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Eine Partei blüht auf

Die Grünen sehen sich gut gerüstet für die Zukunft. Im Kreis müssten aber erst mal notwendige Strukturen aufgebaut werden.
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Sehen ihre Partei auf einem sehr guten Weg: Die Vorstandsmitglieder im Kreisverband Ulrich und Andrea Drexelius sowie Heiner J. Schmidt. Foto: Foto: Ralf Dieter

Es sind turbulente politische Zeiten. Die Grünen im Aufwind, die SPD im Sinkflug, die CDU/CSU mit mageren Umfragewerten und die AfD mit einer Spendenaffäre. Wie wirken sich die Entwicklungen in der großen Politik auf die Arbeit im Lokalen aus? Wir haben Vertreter der vier Parteien befragt. Den Anfang machen die Grünen.

Heiner J. Schmidt klingt ein wenig wie Robert Habeck. Demütig müsse man bleiben, die Sacharbeit fortsetzen. „Das Schlimmste wäre es, wenn wir jetzt abheben“, meint er – und seine Vorstandskollegen Andrea und Ulrich Drexelius nicken. Bei aller Vorsicht: Die drei sind sichtlich glücklich über die letzten Wochen. Die Ergebnisse der Europawahlen und die neuesten Umfragen sorgen für Selbstvertrauen. „Wir trauen uns eine Regierungsverantwortung durchaus zu“, sagt Schmidt. Ein künftiger Bundeskanzler Habeck oder eine künftige Bundeskanzlerin Baerbock sind längst keine Utopie mehr. „Warum sollte das nicht so kommen?“, fragt Andrea Drexelius.

„In Sachen Klima ist bei der Union in den letzten 30 Jahren nichts gelaufen.“
Andrea Drexelius, Sprecherin der Grünen im Kreis

Mit 25 Prozent waren die Grünen bei der Europawahl die stärkste Kraft bei den unter 60-Jährigen in Deutschland. Die Folge: ein massiver Zulauf. „Der Landesverband hat derzeit rund 100 neue Anträge zu bearbeiten“, sagt Andrea Drexelius. „Pro Woche.“

Auch der Kreisverband Kitzingen spürt das gestiegene Interesse. Im Vergleich zum Dezember 2016 hat sich die Zahl der Mitglieder verdoppelt – auf aktuell 70, was im Vergleich zu etablierten Parteien wie der CSU oder der SPD weiterhin geradezu mickrig erscheint. (CSU: 1100; SPD 354 Mitglieder im Kreisverband). Dennoch: Die Grünen verzeichnen derzeit einen nie dagewesenen Zuspruch. Ob sie von dem Ansturm überrollt wurden? Heiner Schmidt antwortet mit „Jein.“ Die Tendenz habe sich schon vor den jüngsten Wahlen abgezeichnet. „Mit so einem Ansturm haben wir aber nicht gerechnet“, gibt er zu.

Das gesteigerte Interesse hat auch seine problematische Seite. Es fehlt an Personal, das Verantwortung übernehmen kann und will. Bislang sind die Grünen im Kreis Kitzingen kaum in kommunalen Gremien vertreten. Immerhin: Bei den Kommunalwahlen im nächsten Frühjahr wollen sie in vier bis fünf Gemeinden im Landkreis Listen aufstellen. Für einen grünen Bürgermeister sei es aber noch zu früh. „Wir müssen erst die Strukturen aufbauen“, sagt Heiner Schmidt.

An potenziellen Kandidaten sollte es nicht mangeln. Es sind vor allem Menschen unter 50 Jahren, die sich bei den Grünen anmelden. Anfang des Jahres hat sich in Kitzingen ein „Grüner Jugendverband“ gegründet. „15 neue Mitglieder auf einen Schlag“, freut sich Kassier Ulrich Drexelius. Die Rückmeldungen der neuen Mitglieder seien immer ähnlich: Den anderen Parteien wird wenig zugetraut. „Die haben ein massives Glaubwürdigkeitsproblem“, sagt Heiner Schmidt. Die Teilnehmer an den „Friday for Future-Demonstrationen“ würden sich politisch nur von den Grünen ernst genommen fühlen. „Weil wir als einzige deren Interessen vertreten“, sagt Andrea Drexelius. „Und das seit Jahrzehnten.“

„Die Jugend will sich nicht mehr mit fadenscheinigen Argumenten vertrösten lassen.“
Heiner J. Schmidt, Sprecher der Grünen im Kreis

Umweltschutz, Klimawandel, Atomausstieg, Verkehrswende, Artenschutz: Ur-Grüne Themen, die gerade den jungen Wählern am Herzen liegen. „In Sachen Klima ist bei der Union in den letzten 30 Jahren nichts gelaufen“, kritisiert Andrea Drexelius.

Eines ist den dreien aber auch klar: Die Grünen müssen im Bund seit Jahren keine Verantwortung tragen, können aus der Opposition heraus agieren. „Da hatten wir tatsächlich eine Luxusposition,“ gibt Heiner Schmidt zu. Gleichzeitig habe seine Partei in vielen Städten und in einigen Bundesländern bewiesen, dass sie auch (mit)regieren kann.

Bange ist den dreien vor einer möglichen Regierungsbeteiligung deshalb nicht. Der derzeitige Trend werde sich nach ihrer Überzeugung eher fortsetzen. „Ich glaube, es wird sogar noch heftiger“, meint Schmidt. Im Moment erlebe Deutschland einen Politikwandel. „Die Jugend will konkrete Antworten auf konkrete Fragen und sich nicht mehr mit fadenscheinigen Argumenten vertrösten lassen“, sagt er. Es sei Zeit für einen Politikwechsel. Und die Grünen seien dafür die richtige Wahl.

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