KITZINGEN

Einen Tag lang herrscht wieder Leben im Rügerrieth

Am Pfingstmontag findet der traditionelle, ökumenischer Gottesdienst in der verlassenen Siedlung nahe Mainbernheim statt.
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red rueger
Weil der Erfolg des Feldgottesdienstes und die Teilnahme daran sehr groß war, beschlossen die Geistlichen der fünf Rügerrieth-Gemeinden im Jahr 2005, diese Tradition wieder zu pflegen. privat Foto: Foto:

Mainbernheim-Rügerrieth. Es gibt viele alte Geschichten um den Ort Rügerrieth. Am Pfingstmontag ist die perfekte Gelegenheit, diese aufleben zu lassen. Die einstige Siedlung auf Mainbernheimer Gemarkung wird an diesem Tag von Menschenmengen bevölkert, die aus allen Himmelsrichtungen herbei strömen. Auf sie wartet ein außergewöhnlicher Gottesdienst, auf den Pfarrer Peter Stier aus Marktsteft im Gespräch schon vorab Lust macht.

Bis zu 600 Menschen zieht es jedes Jahr an Pfingstmontag nach Rügerrieth. Was hat es mit diesem Ort eigentlich genau auf sich?

Stier: Man nennt das Rügerrieth „ein versunkenes Dorf“. Das einzige Gebäude, das noch erhalten ist, ist eine alte Schafscheune. So manche Sage rankt sich um dieses Dorf: Ist es ein Ort, der wegen seiner schlechten sumpfigen Böden, also aus landwirtschaftlichen Gründen, aufgegeben wurde? Ist es ein Ort, der im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde und dann nicht wieder aufgebaut wurde? Oder ist es ein Dorf, bei dem die Herrschaft zu viel Steuern verlangt hat, so dass er nach und nach von den verarmten Bauern verlassen wurde? Keiner weiß das so genau.

Wer kümmert sich um den Ort?

Stier: Es gibt bis heute einen Fluranteil, der zum Rügerrieth gehört – mit Besitzern aus verschiedenen Nachbarorten. Außerdem gibt es einen Rügerrieth-Bürgermeister und den Heimat- und Kulturverein Rügerrieth, der sich um die Belange dieses versunkenen Ortes, um die Flur und die Pflege der Tradition kümmert.

Wie kam es zu der Idee, im Rügerrieth einen Gottesdienst abzuhalten?

Stier: Die katholische Pfründestiftung Frickenhausen war verpflichtet, einmal im Jahr an Pfingstmontag im Rügerrieth einen Feldgottesdienst zu halten. Diese Tradition wurde aber vor mehr als 80 Jahren aufgegeben.

Und wann wiederbelebt?

Stier: Im Jahr 2005, zum Abschluss der Flurbereinigung. Damals wurde auch das Flurdenkmal errichtet, dessen Darstellungen an die Geschichte erinnern.

Welches Ereignis ist dort zum Beispiel verewigt?

Stier: Im Rügerrieth endet ein Bahndamm. Er erinnert an den fehlgeschlagenen Versuch, eine Bahnverbindung zwischen den Strecken Nürnberg – Würzburg und Würzburg – Ansbach von Mainbernheim nach Obernbreit mit Hilfe von französischen Kriegsgefangen im 2. Weltkrieg zu bauen. Jede Menge mehr über die Geschichte und auch die Gottesdiensttradition steht in der Chronik zur 800-Jahr-Feier der Stadt Marktsteft in einem Aufsatz von Robert Neußner. Diese Chronik wird am Pfingstmontag auch wieder zum Kauf angeboten.

Ist es nicht ein enormer Aufwand, einen Gottesdienst fernab eines Ortes zu halten?

Stier: Es braucht tatsächlich viele Hände, diese Großveranstaltung für mehrere hundert Personen zu organisieren. Jedes Jahr hat eine andere Kirchengemeinde die Federführung – in diesem Jahr die katholische Kirchengemeinde Mainbernheim. Ihr Geistlicher hält die Predigt und bestimmt den Zweck der Gottesdiensteinlagen.

