Iphofen
Gerettet

Happy End: Dieser Straßenhund hat ein neues Zuhause gefunden

Auch wenn er nichts hört und kaum etwas sieht: Der einstige Straßenhund "Viktor" hat eine Familie gefunden
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Streicheleinheiten für das neue Familienmitglied: Die achtjährige Emma hat den Tierheimhund Viktor gleich ins Herz geschlossen. Auch wenn der nichts mehr hört und nur noch wenig sieht - die Liebe des Mädchens spürt er bestimmt.  Fotos: Diana Fuchs
Streicheleinheiten für das neue Familienmitglied: Die achtjährige Emma hat den Tierheimhund Viktor gleich ins Herz geschlossen. Auch wenn der nichts mehr hört und nur noch wenig sieht - die Liebe des Mädchens spürt er bestimmt. Fotos: Diana Fuchs
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Eins wollen sie nicht: eine Tränendrüsen-Geschichte. Lieber eine Geschichte, die zeigt: Die Angst vor Tierheim-Hunden ist unnötig. "Wir sind ganz normale Menschen", sagt Peter Stephan. "Wenn alle so 'ganz normal' wären - das wäre toll", kontert Iris von Crailsheim, die stellvertretende Vorsitzende des Kitzinger Tierschutzvereins.

Der Verein betreibt das Kitzinger Tierheim. Iris von Crailsheim weiß, dass kaum jemand ältere, kranke oder misshandelte Tiere aufnehmen will. "Deshalb ist es wunderbar, dass es Menschen wie die Stephans gibt."

Die Familie lebt im unterfränkischen Iphofen am Rand des Schwanbergs in einem schmucken Haus mit schönem Garten. Fünf Hunde liegen dort im Grünen bereits begraben - allesamt Vierbeiner aus dem Tierheim, die ihre letzten Jahre unterhalb des Schwanbergs verbringen durften, bei Menschen, die sie lieb hatten.

"Wir hatten immer Hunde aus dem Heim, und zwar immer die älteren und kranken", erzählt Christiane Stephan. Da war zum Beispiel Kira, die aus einer spanischen Tötungsstation kam. "Sie hatte ein verletztes Ohr und ihr Schwanz war abgerissen, außerdem bekam sie immer wieder epileptische Anfälle. Fünf Jahre hat sie uns begleitet."

Der vermeintlich letzte Familienhund, die Golden-Retriever-Dame Conny, ist im Juni dieses Jahres gestorben. "Bevor die Stephans Conny aufgenommen haben, war sie bei ihrem Vorbesitzer jahrelang eingesperrt gewesen", berichtet Iris von Crailsheim. "Sie war auf zwölf Kilo abgemagert, als sie zu uns ins Tierheim kam. Normal wäre bei einem Hund dieser Größe das Doppelte bis Dreifache."

Aufmerksame Nachbarn hatten die Tierschützer informiert, die das klapperdürre Geschöpf daraufhin aus der Garage befreiten. Als die Stephans Conny zu sich holten, hatte sie schon einen Tumor. "Im Frühsommer haben wir heuer noch einen sehr schönen Urlaub an der Ostsee mit ihr verbracht, sie ist mit uns am Strand rumgetollt", erzählt Peter Stephan, während seine Frau entsprechende Fotos zeigt. Einige Wochen danach ging es Conny aber rapide schlechter.

Als die zwölfjährige Hündin nicht mehr aufstehen konnte und ganz offensichtlich große Schmerzen hatte, erlöste der Tierarzt sie. "Wir haben sie gehalten und sie ist friedlich eingeschlafen. Aber das war natürlich sehr schlimm für uns alle. Sie war ein gutes Jahr bei uns gewesen", sagt Christiane Stephan.

Gerade wegen dieser unvermeidlichen Szenen des Abschieds käme manch' einer nie auf die Idee, sich einen alten Hund "anzuschaffen", der dem Tod natürlich näher ist als ein junger. Iris von Crailsheim weiß aus Erfahrung: "Die meisten Leute wollen einen Welpen oder einen jungen Hund, der das Leben noch vor sich hat."

Warum ist das bei den Stephans anders? "Natürlich sind ältere Hunde immer ein Überraschungspaket", sagt Peter Stephan. "Sie können krank werden und vielleicht stehen hohe Tierarztkosten ins Haus." Doch das Alter habe auch Vorteile, die so manchen Nachteil aufwiegen: "Ein junger Hund bedeutet Stress und viel Erziehungsarbeit. Ein alter Hund kennt sich schon im Leben aus, mit ihm ist es viel chilliger und gemütlicher."

