Aconcagua ist, wie irrtümlich oft angenommen, kein Vulkan", sagt Schöderlein. "Sondern ein breiter Unterbau von Meeresablagerungen, bedeckt von vulkanischem Andesit, der einen Teil seines Gipfels bildet." Er ist gleichzeitig auch einer der saubersten Berge der Welt.

Notdurft kommt in Säcke


"Ranger achten sehr sorgsam auf die Einhaltung der Gesetze", berichtet Schöderlein. "Kein anderer Berg ist so sauber wie der Aconcagua." Ein Vergehen, wie zum Beispiel seine Notdurft an unerlaubten Plätzen zu hinterlassen, wird ebenso wie das Hinterlassen jeglichen Abfalls mit 500 US-Dollar geahndet. In den Hochlagern werden für die Exkremente so genannte "shit-bags" ausgeteilt, die wieder ins Tal hinabtransportiert werden müssen. Es ist allerdings möglich, dafür einen "shit-porter" zu engagieren, wovon die Gruppe dann auch prompt Gebrauch machte.
Gut gestärkt begannen die Bergsteiger zunächst einmal ein dreitägiges Trekking durch das landschaftlich reizvolle, hochwüstenartige Vacas-Tal. Nach knapp drei Stunden erreichte die Gruppe das Camp de Lena auf 2850 Meter Höhe. Am nächsten Tag ging es weiter am Fluss entlang bis Casa de Piedra (3200 Meter). Immer wieder mussten die Bergsteiger Bäche und Flüsse, wie den Rio de las Vacas, überqueren. Sie tauschten dabei die Trekkingstiefel gegen Tewa-Sandalen und wateten durch das eiskalte Wasser.
Bis zum Basislager Plaza Argentina (4200 Meter) wurde das Gepäck von Maultieren transportiert. "Das Lager ist weitläufig angelegt, die Zeltplätze durch verschiedene Agenturen belegt", berichtet Schöderlein. Es gibt Internet-Cafés, in den Küchen arbeitet einheimisches Personal, die Zelte sind stabil gebaut. "So geräumig, dass die gesamte Mannschaft an einem großen Tisch Platz fand." Zum leckeren Drei-Gänge-Menue wurden mehrere Flaschen Rotwein aus Mendoza gereicht. "Eine derartige Bewirtung erlebt man in keinem anderen Basislager", erzählt Schöderlein.