Damit ist es aber nicht getan.

Stier: Nein, sicher nicht. Organisiert werden müssen die Bestuhlung mit Bierzeltgarnituren, das Schmücken des Altares, der Aufbau der Lautsprecheranlage, der Druck von Liedblättern. Außerdem muss ein Toilettenwagen aufgestellt werden und das Angebot von Getränken und Imbiss organisiert werden. Ganz am Anfang muss auch immer der Platz vorbereitet werden, indem jemand das Gras zwischen dem Bahndamm mäht. Übrigens wirken auch die Bürgermeister der Rügerrieth-Gemeinden traditionell bei dem Gottesdienst mit und sprechen Gebete.

An Pfingstmontag wird rund um die 3,90 Meter hohe Stele also ein Gottesdienst gefeiert. Und kurz darauf bewirtschaften an der Stelle schon wieder Landwirte ihre Felder? Ist an dem Ort noch öfters im Jahr etwas geboten?

Stier: Im Rest des Jahres ist der Ort lediglich ein gern besuchter Platz von Fahrradtouristen, Wanderern und Schulklassen. Der Gottesdienst an Pfingstmontag ist dort die einzige offizielle Veranstaltung im Jahr.

Warum liegt Ihnen persönlich so viel an diesem Gottesdienst?

Stier: Ich schätze diesen Gottesdienst sehr, weil er sich zu einem sehr beliebten ökumenischen Ereignis entwickelt hat. Die Gottesdienstbesucher strömen von allen Seiten herbei, wie bei einer Art Sternwallfahrt. Jedes Jahr kommen auch zahlreiche Gäste und Neugierige von außerhalb hinzu. Mir gefällt auch, dass der Gottesdienst immer durch eine Aktion belebt wird. Einmal haben wir Tauben als Symbol des Heiligen Geistes fliegen lassen. Ein andermal hat die Feuerwehr mit einer Stichflamme das Feuer des Heiligen Geistes aufflackern lassen. Und wieder ein andermal haben wir eine Burg aus Strohballen gebaut und einstürzen lassen. Sind wir gespannt, was in diesem Jahr geboten wird.

Mit Hilfe tatkräftiger Unterstützung konnten am Rügerrieth auch schon so manche Anschaffungen getätigt werden.

Stier: Das stimmt. Ein Holzkreuz wurde errichtet und eine steinerne Bank, die als Altar dienen kann. Der Höhepunkt war die Anschaffung und Weihe einer fahrbaren Rügerrieth-Glocke im vergangenen Jahr.

Gibt es eine Schlechtwetter-Alternative?

Stier: Bei schlechtem Wetter können wir in die Schafscheune ausweichen. Bei größerem Besucherandrang werden davor auch noch Zelte aufgestellt, damit möglichst alle den Gottesdienst im Trockenen feiern können. Natürlich kommen bei schlechten Wetter aber weniger Besucher, als wenn die Sonne scheint.

Ein besonderer Ort

Wann? Die Kirchengemeinden Michelfeld, Mainbernheim, Obernbreit und Willanzheim laden am Pfingstmontag, 21. Mai, um 10 Uhr ins Rügerrieth zum ökumenischen Gottesdienst ein. Thema: „Land, höre des Herrn Wort!“ – unter Mitwirkung des Posaunenchors und der Rügerriethgemeinschaft. Nach dem Gottesdienst gibt es einen Imbiss.

Wer? Zu den Rügerrieth-Gemeinden gehören die evangelischen Gemeinden aus Obernbreit, Michelfeld und Mainbernheim sowie die katholischen Gemeinden von Mainbernheim und Willanzheim. Diese organisieren zusammen mit dem Heimat- und Kulturverein Rügerrieth den Gottesdienst.

Wo? Die Gemarkung Rügerrieth liegt zwischen Willanzheim, Michelfeld und Mainbernheim. Wer von Mainbernheim Richtung Michelfeld fährt, muss sich nach der Unterführung links halten – und am besten den anderen Menschen folgen.

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