KITZINGEN

Ein Stück Heimat auf dem Tisch

Mit ihren syrischen Gerichten begeistert Faiza nicht nur Mann, Kinder und Enkel, sondern auch ihre deutschen Freundinnen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Gefüllte Traubenblätter sind eine Spezialität in Syrien. Faiza hat Gemüse und Reis sowie Reis und Fleisch eingewickelt. Foto: Fotos: Daniela Röllinger
+2 Bilder

Mittagessen an einem Montag um 11.30 Uhr? Für syrische Verhältnisse ist das eigentlich viel zu früh. Normalerweise isst die Familie erst gegen 15 Uhr. Doch um vorzustellen, was in ihrer Heimat gekocht wird, lädt Faiza gerne auch mal früher zu Tisch, zu Fattusch, Kibbeh und gefüllten Traubenblättern. Mittagessen ist Familiensache. Da sitzt in Syrien keiner alleine am Tisch. „Beim Essen sind immer alle zusammen“, sagt die 53-jährige Faiza, die zusammen mit ihrer Tochter vor vier Jahren nach Deutschland gekommen ist, wo ihr Mann schon zwei Jahre lebte. Seit drei Jahren wohnt die Familie in Kitzingen und Faiza hat schon viele Freundinnen gefunden. Frauen, die sie auch gerne mal bekocht – und die sie ihrerseits auch immer wieder mal zum Essen einladen. „Ich liebe Klöße“, sagt sie und hat diese auch selbst schon ausprobiert, auch Sauerbraten findet sie super. Im Normalfall aber kommt das auf den Tisch, was in Syrien Tradition ist und was ihre Mutter ihr schon als Achtjährige beigebracht hat. Und dabei spielt Gemüse eine ganz große Rolle. Syrische Frauen investieren viel Zeit ins Kochen. Sie kochen täglich, ins Restaurant geht es nur in Ausnahmefällen. „Fertigprodukte würde ich nie im Leben kaufen“, erklärt Faiza. Die Redewendung kommt ihr problemlos über die Lippen. Sie kann gut deutsch, übt viel, spricht viel. „Ich habe keine Angst, dass ich Fehler mache. Daraus lerne ich nur.“ Der Sprachkurs alleine reicht nicht, das weiß sie aus Erfahrung. „Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ“, zählt ihr Mann Manal die Fälle der deutschen Sprache auf. „Aber Grammatik alleine reicht nicht“, sagt er. „Wer nur Grammatik lernt und nicht spricht, der lernt die Sprache nicht“, fügt Faiza hinzu.

Mit 40 Liter Milch vom Bauern wird Käse und Joghurt gemacht

Dass sie viel übt und spricht, passt zu ihrer Persönlichkeit, sie ist fleißig, hat immer viel zu tun, kocht, putzt, näht, strickt, häkelt. Als ihre fünf Kinder klein waren, hat sie ihre Schuluniformen und andere Kleidungsstücke selbst genäht. „Ich bin Näherin, aber ich habe keine Ausbildungspapiere“. Das macht es schwer, in Deutschland Arbeit zu finden. So näht und strickt sie eben für daheim und die Familie. Kleider, Hosen, Pullis, Tischdecken, Bettdecken, Dekoration... Selber machen ist auch ihre Devise beim Kochen. Faiza kauft nur wenig ein. Nicht mal den Joghurt, der traditionell zum Essen als Getränk zusammen mit Mineralwasser serviert wird. Regelmäßig fährt das Ehepaar nach Kleinlangheim und holt 40 Liter Milch direkt beim Bauern. Dann steht Faiza stundenlang in der Küche, macht Joghurt und das Getränk Ayran daraus, und Käse – den Frischkäse Labneh zum Beispiel, oder Surki, den sie mit Paprika oder Thymian bestreut, und den es zum Frühstück oder zum Abendessen gibt. Beide Mahlzeiten werden in der Regel kalt zubereitet, nur mittags gibt es ein warmes Essen – oder eher nachmittags. Denn gefrühstückt wird spät, Mittagessen gibt es am Nachmittag, Abendessen meist erst nach 22 Uhr, oft erst um Mitternacht. Der Tagesrhythmus ist ein anderer in Syrien. Zu Bett geht es oft erst um 2 oder 3 Uhr. „Meistens ist unser Licht das einzige, das nachts in der Straße noch brennt“, sagt die 53-Jährige und lacht. Was sie häufig tut, während sie erzählt. Etwa vier Stunden hat Faiza für die Vorbereitung des heutigen Essens gebraucht. „Die gefüllten Traubenblätter machen viel Arbeit“, sagt sie, es dauert bestimmt zwei Stunden, sie zu füllen. Zwei Varianten liegen auf großen Stapeln auf der Servierplatte, die einen mit Reis, Fleisch und Butter gefüllt, die anderen mit Reis, Gemüse und Olivenöl. „Du musst noch etwas essen“, sagt sie mehrmals zu ihrem Gast – Syrer sind ein sehr gastfreundliches Volk. Und es schmeckt lecker und würzig. Die Traubenblätter genauso wie die Kibbeh oder Koba, wie die Familie Ezeddin sie nennt. Auch davon hat sie zwei Varianten zubereitet: die ovalen Taschen sind gefüllt mit Fleisch, Gemüse und Zwiebeln, die runden nur mit Fleisch und Gemüse. Für die braun gebackene Hülle wird Fleisch zu einer Paste zerkleinert, Bulgur zu einem Teig geknetet und beides vermischt.

