Kitzingen
Weltherztag

Echte Herzenssache

Elfmal hat sein "Kästle" in der Brust Hans Esch schon das Leben gerettet. Chefarzt Dr. Wolfgang Karmann zeigt, wie das besondere Gerät dem Herzen Beine macht.
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70 bis 100 Defibrillatoren implantiert das Team von Dr. Karmann (r.) in Kitzingen durchschnittlich pro Jahr.  Foto: Diana Fuchs
70 bis 100 Defibrillatoren implantiert das Team von Dr. Karmann (r.) in Kitzingen durchschnittlich pro Jahr. Foto: Diana Fuchs
Wer Hans Esch zwischen dem linken Schultergelenk und der Brust berührt, der spürt - nichts Besonderes. "Sie dürfen ruhig richtig hinlangen, da kann nichts passieren", stellt der 74-jährige Repperndorfer lächelnd klar. Tatsächlich ist beim zweiten Versuch eine kleine Erhöhung fühlbar. Es ist ein in der Brust implantiertes High-Tech-Gerät, etwa so groß wie eine Streichholz-Schachtel.

Der so genannte Drei-Kammer-Defibrillator gleicht nicht nur Eschs Herzschwäche aus. Er registriert auch tödliche Rhythmusstörungen und schickt dann einen heftigen Stromstoß auf den Weg zum Herzen, das daraufhin wieder zu schlagen beginnt. Elfmal hat das "Kästle", wie Esch sagt, ihm nachweislich das Leben gerettet.

Wer den rüstigen Rentner mit den blitzblauen Augen und dem schelmischen Lachen mit dem Patienten vergleicht, den der Hausarzt 2009 in die Klinik Kitzinger Land einwies, findet keine Ähnlichkeit. Chefarzt Dr. Wolfgang Karmann, Leiter der Abteilung Innere Medizin, erinnert sich: "Herr Esch ist todkrank zu uns gekommen, litt an Atemnot und war bettlägerig." Hans Esch ergänzt: "Ich war am Ende, habe nicht mehr sitzen können, nicht flach liegen. Und wie ich geschwitzt habe! Ich war elend beieinander."

Viele Wochen lang war das schon so gegangen, die Fachärzte, die er aufsuchte, tippten auf alles Mögliche, bis hin zu einer Allergie gegen Kanarienvögel.
Dass ein lebensbedrohliches Herzproblem vorlag, erkannte schließlich der Hausarzt.

Karmanns Team im Krankenhaus diagnostizierte eine Herzinsuffizienz, also -schwäche, mit unzureichender Auswurfleistung. Eschs linke Herzkammer arbeitete nur auf Sparflamme. Der Rentner wurde in der Klinik zunächst medikamentös aufgepäppelt. Das in seinem Körper angesammelte überflüssige Wasser - zehn, elf Liter - wurde ausgeschwemmt. Dr. Karmann: "Durch die Medikamente wurde Herrn Eschs Lage zwar deutlich besser, aber noch immer war er schwer beeinträchtigt."

Drei Herzsonden


Da sich die rechte und die linke Herzkammer zeitlich verzögert zusammenzogen, konnte das Blut nicht optimal durch Eschs Körper gepumpt werden. Doch der Chefarzt wusste Rat: Ein modernes Implantat mit drei statt zwei Herzsonden - einer zusätzlichen Elektrode für die linke Herzkammer - kann die Kontraktionen normalisieren. "Kardinale Resynchronisation" nennt man das. "Sensationell", findet Dr. Karmann die Ergebnisse, die sein Team seit rund fünf Jahren mit dieser Methode für Patienten wie Esch erzielt.

In einer anderthalb- bis zweistündigen Operation werden über die großen Venen nicht nur die drei Sonden an biegsamen, zwei bis drei Millimeter dicken Schläuchen ins Herz geführt, sondern oberhalb des Brustmuskels wird auch ein kleiner "Computer" implantiert. Sobald dieser an die Sonden angeschlossen ist, erkennt er Störungen des Herzens und leitet Gegenmaßnahmen in die Wege.

Ein Schlag rettet Leben


"Das Kästle gehört inzwischen zu mir." Hans Esch legt die Hand aufs Brustbein. Außer der schon verblassten OP-Narbe sieht und spürt er kaum noch etwas von der nervenaufreibenden Zeit vor drei Jahren, in der sein Herz elfmal den Dienst versagte. Karmann: "Er wäre quasi elfmal tot gewesen." So aber sorgte der Defibrillator für lebensrettende Energie. Sein Kondensator baut in Sekunden 900 Watt auf.

Zufrieden wertet Dr. Karmann die Daten aus, die der Mini-Computer in Eschs Brust liefert. Seit 2010 hat der frühere Baumaschinenhändler keinen "Energie-Schuss" mehr benötigt, seine Herzfunktion hat sich offenbar stabilisiert.

Esch selbst stellt fest: "Im Alltag bin ich quasi ohne Beschwerden. Der Dr. Karmann hat mir eine wunderbare Maschine eingebaut - ich kann sogar wieder Rasen mähen." Das freut den Chefarzt. "Es ist sehr wichtig, dass der Patient aktiv ist, körperlich und geistig."

Herkömmliche Herzschrittmacher implantiert die Klinik Kitzinger Land schon seit 30 Jahren. Moderne "Defis" werden den Patienten seit Mitte der 90er Jahre eingesetzt. Und die Entwicklung geht rasch weiter. "Wir treiben die Kardiologie hier sehr voran", stellt Dr. Karmann fest. Ob Diagnostik per Kardio-CT oder Schrittmacher-Therapie: Neue medikamentöse und technische Möglichkeiten eröffnen Herzpatienten gute Chancen, wieder ein normales Leben führen zu können. Durch das "Herzinfarktnetz" und die Zusammenarbeit mit der Uni-Klinik können laut Karmann heute viel mehr Infarktpatienten gerettet werden als früher.

Mit der natürlichen Alterung wird Herzschwäche aber immer häufiger ein Problem. "Zum Glück macht die Medizin große Fortschritte." Früher hätte niemand Hans Esch helfen können. Dank seines kleinen Implantates erfreut er sich jedoch guter Gesundheit und bester Laune: "Das Kästle ist ein Segen."


Herztag : Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesurache in Deutschland. Am heutigen Weltherztag macht moderne Medizintechnologie Hoffnung.

Warnsignale: Herzkrankheiten äußern sich nicht immer mit Herzschmerzen. "Indizien sind unklare Leistungsschwäche, eine unheimliche Müdigkeit, Atemnot, Wassereinlagerungen, nächtliches Wasserlassen und die Tatsache, nicht flach liegen zu können", erklärt Dr. Karmann.

Patientenseminar : "Herz in Gefahr - Koronare Herzkrankheiten erkennen und behandeln" : Unter der Leitung von Chefarzt Dr. Wolfgang Karmann findet am Samstag, 10. November, von 9 bis 12 Uhr in der Alten Synagoge Kitzingen das nächste Patientenseminar statt.
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