VOLKACH

Ein Schreibtisch als Mathe-Helfer

Der Schreibtisch im Volkacher Museum Barockscheune ist kein normaler Schreibtisch. Auf ihm wurde einst gerechnet.
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Heimatvereinsvorsitzender Herbert Meyer öffnet die mächtige Tischplatte und gewährt einen Einblick in das Innere des Rechentisches. Foto: FotoS: PETER PFANNES
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Das ausgebaute Schloss ist so riesig und schwer, als hätte es das gesamte städtische Guthaben zu schützen gehabt. Der zugehörige großformatige Schreibtisch im Volkacher Museum Barockscheune ist kein normaler Schreibtisch, der einst im Rathaus seine Dienste tat. Es ist ein alter Rechentisch aus dem 16. Jahrhundert, der seinen Nutzern „Rechnen auf Linien“ als perfekte Mathe-Hilfe gewährte. Dass es sich bei dem Schreibtisch um ein außergewöhnliches Exemplar handelt, wurde erst im Oktober des vergangenen Jahres entdeckt. Jetzt ist das Teil restauriert.

Tipp bei einer Gästeführung

Bei einer Führung durch das Schelfenhaus machte ein Teilnehmer Gästeführerin Christa Volk auf einen alten Tisch mit besonderen Einkerbungen auf der Platte aufmerksam. Er wies darauf hin, dass es sich dabei um einen alten „Rechentisch“ handle. Diese Entdeckung machten Heimatvereinsvorsitzenden Herbert Meyer und seine Mitstreiter natürlich sofort neugierig. Sie begannen zu recherchieren.

„Bei der Nachfrage auf Herkunft oder Vorbesitzer des Tisches schieden die früheren Besitzer des Schelfenhauses gleich aus, denn beim Erwerb des Gebäudes durch die Stadt Volkach im Jahre 1956 waren keinerlei Einrichtungsgegenstände mit übergeben worden“, erinnert sich Meyer.

Bei der Restaurierung des Tisches im Mai 2016 durch Martin Brändlein fand sich in einer Ritze der Tischplatte ein altes vergilbtes und gefaltetes Stück Papier mit folgendem Text in deutscher Schreibschrift: „ . . . im Bezirk wurde von . . . Verkehr mit dem infizierten Orte gewarnt und jede Vieheinfuhr aus demselben untersagt; gleiches Verbot gilt auch für Volkach, weil dort gleichfalls die Seuche herrscht. Volkach, den 3ten September 1833, Königl. Landgericht V.S Sauer/(Asseß).“

Herbert Meyer war klar, dass dieser Zettel aus dem Tisch offensichtlich auf eine frühere Restaurierung hinwies. Durch seinen Inhalt fühlte er sich in seiner Meinung bestätigt, dass das Möbel nicht aus dem Schelfenhaus stammen kann, sondern ein Teil der Rathausausstattung war.

Nach dem Erwerb des Schelfenhauses 1956 wurde der Tisch zusammen mit einem Teil der Amtsstubenportrait-Bilder ins Schelfenhaus verbracht. Seit Mai „residiert“ er im Museum Barockscheune.

Prächtig verziertes Schloss

Bei den Restaurierungsarbeiten wurde am oberen Teil des Tisches der Truhendeckel (Tischplatte) geöffnet. Ein schönes altes Kunstschloss kam zum Vorschein. Auf ein an der unteren Seite geschweiftes Schlossblech sind drei Fallen genietet. Die Nieten sind mit kleinen Eisenrosetten verziert. „Der Schlüssel ist leider nicht mehr vorhanden“, bedauert Meyer. Er begann mit Nachforschungen zur Mathematik im 16. Jahrhundert.

Lange Zeit wurden Zahlen (wie Jahreszahlen) mit römischen Ziffern geschrieben. Und für das Rechnen mit diesen brauchte man Hilfsmittel, so etwa das Rechenbrett oder das Rechentuch, auf dem man mit „Rechenpfennigen“ mechanisch auszählen musste. Erst die Einführung sogenannter arabischer Ziffern und der Null ermöglichten das Rechnen in der Art, wie man es sich heute nicht anders vorstellen kann.

Die Rechenlinien

Diese Umstellung vom Rechenbrett auf die neue Art, die das Rechnen vom mechanischen Auszählen zu einer Art geistiger Funktion erhob, setzte sich nur langsam durch: Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde sie allgemein üblich. „Wann das auf dem Volkacher Rathaus geschah, ob schon zur Zeit des Stadtschreibers Niklas Brobst oder erst unter seinem Sohn Sebastian, ist heute nicht mehr nachzuweisen. Nachforschungen im Stadtarchiv können da vielleicht Klarheit verschaffen.“ Auffallend ist laut Meyer nur, dass im Salbuch des Stadtschreibers von 1504 die Zählung der Blätter sowie die Jahreszahl „1504“ schon mit arabischen Zahlen geschah. Andererseits wurden im Text römische Zahlen verwendet.

Wie so ein Rechentisch funktioniert, hat Herbert Meyer besonders interessiert. Auf der Tischplatte sind mindestens vier waagrechte Linien eingezogen, wobei diese von unten nach oben den Wert 1, 10, 100 und 1000 haben. Die Tausender-Linie markiert meist ein Kreuz. Die Bereiche dazwischen bezeichnen das „Spatium“ mit der Wertigkeit 5, 50, 500. Meist trennen zwei senkrechte Linien das Rechenbrett zur Abgrenzung von Zahlen.

Auf den Linien oder im Spatium wurden die Zahlen mit Rechensteinen dargestellt. Ausführlich beschrieben hat Adam Ries(e) das Verfahren in seinem Werk „Rechnung auff der linihen“ (Rechnen auf Linien, 1518).

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