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Düstere Rentenaussichten?

Beim Blick in die Zukunft gibt es viele Unwägbarkeiten
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Wo führt der Weg für künftige Rentner hin? Die Gewerkschaft NGG meint, dass viel mehr Rentner in der Armut landen werden. Foto: ArchivFoto: dpa/Armim Weigel

Dem Landkreis Kitzingen droht Altersarmut – in einem größeren Ausmaß als bislang angenommen. So schreibt es die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in einer Pressemitteilung. Die Befürchtung ist grundsätzlich nicht von der Hand zu weisen. Dennoch lohnt sich ein genauer Blick auf die Datenlage.

Gewerkschaftssekretär Ibo Ocak malt ein düsteres Bild der Zukunft. Rund 12.000 Arbeitnehmer im Kreis Kitzingen würden – so, wie sie heute arbeiten – nur eine Rente unterhalb der staatlichen Grundsicherung bekommen. Selbst dann, wenn sie nach immerhin 45 Berufsjahren in den Ruhestand gingen. Das wären 31 Prozent aller Beschäftigten im Kreis. Fast jeder Dritte von Altersarmut bedroht?

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Die aktuellen Daten sprechen jedenfalls eine ganz andere Sprache: 216 Hilfe-Empfänger über 65 Jahren sind derzeit beim Landratsamt gelistet, davon 160 Rentenbezieher. Auch der Sprecher der Agentur für Arbeit in Würzburg, Wolfgang Albert, ist angesichts der angekündigten Menge an armutsbedrohten Menschen skeptisch. „Die Logik der Kalkulation erschließt sich mir nicht.“ Rund 38.000 Arbeitnehmer gibt es derzeit im Landkreis Kitzingen. Ungefähr 11.000 von ihnen sind Teilzeitbeschäftigte – viele junge Mütter sind darunter, aber auch Menschen, die statt 40 Stunden nur 35 Stunden arbeiten können oder wollen. „In der Regel arbeiten diese Menschen irgendwann wieder in der Vollzeit“, so Albert. Er fordert deshalb, die gesamte Erwerbsbiografie in die Berechnungen der künftigen Rentenhöhe mit einzubeziehen – und nicht nur einen Ausschnitt

Albert will die Problematik keinesfalls klein reden. Der Niedriglohnbereich habe sich tatsächlich ausgedehnt – und das wirke sich letztendlich auch auf das Rentenniveau aus. Erstaunlicherweise habe der Fachkräftemangel bislang noch keine positive Wirkung auf das Lohngefälle. „Die Entwicklung der Löhne verläuft jedenfalls nicht kongruent zu dem Bedarf an Arbeitskräften.“ Will heißen: Nur weil in manchen Branchen Arbeitnehmer Mangelware sind, bedeutet das noch lange nicht, dass diese seltenen Arbeitskräfte besser bezahlt werden.

Geringer Lohn im Raum Kitzingen

Im Raum Kitzingen ist das Lohnniveau überdies geringer als im mainfränkischen Durchschnitt. 3040 Euro erhält der Durchschnittsverdiener hier, in Würzburg Stadt liegt der Betrag bei 3283 Euro – und im Raum Mainspessart sogar bei 3392 Euro.

Mehr Geld für Menschen, die ein Leben lang arbeiten, fordert die Gewerkschaft NGG. Zugleich sieht sie die Arbeitgeber in der Pflicht. „Klar ist, dass aus Mini-Löhnen keine Spitzen-Renten werden“, betont Ocak. Gerade in Branchen wie dem Gastgewerbe oder dem Bäckerhandwerk müssten im Kreis Kitzingen viele Beschäftigte im Alter aufstocken. „Dabei haben Hoteliers, Gastronomen und Bäckermeister bei der Bezahlung durchaus Spielraum. Anstatt auf Aushilfen mit wenigen Wochenstunden zu setzen, sollten sie reguläre Vollzeitstellen schaffen – und zwar bezahlt nach Tarif“, so der Gewerkschafter. Eine Kritik, die der Innungsobermeister der Bäcker, Marcus Will, von sich weist. Die Innungsbetriebe würden sehr wohl auf Vollzeitmitarbeiter setzen. Gerade in Bäckereifachgeschäften sei ein hoher Beratungsbedarf der Kunden vorhanden, der nur mit einem gut eingespielten Team zu gewährleisten ist. „Um das zu erreichen setzt das Bäckerhandwerk überwiegend auf Vollzeitkräfte“, so Will.

Selbst nach einem Berufsleben mit Vollzeitbeschäftigung drohe vielen Arbeitnehmern ein Rentner-Leben in Armut. Aktuell habe rund jeder Dritte im Kreis Kitzingen einen Rentenanspruch von weniger als 1.000 Euro monatlich – nach 40 Arbeitsjahren, behauptet Ocak und beruft sich dabei auf Berechnungen des Pestel-Institutes in Hannover. Dessen Pressesprecher Matthias Günther macht folgende Rechnung auf: Bei einem Durchschnittsverdienst von 3090 Euro und einer Einzahlungszeit von 45 Beitragsjahren kommt am Ende eine Rente in Höhe von 1240 Euro heraus.

Viele würden diesen Betrag aber nicht erreichen. 21 Prozent der deutschen Arbeitnehmer würden im Niedriglohnsektor arbeiten, viele davon dauerhaft. Ein einigermaßen einträgliches Rentenniveau werde häufig über den Ehepartner aufgefangen. „Männer haben aufgrund ihrer Erwerbsbiografien in der Regel höhere Renten“, erklärt Günther. Als Singlehaushalt kämen die wenigsten klar – trotz 45 Jahren als Beitragszahler.

Frauen haben es schwerer

VdK-Kreisgeschäftsführer Klaus Peter Mai kann das nur bestätigen. Den Männern gehe es in der Regel besser als den Frauen. „Die leiden immer noch unter der unterbrochenen Erwerbsbiografie wegen Schwangerschaft und Kinderbetreuung“, erklärt er. Alleinstehende Rentnerinnen bekämen bei ihrem Rentenantrag schon automatisch Vordrucke für aufstockende Leistungen beigelegt.

Zu den Beratungsstunden kommen die unterschiedlichsten Menschen in die VdK-Geschäftsstelle. In den meisten Fällen kommt bei der Berechnung eine Rente zwischen 1000 und 1200 Euro heraus. „Das Grundsicherungsniveau liegt bei 720 Euro“, erinnert Mai. Nach seinen Berechnungen erhält ein Arbeitnehmer, der 40 Jahre lang einen Durchschnittsverdienst von rund 37.000 Euro aufweist, am Ende der Arbeitszeit rund 1100 Euro netto als Rente.

Der VdK fordert deshalb von der Politik, an der Beitragsschraube zu drehen und das Rentenniveau auf über 50 Prozent aufzustocken. Derzeit liegt es bei 48 Prozent. Dieses Niveau wurde bis ins Jahr 2025 festgelegt. Gewerkschafter Ocak ist bei seinen Prognosen deutlich negativer. Er geht davon aus, dass die durchschnittliche Rente bis zum Jahr 2030 auf nur noch 43 Prozent des Einkommens abfällt.

Viele Wenn und Abers. Viele Unwägbarkeiten beim Blick in die Rentenzukunft. „Altersarmut ist ein weicher Begriff“, sagt denn auch Vdk–Geschäftsführer Mai. Für ihn geht sie spätestens bei einem Einkommen unter 1000 Euro los. Einig sind sich alle jedoch in einer Sache: Wer über 40 Jahre nur den Mindestlohn bekommt, der wird sicher keine gute Rente erhalten.

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