Die Stephans finden es zudem schade und traurig, "wenn ältere Hunde im Heim leben müssen oder dorthin abgeschoben werden". Da gebe es Parallelen zu älteren Menschen. "Wenn das möglich ist, ist es in vielen Fällen besser und schöner, wenn sie in einem familiären Umfeld leben können."
Und wenn es irgendwann nicht mehr geht? "Wir haben, Gott sei Dank, beide keine Probleme damit, ein Tier zu erlösen, wenn der Abschied unumgänglich ist", stellt Christiane Stephan fest. Die 48-jährige Physiotherapeutin, die auch auf einer Palliativstation arbeitet, sagt: "Ich bin froh, dass man Tiere nicht unnötig leiden lassen muss, sondern dass sie sanft einschlafen dürfen, wenn das Ende unweigerlich kommt."

Auch Peter Stephan musste schon oft Abschied nehmen. Er ist mit Hunden aufgewachsen. "Der Tod gehört nun mal zum Leben dazu, ob uns das gefällt oder nicht", sagt der 54-jährige Kesselwärter, der sein Geld im Kraftwerk der Uni Würzburg verdient. "Aber deswegen ganz auf die Gesellschaft von Tieren zu verzichten? Nein, das ist doch Quatsch. Es ist einfach schön, wenn ein Hund da ist, denn der lügt nicht, betrügt nicht und ist treu." Christiane Stephan gibt ihrem Mann recht: "Ein Hund ist immer ehrlich, der verstellt sich nicht. Wenn er dich mag, mag er dich. Das ist doch toll."

Eigentlich wollten die Stephans nach Connys Tod erst einmal "eine Hunde-Pause machen", erzählt Peter Stephan. Doch dann erhielt er im August eine Mail von Iris von Crailsheim. Sie erzählte von Viktor, einem weißen Labrador-Mix, der aus einer Tötungsstation in Rumänien gerettet wurde und nun seit einem halben Jahr im Tierheim lebt. Viktor werde vom Tierarzt auf neun Jahre geschätzt, er sei ein sehr netter Hund und tue allen im Tierheim leid, schrieb die Tierschützerin.

"Peter Stephan hat noch am gleichen Tag geantwortet", erzählt Iris von Crailsheim mit einem ebenso frohen wie dankbaren Lächeln. "Er hat 'ja' gesagt: 'Ja, wir nehmen ihn.'"
Also brachte von Crailsheim den tauben und stark sehbehinderten Viktor nach Iphofen. "Das Kennenlernen war super. Er hat uns gleich gemocht. Und wir ihn auch", erzählt Emma Stephan. Die Achtjährige hat keinerlei Berührungsängste - und Viktor genießt ihre Zuwendung und die vielen Streicheleinheiten, die sie ihm schenkt.

Ansonsten ist das Familienleben jetzt "irgendwie wieder komplett", meint Peter Stephan mit einem Augenzwinkern. "Der Viktor hatte in den ersten Tagen ein bisschen Angst, er hat zweimal in die Wohnung gepinkelt. Aber dann nicht mehr. Trotzdem ist er ein ganz Vorsichtiger - wahrscheinlich weil er sich nicht auf Augen und Ohren verlassen kann." Anfangs sei er nur zu seinem Fressnapf gegangen, wenn niemand in der Nähe war. "Vielleicht wurde er früher beim Fressen getreten oder geschlagen."

Mittlerweile habe er aber gelernt, dass er in Iphofen nichts zu befürchten hat. Umgekehrt gilt Dasselbe: "Mit Viktor zum Beispiel in ein Restaurant zu gehen, ist kein Problem", sagt Christine Stephan und krault dem weißen Rüden dabei anerkennend den Hals: "Er verträgt sich mit jedem und bleibt einfach brav am Tisch sitzen. Er passt wirklich gut zu uns."

INFO:Derzeit warten in fränkischen Tierheimen weit über 1 000 Katzen und Hunde auf ein Zuhause; im Tierheim Bamberg beispielsweise die "Langzeitinsassen" Teddy, eine Herdenschutzhündin, und Schafshund-Mix Merlin.

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