Kitzingen

Eine Chance zur Bereicherung

Wie leben Muslime in Deutschland? Wie kann ein Nebeneinander von Christentum und Islam funktionieren? Antworten gibt morgen Abend in den Räumen von „Buch und Kunst im Klosterhof“ der Abtei Münsterschwarzach ein Mann, der beide Religionen kennt.
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„Die Unterschiede zwischen den beiden Religionen sind identitätsstiftend,“ sagt Dr. Timo Güzelmansur.

Wie leben Muslime in Deutschland? Wie kann ein Nebeneinander von Christentum und Islam funktionieren? Antworten gibt morgen Abend in den Räumen von „Buch und Kunst im Klosterhof“ der Abtei Münsterschwarzach ein Mann, der beide Religionen kennt.

Frage: „Vom Gegeneinander zum Miteinander“ heißt Ihr Vortrag in Münsterschwarzach. Leben wir mehr im Gegeneinander oder mehr im Miteinander?

Dr. Güzelmansur: Das kommt darauf an, wie wir selbst unser Leben gestalten. Ich würde sagen, wir leben an Orten mehr miteinander, wenn wir den Mut haben, auf die anderen zugehen. Wo dies nicht geschieht und die Menschen sich zurückziehen, leben wir nicht zwangsweise gegeneinander, aber wir verpassen die Chance, uns gegenseitig zu bereichern.

Was trennt die beiden Religionen und damit auch die Menschen?

Dr. Güzelmansur: Zunächst einmal gibt es sehr vieles, was beide Religionen eint: Christen und Muslime glauben gemeinsam an einen Gott, der Ursprung und Schöpfer des Himmels und der Erde ist. Er hat uns Menschen erschaffen und wird uns nach dem Tod erwecken und am Jüngsten Tag zur Rechenschaft ziehen. Natürlich gibt es auch theologische Differenzen, zum Bespiel was Jesus Christus angeht. Christen glauben an Jesus als den aus Liebe Mensch gewordenen Gott, was für die Muslime unvorstellbar ist.

Was kann die Religionen vereinen?

Dr. Güzelmansur: Eine Einheit im Sinne von einer religiösen Gemeinschaft zu sein, ist nicht das Ziel des interreligiösen Dialogs. Die Unterschiede zwischen den beiden Religionen sind identitätsstiftend. Das Ziel ist aber, miteinander in Frieden und Harmonie zu leben. Das kann man meines Erachtens am besten erreichen, wenn sie gemeinsame Aufgabenfelder finden können, in denen Christen und Muslime gleichermaßen gefragt sind.

Wo liegen diese gemeinsamen Aufgabenfelder?

Dr. Güzelmansur: Beispielsweise in der Bewahrung der Schöpfung, der Bekämpfung von Armut, der Linderung von Leid und Not und ähnlichen Aufgaben.

Wo sehen Sie Hoffnungszeichen?

Dr. Güzelmansur: Wir haben in Deutschland zum Teil gut funktionierende interreligiöse Netzwerke, in denen Menschen gemeinsam zusammenarbeiten. Hier kann man beispielsweise die Flüchtlingshilfe erwähnen.

Wie lässt sich das Wissen über die jeweils andere Religion vergrößern? Sind die Schulen der richtige Ort?

Dr. Güzelmansur: Schulen und Hochschulen sind ja zentrale Orte von Wissensvermittlung, aber auch in der Erwachsenenarbeit an den verschiedenen Akademien und durch die verschiedenen Stiftungen in Deutschland wird sehr viel getan, damit die Menschen über den Islam und das Christentum Informationen erhalten können. Unsere Einrichtung CIBEDO arbeitet seit 40 Jahren in diesem Bereich für die Begegnung zwischen Christen und Muslime.

Warum sind Sie damals konvertiert?

Dr. Güzelmansur: Ich habe Christen kennengelernt, die überzeugt ihren Glauben gelebt haben. Durch die eigene Lektüre im Neuen Testament war ich neugierig, mehr über Jesus zu erfahren. Letztlich sind die faszinierende Liebe Jesu zu uns Menschen und sein Kreuzestod als unüberbietbare Zeichen dieser Liebe der Grund, warum ich Christ wurde.

Wie haben Ihre Familie und Ihr Freundeskreis auf diesen Schritt reagiert?

Dr. Güzelmansur: Zuerst hatte meine Familie kein Problem damit, dass ich christliche Freunde hatte, aber als ich mich taufen lassen wollte, war es schwieriger. Es gab einen Bruch mit der Familie, aber wir haben uns danach versöhnt, so dass wir heute ein sehr gutes Verhältnis zueinander haben.

Haben Sie Verständnis für die Ängste mancher Deutscher, dass der Islam überhand nimmt?

Dr. Güzelmansur: Was meinen Sie damit? In Deutschland gibt es Religionsfreiheit und solange sich eine Religionsgemeinschaft an diese Rahmenbedingungen hält, ist die religiöse Entfaltung legitim. Wo das nicht der Fall ist, sind eh die zuständigen staatlichen Stellen gefordert zu handeln.

Wäre eine Welt ohne Religionen friedlicher?

Dr. Güzelmansur: Ich glaube nicht! Ich sehe nicht die Religion als Problem, sondern das, was die Menschen daraus machen!

Termin: Dr. Timo Güzelmansur ist am Mittwoch, 14. März, um 19.30 Uhr in den Räumen von „Buch und Kunst im Klosterhof“ der Abtei Münsterschwarzach zu Gast. Er wird an diesem Abend einen Einblick in die große Weltreligion geben und von der Situation der Muslime in Deutschland berichten. Schüler des Egbert-Gymnasiums werden den Abend musikalisch umrahmen.

Karten für den Vortrag von Dr. Timo Güzelmansur gibt es an der Abendkasse für fünf Euro.

Zur Person

Dr. Timo Güzelmansur wurde in Antakya/Antiochia geboren und gehörte einer Arabisch sprechenden alawitischen Gemeinschaft an. 1997 wurde er katholischer Christ, kam 1999 nach Deutschland, um das Land und dessen Sprache kennenzulernen, und studierte ab 2000 in Augsburg Philosophie und katholische Theologie. Er arbeitet im Dienst des christlich-islamischen Dialogs und ist seit 2012 Geschäftsführer der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO) in Frankfurt.
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