Dann wird ein nussgroßes Bällchen des Fleischteigs genommen und mit dem Finger vorsichtig ausgehöhlt, bis eine dünne Schicht entstanden ist, die dann gefüllt, in Form gebracht und frittiert wird. Man isst sie nicht mit dem Besteck, sondern mit der Hand, genauso wie die gefüllten Traubenblätter. Beim Fleisch handelt es sich meist um Lamm, nur selten um Rindfleisch. „Wir kaufen einmal im Monat bei einem Metzger in Schweinfurt ein Lamm“, erzählt Faiza. „Wir kaufen kein Fleisch im Supermarkt.“ Und auch das Gemüse kauft sie dort eher selten. Das meiste baut sie selber an. Gurken und Tomaten, wie sie im Salat enthalten sind, der auf dem Tisch steht – Fattusch. Zwiebeln gehören dort hinein, Öl und Knoblauch, Petersilie und Minze. Und natürlich arabisches Fladenbrot, das in kleine Stücke geschnitten, in heißem Öl frittiert und auf den Salat gestreut wird.

Der Garten hinter dem Haus ist eine grüne Oase. Eine große Rasenfläche, große Obstbäume, Beete mit Salat, Tomaten, Safran, syrischen Gurken, Zucchini, Auberginen und mehr. Ein Teil des Saatgutes stammt aus der Türkei, beispielsweise für die Okraschoten, die hellen Gurken oder die Kürbisse, die weiß und lang zwischen den Blättern wachsen. „Wir lieben dieses Gemüse“, erklärt Faiza. Und die Tomaten.

Ein Restaurant eröffnen? Gerne! Aber leider zu teuer

Die gibt es als Suppe zu allerlei verschiedenen Gerichten. Die 53-Jährige verarbeitet sie zu Ketchup, das genauso wie die Mayonnaise selbst gemacht wird. „Warum soll ich etwas kaufen, was ich zuhause besser und günstiger machen kann?“, fragt Faiza ganz offen. Wie gut ihr Essen schmeckt, hat sie schon oft gehört. „Meine deutschen Freundinnen lieben zum Beispiel Zucchini mit Ei. Sie sagen immer, ich soll ein Restaurant eröffnen“, erzählt die Syrerin. Aber sie hat sich erkundigt – das wäre zu teuer. Die Ausgangsprodukte sind oft gleich wie bei deutschen Gerichten, doch die Zubereitung ist anders. Kartoffeln gibt es nicht als Klöße oder Salat, sondern sie werden in den Fleischtopf gegeben oder mit Öl und Safran angebraten. Wobei – Pommes gibt es auch, allerdings heißen sie anders. Oft macht Faiza auch Pommes aus Auberginen. „Lecker“, sagt Ehemann Manal bei vielen Gerichten, die Faiza aufzählt – Mahshi (ausgehöhlte Zucchini oder Auberginen, die mit Reis und Fleisch gefüllt und mit Tomatensuppe serviert werden), Shakriya (Lammfleisch mit Joghurt, Safran und Bulgur als Beilage), Ghraibeh (syrische Butterkekse) oder die mit Fleisch gefüllten Nestnudeln. Falafel natürlich, die aus pürierten Kichererbsenbrei gemachten Bällchen. Und Baklava, für die sie Teig so dünn ausrollt wie Papier, schichtet und mit Sirup aus selbst gemachtem Rosenwasser, Zucker und Zitronensaft übergießt. Das Essen ist ein Stück Heimat, das Faiza und ihr Mann mit nach Kitzingen gebracht haben. Einer Heimat, in die sie nicht zurückkehren können, weil Manal beim Militär war, aber nicht am Krieg teilnehmen wollte. Sie sind geflüchtet, mit dem, was sie am Leib trugen. Zunächst in die Türkei, dann nach Deutschland. Die Tochter lebt ebenfalls in Kitzingen, drei Söhne in Schweden, einer in Ägypten. Alle sind verheiratet, acht Enkel hat das Paar inzwischen. Viele Leute also, die wohl Tag für Tag gemeinsam am Tisch sitzen würden, wäre in der Heimat kein Krieg. Weil Essen in Syrien Familiensache ist.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren