IPHOFEN

Ein seltenes Ereignis steht bevor

Sie wollen sich am Wochenende eiskalt erwischen lassen. Denn die Hoffnung haben sie immer noch nicht aufgegeben. Silvia und Martin Emmerich vom gleichnamigen Iphöfer Weingut wollen Eiswein lesen. Sie gehören zu einer kleinen mutigen Minderheit im fränkischen Weinbau.
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Genau hingeschaut: Martin Emmerich prüft die Trauben, die hinter der Schutzfolie in seinen Weinbergen hängen. Am Wochenende sollen die Bedingungen für die Eisweinlese passen. Foto: Ralf Dieter
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Die dicke grüne Wollmütze und die gefütterte Jacke deuten schon einmal darauf hin, worauf sich Martin Emmerich einstellt: Ein eiskaltes Wochenende mit Temperaturen unter sieben Grad minus. So kalt muss es nämlich mindestens sein, damit Eiswein gelesen werden darf. „Wir warten aber auf noch kältere Temperaturen“, erklärt seine Schwester Silvia. Minus zehn Grad wären ideal, damit die Beeren schon durchgefroren sind und ihre Inhaltsstoffe dicht konzentriert sind. Die Wetteraussichten machen Mut: Laut mehrerer meteorologischer Dienste soll es in der Nacht auf Montag so weit sein. Endlich.

Zwei Wochen vor Weihnachten hatte der Fränkische Weinbauverband eine Abfrage bei seinen Mitgliedern gestartet: „Wer hat noch Trauben hängen? Wer hofft noch auf Eiswein?“ Die Antwort fiel eindeutig aus: Gerade einmal neun Betriebe hatten sich gemeldet.

Die großen Weingüter winkten allesamt ab: „Alles gelesen, nix mehr da. Zum Glück bei diesen Temperatur-Aussichten“, hieß es beispielsweise vom Juliusspital. Der Staatliche Hofkeller hatte keine Eisweinlese vorgesehen, die GWF auch nicht. Das Weingut Apfelbacher aus Dettelbach hatte sich im November gegen eine Eisweinlese entschieden und das Weingut Wirsching aus Iphofen hatte die Ernte ebenfalls Mitte November beendet. Betriebsleiter Uwe Matheus: „Wir haben unseren 'Eiswein' als Riesling Trockenbeerenauslese gelesen.“ Dass die Trauben weitere acht bis zehn Wochen überdauern, sei damals eher unwahrscheinlich gewesen. Heute fühlt sich Dr. Matheus bestätigt. „Die hohen Plusgrade im November und Dezember waren sicher nicht förderlich für den Eiswein“, sagt er.

Diese Erfahrung musste Jochen Meintzinger aus Frickenhausen in seinen Weinbergen machen. Er gehörte zu den neun Betrieben, die auf eine Eisweinlese hofften. 2012 hatte er zum letzten Mal Eiswein eingebracht. „Der ist aufgebraucht. Wir hätten dringend wieder welchen gebraucht.“ Doch die Bedingungen der letzten Wochen haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Dezember zu warm, die letzten Tage verregnet. „Die Trauben sind nicht mehr schön.“

Jochen Meintzinger hat auf einen Folienschutz für seine Trauben verzichtet. Die Emmerichs nicht. Sie haben im November eine Schutzschicht angebracht. „Eine Mordsarbeit“, erinnert sich Martin. Vier Zeilen a 120 Meter. Oben und unten musste die Folie festgetackert werden, damit möglichst wenig Regen und überhaupt kein Wild an die Trauben herankommt. Zwei Tage lang war er beschäftigt. Die Arbeit hat sich gelohnt. Die Silvanertrauben haben sich trotz der schwierigen Bedingungen gut gehalten. Behalten die Meteorologen Recht, kann die Ernte jetzt endlich starten.

Verwandte und Freunde helfen

Die Geschwister haben für das Wochenende schon einmal alles vorbereitet: Acht Verwandte beziehungsweise Freunde stehen Gewehr bei Fuß, die Cuttermesser, Stirnlampen und Thermohandschuhe liegen bereit. „Zuerst schneiden wir die Folie auf, dann die Träubel ab“, erklärt Martin Emmerich. „Und nach der Lese geht es so schnell wie möglich zum Weingut, damit die Trauben gut gekühlt weiterverarbeitet werden können.“

Im Jahr 2002 hatten die Eltern von Martin und Silvia Emmerich das letzte Mal Eiswein gelesen. Nach 13 Jahren soll es endlich wieder so weit sein. „Wir sind schon ganz kribbelig“, gesteht Silvia. Für sie wäre ein Emmerich-Eiswein vom Jahrgang 2015 eine ganz besondere Erinnerung, hat sie doch im letzten Jahr geheiratet.

Wann die Bedingungen für eine Eisweinernte das nächste Mal wieder passen, lässt sich schwer voraussagen. All zu viel Mut kann der Leiter des Instituts für Geografie und Geologie an der Universität Würzburg, Prof. Heiko Paeth, den fränkischen Winzern aber nicht machen. „Unsere Klimamodelle zeigen, dass es in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts im Maintal kaum noch Tage mit einer Tagesdurchschnittstemperatur unter minus sieben Grad Celsius geben wird.“ Das sage zwar noch nichts über die absoluten Tiefsttemperaturen in der Nacht aus, aber laut Prof. Paeth werden sich zumindest die Rahmenbedingungen für den Eiswein deutlich verschlechtern. Schon in den nächsten Jahrzehnten würden die Ereignisse seltener. „Nach 2050 treten sie fast überhaupt nicht mehr auf.“ Für die Emmerichs und alle anderen fränkischen Winzer bleiben also nicht mehr viele Winter, in denen sie auf Eiswein hoffen dürfen.

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