Antreten bei der Lagerärztin


Von hier ab standen zwölf Tage zur weiteren Akklimatisation, zum Errichten der Hochlager, Erreichen des Gipfels und Abstieg zum Plaza de Mulas (4370 m) auf der Westseite des Berges zur Verfügung. Zuvor musste allerdings jeder Gipfelaspirant bei der im Lager stationierten Ärztin antreten: Blutdruck-, Puls-, Sauerstoffsättigung messen, abhören, das Gleiche nochmals nach leichter körperlicher Belastung.
Der Expeditionsleiter teilte am nächsten Tag immense Mengen an Hochlagernahrung, Kocher, Gaskartuschen, Töpfe und Hochlagerzelte für die Einrichtung der Hochlager aus. Zunächst ging es über Moränenhänge hinauf, vorbei an Gletscherresten zum Lager I. Wegen des starken Windes verzichteten die Teilnehmer darauf, die Zelte aufzubauen. Sie verstauten das Material in Säcken und deponierten es hinter großen Felsbrocken. Nach kurzer Rast und schnellem Abstieg in weglosem Schutt und Sand war das Basislager bereits am Nachmittag wieder erreicht.
Nach einem Ruhetag stand ein erneuter Anstieg zum Lager I und am folgenden Tag zum Lager II auf 5500 Metern an, um dort ein Depot einzurichten. Wegen der anhaltenden Stürme am Berg musste jedoch ein Reservetag geopfert und ein weiterer Ruhetag im Basislager ausgesessen werden. Dann endlich konnte die Gruppe den Gipfelaufstieg wagen. Die Sonne hatte inzwischen den Schnee im Lager I schmelzen lassen. Die Zelte standen gänzlich im Wasser. "In Teamarbeit war der Umzug ins Trockene schnell geschehen", erzählt der Dettelbacher. "Die nassen Sachen konnten noch in der Nachmittagssonne trocknen." Nachts kam erneut Sturm auf und rüttelte gewaltig an den Zelten. Auch am Morgen ließ der Wind nicht nach. "Man konnte die Schneefahnen am Bergrücken sehen."
Gegen 12 Uhr drängte die Zeit. Das Team brach trotz Sturms Richtung Camp II auf. "Gegen den Wind gestemmt, zwei Schritte vor und einen zurück, war dennoch nach guten vier Stunden das Etappenziel erreicht", erinnert sich der 74-Jährige.
Die Zelte bei Sturmwind aufzubauen war allerdings nicht ganz einfach. "Vier Mann hielten die Zelte fest, bis sie ausreichend fixiert waren." Der vor Tagen an einem Felsblock deponierte Proviantsack musste mit Hilfe einer Eisaxt von einer dicken Schnee- und Eisschicht befreit werden.
Zum Ausruhen hatten die Bergsteiger aber keine Zeit- sogleich ging es ans Schneeschmelzen, um das Flüssigkeitsdefizit ein wenig auszugleichen. "Der Sturm ließ auch in dieser Nacht nicht nach und füllte das Vorzelt und die dort abgestellten Überschuhe mit Triebschnee", erzählt Schöderlein. Endlich, mit Sonnenaufgang ließ der Wind nach. Am späten Vormittag startete die Gruppe Richtung Lager III auf 5980 Meter.
Reichliche Flüssigkeitszufuhr ist in diesen Höhen Pflicht. Die Zubereitung eines Liters Tee dauert hier aber gut eine halbe Stunde. "So ist man bis zur Nachtruhe durchgehend beschäftigt." Um 3 Uhr hieß es dann: Fertigmachen für den Gipfelaufstieg.
Das Zelt war innen mit Reif beschlagen. Nicht das einzige Problem: Sich zu zweit im engen Expeditionszelt komplett anzuziehen, Rucksack packen, den Klettergurt anlegen, sich in die kalten Expeditionsstiefel zu quälen und Steigeisen anzuschnallen. "Das gestaltet sich auf fast 6000 Meter Höhe mühsam und anstrengend", sagt Schöderlein.
Endlich, gegen 5 Uhr, starteten alle gemeinsam bei sternklarer Nacht. Der Wind ließ nach. Nach zwei Stunden war das verfallene Lager Independencia auf 6400 Meter erreicht. Die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen die Dämmerung. "Dennoch war es empfindlich kalt", erinnert sich der Bergsteiger. Die Folgen waren schmerzhaft: Ein Teilnehmer war wegen Erfrierungen an seinen Händen bereits umgekehrt. Eine weitere Teilnehmerin war zu erschöpft, und kehrte hier um. Mit ihr stieg noch ein Bergsteiger ab, da auch er seine Finger vor Kälte nicht mehr spürte. Noch stand der Paso del Viento bevor. Hier war mit starkem Wind und extremer Kälte zu rechnen. Teilnehmer Ralf Dujmovits riet schon beim Vortreffen: "Zieht hier alles an, was ihr bei euch habt."
Über die lang ansteigende Querung Gran Acero ging es bis zu einer großen Höhle auf 6690 Meter. Hier ist der Gipfel bereits zum Greifen nah. Schöderlein hatte sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls etliche Finger angefroren. So musste er auf einen weiteren Aufstieg verzichten. Er zog es vor, mit einem weiteren Teilnehmer, der zunehmend Höhenprobleme hatte, auf die anderen bis zu deren Rückkehr vom Gipfel zu warten.
Steile 200 Höhenmeter hatten die noch zur bewältigen. Belohnt wurden sie mit einem atemberaubenden Blick in die 3000 Meter hohe Südwand und einer Rundschau auf die umstehenden Fünf- und Sechstausender. Der Abstieg über den Normalweg des Aconcagua führte zunächst zum Gipfelausgangslager "Choléra" zurück. An der Canaleta empfing Schöderlein die Rückkehrer mit einer Cola, die er bis hierher mitgeschleppt hatte.
1000 Höhenmeter Abstieg standen noch bevor. Alle machten sich sogleich auf den Weg. Mit zunehmendem Abstieg sollte es zugleich dem Höhenkranken besser gehen. Zwischenzeitlich begann es zu schneien. Gegen 17 Uhr war das Ausgangslager erreicht. "Nach einer kurzen Ruhephase waren alle wieder wohlauf", berichtet der Dettelbacher.
Die Überschreitung des Berges war gelungen. Im Zeltlager Plaza de Mulas stand der Abend ganz im Zeichen einer Gipfelfeier, es floss reichlich Rotwein und Sekt. Nach einer letzten Nacht im Zelt ging es tags darauf 35 Kilometer in einem Zug zurück nach Punte del Inca und Penitentes und später per Flieger nach Frankfurt. An die Tour in Südamerika hat Schöderlein beste Erinnerungen, die er gerne bei einer Multivisionshow teilt.