Keiner streicht einem so liebevoll über den Kopf, keiner tröstet wie sie. Und keiner hört einem so gut zu. Ohne Opa und Oma fehlt was. Erst recht, wenn Sprach- oder andere Probleme den Alltag erschweren. Wie schön wäre es manchmal, einen "Joker" zu haben, einen neutralen Ansprechpartner, der Zeit und Lust auf ein bisschen "Familienanschluss" hat. Tina Stochl wünscht sich von Herzen "mehr Menschen, die ehrenamtlich eine Familienpatenschaft übernehmen". So wie Franz Groß. Der 69-jährige frühere Busfahrer und Fahrer im Direktorium der Stadt Würzburg steht seit einem halben Jahr einer allein erziehenden Mutter und deren drei Kindern mit Rat un d Tat zur Seite. Er ist positiv überrascht, wie glücklich ihn seine neue Aufgabe macht. Und Tina Stochl, die das Kitzinger Paten-Projekt koordiniert, freut sich, dass sie auf Menschen wie Franz Groß zählen kann.

Herr Groß, Sie sind quasi der ehrenamtliche Opa für Ihre Paten-Familie, oder?
Franz Groß: So kann man das sehen, ja. Ein leiblicher Opa ist nicht in der Nähe und auch sonst fühlt die Mutter sich noch ziemlich fremd im Landkreis Kitzingen. Die beiden Töchter, elf und 13 Jahre alt, gehen aufs Gymnasium, der kleine Sohn ist sechs Jahre alt und ABC-Schütze. Das Verhältnis zum Ex-Mann ist schwierig. Ich helfe dem Quartett immer dann, wenn ich gebraucht werde.


Wann ist das zum Beispiel der Fall?
Groß: Neulich hat mich die Mutter angerufen, weil ihrem Sohn in der Schule schlecht geworden ist. Sie selbst war auf der Arbeit, also habe ich ihn von der Schule abgeholt. Oder kürzlich habe ich spontan einen Fahrdienst für die Kinder übernommen, weil deren Vater kurzfristig abgesprungen war. Natürlich könnte auch in anderer Hinsicht meine Hilfe gefragt sein, zum Beispiel im zwischenmenschlichen Umgang miteinander oder beim Ausfüllen von Formularen.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit "Ihrer" Familie?
Groß: Manchmal sehen wir uns 14 Tage lang gar nicht, dann wieder dreimal die Woche. Es kommt ganz einfach darauf an, wann ich gebraucht werde. Ganz am Anfang habe ich die Mädchen gefragt, was sie sich von einem Familien-Paten wünschen. Ihre Antwort war: Dass er da ist, wenn es irgendwo Schwierigkeiten gibt. Diesen Wunsch versuche ich umzusetzen und dadurch langfristig Vertrauen aufzubauen.
Tina Stochl: Genau das macht einen Familienpaten aus: Er hat ein offenes Ohr, wenn es irgendwo hakt. Aber er ist kein "Offizieller", den eine Behörde schickt, sondern ein Freund, der einfach gerne hilft.

Besteht nicht die Gefahr, ausgenutzt zu werden?

Groß: Wir Paten haben in Tina Stochl einen großen Rückhalt, sie ist immer für uns da - mit Rat und Tat.
Stochl: Natürlich darf niemand zu sehr vereinnahmt werden, das Verhältnis muss schon passen. Beim Patendienst gibt es, wie überall im Leben, Grenzen: Man kann und muss nicht überall helfen. Ich bin gut vernetzt mit den behördlichen Stellen und weiß, wo es für spezielle Probleme kompetente Ansprechpartner gibt. Ich stelle da gerne Kontakte her, zum Beispiel zum Sozialamt oder zu anderen Ämtern. Auch mit der Schulsozialarbeit ist der Austausch rege. Außerdem bieten wir den Paten Fortbildungen und Stammtische an. Kurz gesagt: Niemand muss Angst haben, dass er mit irgendeinem Problem alleine dasteht.

Was sind das für Familien, die sich einen Paten wünschen?
Stochl: Das ist ganz unterschiedlich. Viele haben einen Migrationshintergrund und stehen ohne Verwandte und Freunde da, haben niemanden, der sie berät und den Alltag mit ihnen teilt. Aber wir haben auch die klassische deutsche Familie, die zum Beispiel aus beruflichen Gründen nach Kitzingen ziehen musste und hier niemanden kennt. Diese Familie wünscht sich eine Familienoma oder einen Familienopa, weil "ohne" einfach etwas fehlt. Familie ist eben nicht nur Vater, Mutter, Kind, sondern da gehören auch Großeltern und Freunde dazu.

Aber wie gewährleistet man, dass die Chemie zwischen Patenfamilie und Paten stimmt?

Stochl: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es muss menschlich passen, sonst haben beide Seiten keine rechte Freude an der Patenschaft. Deshalb versuchen wir schon im Vorfeld genau abzuklären, was gewünscht ist und was der potenzielle Pate zu geben bereit ist. Nur wenn das zusammenpasst, gibt es ein erstes Treffen, bei dem man schnell merkt, ob sich da die Richtigen gegenüberstehen oder nicht.
Groß: Bei mir und meiner Paten-Familie hat die Chemie gleich gepasst, der Bub und ich haben uns gesucht und gefunden. Von Schulkonzerten bis hin zu anderen Auftritten - wir haben schon bis in den Spätsommer hinein Termine im Kalender eingetragen, bei denen ich dabei sein soll.

Während die so genannten "Bildungspaten" sich um ein oder zwei Kinder ganz speziell kümmern, ihnen bei den Schularbeiten helfen und die Freizeit mit ihnen gestalten, sind Familienpaten für alle Familienmitglieder da. Ist es nicht ganz schön schwierig, allen gerecht zu werden?

Stochl: Es ist nicht so schwer, wie man denkt. Oft werden aus Bildungspaten ganz automatisch irgendwann Familienpaten. Es ergibt sich einfach so, indem der Kontakt zur Familie intensiver wird und man quasi hineinwächst.
Es gibt viele Menschen, die sich sozial engagieren wollen, aber Angst haben, von einer ganzen Familie "überrollt" zu werden. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich nur sagen, dass das noch nie der Fall war, im Gegenteil. Eine Familienpatenschaft kann ganz besonders erfüllend sein.
Groß: Das stimmt. Ich bekomme so viel Positives zurück! Es ist sehr wertvoll, wenn man für andere da sein und ihnen helfen kann, sofern man - wie ich - die Zeit dazu hat. Dadurch habe ich auch gelernt, mein eigenes familiäres Umfeld und die Harmonie bei mir zuhause noch viel mehr zu schätzen. Ich wollte nie ein Rentner sein, der nur daheim rumsitzt. Ich will etwas Sinnvolles tun, das mich erfüllt und mir Spaß macht. Das Patenamt ist da genau das Richtige.

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